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Frankreich: Sarkozy kennt kein EZB-Tabu mehr

16.04.2012 | 18:16 |  Von unserem Korrespondenten RUDOLF BALMER (Die Presse)

Präsident Sarkozy kopiert nun die Forderungen seines Herausforderers François Hollande und verabschiedet sich von Vereinbarungen mit Berlin. Postwendend konterte Hollande, Sarkozy sei ein „Wundertütenkandidat“.

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Paris. Auf dem Place de la Concorde, wo einst zur Zeit der Schreckenstage der Revolution Marie-Antoinette und Ludwig XVI. durch die Guillotine enthauptet wurden, beschwört Nicolas Sarkozy seine historischen Vorbilder Napoleon und General de Gaulle. Die Stunde ist ernst, viele Franzosen sind unzufrieden und würden symbolisch wenigstens gern wieder einen Kopf rollen sehen. Zu seiner Rettung appelliert Sarkozy an die „schweigende Mehrheit“ in der Bevölkerung. Diese definiert er als das Frankreich, das nicht protestiert, das nichts kaputt schlägt und es satt hat, dass man in seinem Namen über Ideen redet, die es nicht teilt. Neuerdings zählt er auch einen Teil der Europa-Skeptiker zu diesem Stimmenreservoir, das er für seine Wiederwahl im Sprint mobilisieren will.

Um sie zu erreichen, hat Sarkozy bereits in Aussicht gestellt, dass Frankreich aus dem Schengen-Abkommen austritt. Sollten die europäischen Partner nicht den Wünschen nach verschärften Kontrollen nachkommen, würden die Grenzen wieder geschlossen. Am vergangenen Wochenende rüttelte er auch noch am Tabu der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) und des auf reine Haushaltsdisziplin konzentrierten Fiskalpakts. Paradoxerweise kopiert er damit Teile aus dem Programm seines sozialistischen Herausforderers François Hollande, die er noch vor Kurzem als unrealistisch und im Widerspruch zu einer guten Zusammenarbeit mit Deutschland stehend verurteilt hatte. Postwendend konterte Hollande zu solchen „Improvisationen“, Sarkozy sei ein „Wundertütenkandidat“, der ständig seine Meinung ändere und neue Dinge versprechen müsse.

 

Europa ändern

Sarkozy fühlt sich dennoch im Recht: „Nach allem, was wir für die Rettung des Euro getan haben, will ich jetzt nicht nur das Problem der Grenzen anpacken, sondern auch das der Wachstumsförderung durch die EZB. Wenn wir Europa nicht ändern, um das Europa der Produktion und der Investition daraus zu machen, werden wir kein Wirtschaftswachstum haben.“ Wie sein Gegner Hollande möchte nun auch Sarkozy den Fiskalpakt mit einem Programm von Wachstumsinitiativen ergänzen. Noch im vergangenen November hatte Sarkozy bei einem Treffen mit Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel und Italiens Ministerpräsident Mario Monti versprochen, sich nicht mehr zur Arbeit der EZB zu äußern. Er wollte ebenso wie seine deutsche Kollegin die im EU-Vertrag festgeschriebene Unabhängigkeit der Zentralbank achten.

Die Wende des französischen Präsidenten ist zunächst ein innenpolitisches Signal. Konkurrenten, die wie die Rechtspopulistin Marine Le Pen Frankreichs Heil in einem Austritt aus dem Euro sehen oder wie der „Linksfront“-Tribun Jean-Luc Mélenchon die Sparpolitik mit Bausch und Bogen verwerfen, haben ein wachsendes Echo gefunden. Der „Pro-Europäer“ François Hollande hatte mit seinem Vorschlag von Neuverhandlungen über den Fiskalpakt zwar die EU-Partner irritiert. Gleichzeitig hat er es aber geschafft, seine eigenen Genossen zu vereinen, die sich 2005 in der Abstimmung über den EU-Verfassungsentwurf entzweit hatten.

Auf das Risiko hin, wegen seiner Europa-Politik aus Berlin als wankelmütiger Verbündeter betrachtet zu werden, sagt Sarkozy, es gebe letztlich keine Alternative: „Europa muss seine Schulden abtragen, und daran kommen wir nicht vorbei. Aber zwischen Deflation und Wachstum haben wir ebenso wenig die Wahl. Wenn Europa auf die Deflation setzt, wird Europa verschwinden.“

Deutschland jedenfalls ist wenig amüsiert. „Es gibt eine Grundüberzeugung der Regierung, dass die EZB unabhängig vom Zureden der Politik ihre Rolle versieht“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag und fügte hinzu: „Das ist in Paris bekannt.“

Auf einen Blick

Präsidentenwahl. Vor der ersten Runde am kommenden Sonntag hat Frankreichs Präsident Sarkozy einen neuen EU-Kurs angekündigt. Er will nach seiner Wiederwahl nicht nur die offenen Grenzen, sondern auch die Unabhängigkeit der EZB infrage stellen.

