Kopenhagen/Wien. Sollen wir arbeiten, bis wir 75 sind? Mit seinen Vorstellungen vom künftigen Arbeitsleben hat Schwedens konservativer Premier, Fredrik Reinfeldt, seine Landsleute in Aufruhr versetzt: Mindestens ein Karrierewechsel mitten im Berufsleben, lebenslange Weiterbildung und ein viel späterer Ruhestand sind die Eckpfeiler in Reinfeldts Modell. „Wir werden mit 30 nicht das arbeiten, was wir mit 70 tun“, sagte der Premier. „Aber wenn wir den Standard bewahren wollen, den wir uns erwarten, müssen wir länger werktätig bleiben.“
Der Vorschlag stößt auf massiven Widerstand. Nicht nur der Sozialdemokrat Tomas Eneroth nennt ihn eine „Provokation“. „Mit 75 kann ich keine Schaufel mehr heben“, sagte ein im Fernsehen befragter Betonarbeiter, und eine Krankenschwester spottete: „Dann fahren wir mit dem Rollator von Bett zu Bett und teilen mit zittriger Hand Medizin aus.“ In einer Webumfrage der Zeitung „Aftonbladet“ lehnten 90 Prozent die Rente mit 75 ab.
Der schwedische Premier traf offenbar einen Nerv und lässt damit nicht nur Schweden, sondern ganz Europa zusammenzucken. Denn auch die EU hat längst erkannt, dass der Kontinent mit den Problemen einer alternden Bevölkerung zu kämpfen hat, und ist mittlerweile entschlossen gegenzusteuern: So will EU-Sozialkommissar Laszlo Andor kommende Woche ein Weißbuch für „angemessene, sichere und nachhaltige Pensionen“ vorstellen, in dem er die Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters fordert. Nur so könnten die Kosten für das Pensionssystem, die im EU-Schnitt zehn Prozent der Wirtschaftsleistung betragen, reduziert werden. Passiert bis 2060 nichts, lägen sie bei 12,5 Prozent. Österreich gibt für Pensionen bereits jetzt 12,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.
Laut Informationen des „Wirtschaftsblatts“ sieht Andors Entwurf vor, das Pensionsantrittsalter in der EU bis 2060, analog zur Lebenserwartung, um fünf bis sieben Jahre anzuheben. In Österreich müssten Männer und Frauen dann etwa bis 72 Jahre arbeiten.
EU rügt Österreich für Frühpensionen
Zumindest laut Gesetz. Tatsächlich erreicht heute nur knapp jeder dritte Österreicher, der in Pension geht, das gesetzlich vorgeschriebene Alter (60 Jahre für Frauen, 65 für Männer). Im Schnitt sind die Österreicher beim Arbeitsausstieg 58,1 Jahre alt. Schweden weist im Vergleich dazu mit 64,3 Jahren einen der höchsten Werte auf.
In seinem Weißbuch mahnt Andor Österreich daher auch, den Gang in die Frühpension drastisch zu beschränken und das gesetzliche Antrittsalter für Frauen schneller an jenes der Männer anzugleichen. Derzeit ist geplant, dass Frauen wie Männer ab 2033 mit 65 Jahren in den Ruhestand treten.
In Österreich sprachen sich am Mittwoch IHS-Chef Bernhard Felderer und Pensionsexperte Bernd Marin für eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters aus. Sie stärken damit Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl den Rücken, der vor wenigen Tagen gefordert hat, das Antrittsalter binnen zwanzig Jahren auf 69 anzuheben. Kämen keine Reformen, würde die steigende Lebenserwartung Österreich jährlich Zusatzkosten von 239 Millionen Euro bescheren, rechnet Marin vor. Schon heute hat das Land die dritthöchsten Pensionsausgaben in Europa.
Alle Experten sind sich jedoch einig, dass hierzulande vor allem die Anhebung des faktischen Pensionsantrittsalters Priorität haben müsse. Nach Schätzungen der Pensionsreformkommission brächte jedes Jahr, das die Österreicher später in Rente gingen, 1,2 Milliarden Euro. Felderer sieht im Thema Pensionen die „Königsfrage“ der laufenden Koalitionsverhandlungen. Als mögliche Einigung kolportiert wurden bisher eine Streichung der Invaliditätspension für unter 50-Jährige, die Anhebung des Korridorpensionsantrittsalters auf 63 Jahre sowie geringere Pensionssteigerungen. In Schweden kennen die Bürger kein festes Pensionsantrittsalter mehr, sondern ein flexibles. Wer länger arbeitet, bekommt mehr, wer früher geht, weniger.
Auch Reformen auf dem Arbeitsmarkt nötig
Fraglich ist, wie „teure“ ältere Semester in Arbeit gehalten werden könnten. Dass in Österreich nur jeder dritte Mann zwischen 60 und 64 Jahren beschäftigt ist, liegt nicht nur an der fehlenden Lust der Menschen zu arbeiten. Viele Unternehmen nutzen großzügige Frühpensionsmodelle auch, um ältere Mitarbeiter von den Gehaltslisten zu bekommen. Gefragt seien daher vor allem auch Reformen auf dem Arbeitsmarkt, meinen Kritiker. Denn solange Österreicher im Alter automatisch immer teurer werden, werden nur wenige Unternehmen sie mit offenen Armen empfangen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2012)





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