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Ein EU-Gipfel ohne Tabus

22.05.2012 | 18:35 |  Von unserem Korrespondenten OLIVER GRIMM (Die Presse)

Debatten über Eurobonds, Hilfskredite für Spaniens Banken und der Umgang mit Griechenlands Malaise werden am Mittwoch die Gemüter der EU-Chefs auf dem EU-Krisen-Gipfeltreffen erhitzen.

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Brüssel. Und wieder ein Krisen-Gipfeltreffen – oder auch nicht. Wer am Vortag des informellen Gipfeltreffens der Staats- und Regierungschefs in Brüssel mit Diplomaten spricht, kann sich des Eindrucks nur schwer erwehren, dass Europas Politiker kollektive Realitätsverweigerung betreiben.

„Ich wiederhole mich: Dieses Treffen ist ein Schritt in der Vorbereitung des formellen Europäischen Rates, der Ende Juni stattfinden wird“, sagte ein hoher Eurokrat. Ein deutscher Regierungsberater wählte folgende Beschreibung: „Das ist kein Entscheidungstreffen, kein Griechenland-Sondertreffen, sondern es ist einzig dem Umstand geschuldet, dass seit unserem letzten Treffen im März eine Menge passiert ist.“

Immerhin das ist wahr: Die Griechen haben gewählt, aber ihre Politiker konnten keine Regierung bilden, und somit rückt der Staatsbankrott näher. Spaniens Banken sind schwerer angeschlagen als bisher erwartet, und so droht erstmals ein großes Euroland in Zahlungsprobleme zu kommen.

Und vor allem sitzt im Pariser Élysée-Palast seit 15.Mai der Sozialist François Hollande. Und der will, anders als sein konservativer Vorgänger Nicolas Sarkozy, über Dinge reden, die Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel bisher erfolgreich vom Tisch wischen konnte.

Gemeinsame Staatsanleihen der Euroländer, ein Wachstumsprogramm mit neuen staatlichen Ausgaben und eine aktive Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) bei der Stützung der Volkswirtschaften: All das hat Hollande im Wahlkampf gefordert. Und er bringt es nun auf die EU-Chefebene.

 

„Werde Eurobonds vorschlagen“

„Zu dem Paket gehören auch Eurobonds, und ich werde sie nicht alleine vorschlagen“, sagte Hollande nach dem Nato-Gipfeltreffen in Chicago. „So wie ich von Eurobonds spreche, ist es rechtmäßig, dass die Deutschen von Strukturreformen reden.“

Doch „die Deutschen“ wollen von Eurobonds nichts hören. „Mit Verlaub: Das ist keine neue Diskussion. Da können Sie mich um drei Uhr morgens wecken, und ich werde Ihnen unsere Position sagen“, diktierte der deutsche Regierungsberater den versammelten Journalisten in die Notizblöcke. „Wir halten das aus ganz vielen Gründen nicht für den richtigen Weg.“

 

Bürger denken anders als ihre Regierungen

Die Meinung des deutschen Volkes aber gibt diese Ablehnungshaltung nicht wieder. In einer Eurobarometer-Umfrage in allen 27 EU-Staaten sagten 65Prozent der befragten Deutschen, sie hielten Eurobonds für notwendig im Namen der Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten. Im EU-Durchschnitt meinten das nur 64Prozent. 51Prozent der Deutschen sagten, dass dadurch die finanzielle Stabilität der Eurostaaten erhöht würde – und das trotz des Umstands, das 69Prozent der Deutschen erwarten, dass Eurobonds jene Länder, die nicht in Schwierigkeiten sind, bestrafen würden. Auch eine knappe Mehrheit von 51Prozent der Österreicher ist im Namen der Solidarität für Eurobonds; sie sehen das somit anders als zumindest die ÖVP, für die Finanzministerin Maria Fekter ein ums andere Mal erklärt, dass sie eine Vergemeinschaftung der Schulden ablehnt.

 

Ungelöstes Bankproblem

Umfragen mögen flüchtig sein, die schwere Krise des europäischen Bankenwesens ist es nicht. Zwar kann das befristete Krisenvehikel EFSF ebenso wie der dauerhafte, demnächst startende Euro-Währungsfonds ESM den Regierungen Geld für die Rekapitalisierung ihrer Banken zur Verfügung stellen. Bloß: Wenn Spanien seine Banken mit einem möglicherweise dreistelligen Milliardenbetrag stützen muss, überfordert das seine finanziellen Möglichkeiten. Müsste Spanien also einzig zur Sanierung seiner Banken Hilfskredite von EFSF oder ESM annehmen, würde es mehrere Jahre keine Anleihen mehr an den Märkten begeben können – siehe die Beispiele Griechenlands, Irlands und Portugals. Fliegt Spanien von den Märkten, könnte Italien als nächstes dran sein. Und dann wäre der ESM viel zu klein. Darum drängt Madrid darauf, dass der ESM seine Banken direkt rekapitalisiert darf. Auch Paris will das. Doch Berlin blockt. Und ein Brüsseler Diplomat eines Nicht-Eurolandes räsoniert: „Wenn der französische Präsident über spanische Banken redet, kann man sehen, wie ernst die Lage ist.“

Auf einen Blick

Heute, Mittwoch, treffen sich in Brüssel die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder zu einem informellen Gipfel. Bei einem Abendessen wollen sie über Wege zu mehr Wachstum und den Fortschritt der nationalen Budgetsanierungen reden.