Stichwahl. Da am Sonntag wohl kein Präsidentschaftskandidat die notwendige Mehrheit erhalten dürfte, wird am 6. Mai eine Stichwahl stattfinden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2012)

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16 Kommentare
Gast: Bernau
17.04.2012 14:37
0 0

Schwaches Frankreich

Frankreich sollte lieber etwas vorsichtiger argieren. Das Land ist zu schwach. Eine neurliche Prüfung durch die Ratingagenturen würden das Land bestimmt zwei Stufen herabwerten.

Gast: Bänkster
17.04.2012 14:09
1 0

"Wachstumsförderung durch die EZB"

= er meint nominale Erhöhung der BIP-Zahlen bzw. nominales Wirtschaftswachstum.

in der Praxis bedeutet "Wachstumsförderung durch eine Nationalbank" nichts anderes wie INFLATION (Geldentwertung).

Gast: ist in paris bekannt
17.04.2012 12:46
0 0

verzweifelt versucht der kleine

keine zeit mit seiner ehefrau verbringen zu müssen.

Gast: Na und?
17.04.2012 11:50
1 0

Eines sei klargestellt:

Sarkozy hat für seine Wiederwahl auch franz. Truppen nach Lybien geschickt. Also Tote für eine Wahl in Kauf genommen.

Moralisch ist er daher mausetot.

EZB unabhängig?

Schon lange nicht mehr! Sie hat die Geldschleusen geöffnet und in wenigen Jahren ihre Bilanzsumme um das Dreifache (!) ausgeweitet um trotz Verbots (das trickreich umgangen wrude!) die Staatsschulden der PIIGS zu finanzieren. Die ganze Euromisere und ihre Konsequenzen für Ö jetzt gut beschrieben:http:
//www.andreas-unterberger.at/2012/04/der-geplante-verfassungs-putsch-im-mai/

Zahlreiche Postings lassen die Stimmung in Ö erkennen.

EZB unabhängig?


Gast: radius
17.04.2012 10:34
2 1

Napoleon als Vorbild kann wohl nur mehr als gefährliche Drohung für Europa verstanden werden.


0 0

wir haben schon so viel getan...

jetzt müssen wir weitermachen. Das haben wir schon oft gehört. Die einzige möglichkeit den Euro zu retten wenn wir die totale Transfersunion nicht wollen, wäre der Austritt einiger Länder gewesen.

Gast: Vogel Strauss
17.04.2012 09:15
0 0

Wahlkampfgeschwätz

Das kennen wir doch auch von unseren Spezialisten ... vorher wird aus dem Vollen geschöpft, nach der Wahl kann sich keiner mehr an sein Geschwätz erinnern ... und gegen die EU-Partner kann er gar nichts machen!

Gast: unbeteiligter
17.04.2012 08:40
0 0

dem reserve- napoleon geht ja ordentlich ...

die düse dass man ihn nicht mehr will.

hofllentlich fallen die franzosen auf den lügner nicht nochmal rein, denn am tag nach seiner wahl ist wieder alles anders.

Das Ende der EU wird auch ihn wegfegen und das ist gut so.


Angeblich wird Sarkozy am Tag vor der Wahl verkünden,

dass er nach seiner Wahl zum Präsidenten den gesamten EZB Rettungsschirm zu Gunsten Frankreichs zu konfiszieren und zu verstaatlichen, danach wieder zum Franc zurück zu kehren und sämtliche Moslems in Frankreich zum Katholizismus zwangsweise zu konvertieren.

Re: Angeblich wird Sarkozy am Tag vor der Wahl verkünden,

Er wird wohl wieder gewinnen. Er möchte den Weg von Napoleon gehen und vermutlich bis Sommer nach Wien kommen! Vor Herbst möchte er ja in Moskow sein...

Antworten Gast: ITC
17.04.2012 08:55
0 1

Re: Angeblich wird Sarkozy am Tag vor der Wahl verkünden,

Er wird genau genommen nichts machen.

Wenn er aus dem Schengen steigen will, dann soll er das jetzt machen. Er braucht nicht warten.

Alles nur sinnloses Gerede! Hoffentlich können die Franzosen das erkennen.


Gast: Hudriwudri
17.04.2012 01:06
2 0

„Es gibt eine Grundüberzeugung der Regierung, dass die EZB unabhängig vom Zureden der Politik ihre Rolle versieht“

Die orientiert sich offenbar nicht sehr an den bekannten Fakten.

Gast: EFF EFF
16.04.2012 23:09
1 0

Borneo brennt, die EU ebenfalls.

Mit der Eurokrise hat der bankengesteuerte politische Affenstall seine Glaubwürdigkeit vollends verloren.

Gast: fastgast
16.04.2012 22:55
1 0

Deflation?

Deflation? Was nimmt der Gute bitte? Muss jedenfalls schwer bewusstseinsverändernd sein ...