Die harten Nüsse wie Eurobonds oder schnellere Kapitalspritzen für Spaniens Banken will Deutschlands Kanzlerin Merkel lieber nicht knacken. Doch die Wahl des Sozialisten Hollande zum Präsidenten Frankreichs macht Debatten über diese Fragen von nun an unumgänglich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2012)

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8 Kommentare
Gast: KrisenGipfeltreffen
27.05.2012 11:07
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"Bürger denken anders als ihre Regierungen"

Die Piratenpartei kommt an die Macht sicher.
Merkel ist mit solchem Verkehrsminister nicht wieder mit seiner Partai wählbar.
Ständige Systembildende initiativen v. Verkehrsministerium macht Binnenmarkt Auto Industry Versand Industry u.s.w. KAPUTT. Merkel ist mit solche Verkehrsminister nicht wieder wählbar.

Antworten Gast: EUR
27.05.2012 12:12
0 0

Re: "Bürger denken anders als ihre Regierungen"

Seltsame Bürgerbeteiligung beim Verkehrsministerium.

1 0

Re.: "Bürger denken anders als ihre Regierungen"


Das ist, insbesondere bezogen auf Deutschland, eine infame Lüge und damit ein weiterer Tiefpunkt in der einseitig verzerrten Berichterstattung der "Presse" zum Thema EU.

Dezidiert gegen Eurobonds sprechen sich Deutschland, Slowenien, Estland und Finnland aus.

---
QA13 - Würden Sie auf Grundlage Ihres Wissens über Eurobonds sagen, dass Sie für oder gegen die Schaffung von Eurobonds sind?
(Werte für DE)

Voll und ganz dafür: 3%
Eher dafür: 15%
Eher dagegen: 31%
Voll und ganz dagegen: 27%
Weiß nicht: 24%
---
Zum Euro insgesamt:

QA3: Bitte sagen Sie mir, inwieweit Sie der folgenden Aussage zustimmen oder nicht zustimmen: Alles in allem hat der Euro die negativen Auswirkungen der Krise gemildert.

Stimme voll und ganz zu: 6%
Stimme eher zu: 22%
Stimme eher nicht zu: 32%
Stimme überhaupt nicht zu: 30%
Weiß nicht: 10%
--

Zur Vergemeinschaftung der Schulden und desse stabilisierender Wirkung ("Would reinforce the financial stability of the Member States?") gibt es für DE, AT und FI einen starken Überhang in der Ablehnung!

http://www.europarl.europa.eu/aboutparliament/en/00191b53ff/Eurobarometer.html?tab=2011_0

Falsche Baustelle.

Werter Herr Müller,

Sie beziehen Ihre Daten aus einem alten Eurobarometer vom Oktober 2011.

Die von mir zitierten Angaben entstammen einem aktuellen, am Montag veröffentlichten Eurobarometer, im Rahmen dessen zwischen 10. und 25. März befragt wurde.

Den Link finden Sie hier: http://www.europarl.europa.eu/aboutparliament/en/00191b53ff/Eurobarometer.html?tab=2012_2

Wenn Sie auf dieser Seite angelangt nach ganz unten scrollen, finden Sie unter "Further information" einen Link zu "Country fiches".

Das ist eine zip-Datei, in der Sie unter E. das deutsche Ergebnis finden - und dort wiederum auf Seite 3 die von mir zitierten Zahlen.

Hoffe, die Sache hat sich damit erübrigt.

Freundlichen Gruß, OG

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Re: Falsche Baustelle? - Fehlende Vergleichszahlen!


Unter "Country fiches" finden sich auch diesmal die Ergebnisse für die einzelnen Länder. Die Antworten auf die oben bereits zitieren Fragen zur Zustimmung zu Eurobonds wurden diesmal, im Gegensatz zur vorigen Umfrage, nicht veröffentlicht. Was meinen Sie, warum das so ist?

Damals gab es eine signifikante Ablehnung zu Eurobonds insbesondere in D.
Falls Sie a) aktuelle Zahlen für QA3 und QA13 haben und b) diese Zahlen eine Meinungsänderung aufzeigen, will gerne meine Ansicht revidieren.

Die "richtige Baustelle" bleibt nun mal jene, ob die Bürger die Bonds wollen oder nicht. Solange die Bürger sie nicht wollen, ist es unredlich zu schreiben "Bürger denken anders als ihre Regierungen".

Europäische Dogmen

Die Vorgangsweisen und Argumentationslinien sind seit über drei Jahren fester Bestandteil der EU-Politik. Einzig Frankreichs neuer Präsident stört ein wenig die Harmonie. Demokratische Lösungen, die von den Völkern Nordeuropas wie auch jener im Süden des Kontinents getragen werden könnten, sind nicht in Sicht.
Europa benötigt dringend einen Neustart. Krampfartiges Festzurren an Dogmen behindert dies.


Und wieder einmal werden wir die volle Wahrheit erst dann erfahren, wenn es die Spatzen bereits vom Dach pfeifen

Die Bevölkerung hat ein Recht und die Politik die Verpflichtung zur umfassenden Information. Die Politiker vereinbaren und das Volk darf dann dafür zahlen.

http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/455425_Der-groesste-Betrug-bzw.-Selbstbetrug-in-der-Geschichte-der-2.-Republik.html

Failman unterstützt Hollande beim Thema Eurobonds,

das bedeutet, dass unsere Finanzierungskosten steigen werden und unser Budget noch "enger" wird!

Failman ist die grösste Pfeiffe seit Stan Laurel!