DiePresse.com

DiePresse.com | Politik | Artikel DruckenArtikel drucken


„Gewisse Zweifel“ an Lunacek

03.06.2009 | 08:02 | KLAUS HÖFLER (Die Presse)

INTERVIEW. Kaspanaze Simma, grünes Urgestein, ist mit seiner Partei nicht mehr zufrieden. Dass EU-Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek etwas ändern kann, bezweifelt er.

Die Presse: Sie haben vor zehn Jahren als grüner Landtagsabgeordneter die landespolitische Bühne verlassen: Wie zufrieden sind Sie heute mit Ihrer Partei?

Kaspanaze Simma: Nicht so recht, weil ich zu wenig alternative Wirtschaftsansätze erkennen kann.

Können Sie die Grünen heute noch wählen?

Simma: Können schon.

 

Aber?

Simma: (lächelt)

 

Wofür stehen die Grünen heute?

Simma (überlegt lange): Für einen technologisch akzentuierten Umweltschutz; für eine gut gemeinte Vorstellung einer größeren sozialer Gerechtigkeit und auch für den Bereich Migration. Bei den beiden letzten Themen haben sie Lösungsansätze, die aber nicht wirklich weiterführen. Der sozialdemokratisch linke Zugang zur sozialen Gerechtigkeit ist keine ausreichende Antwort.

 

Was fehlt Ihnen?

Simma: Für mich ist die Linke die Antwort auf das industrielle Projekt, das sich dem Ende zuneigt. Ich finde, eine ökosoziale Steuerreform wäre etwas Handfestes und wäre mehrheitsfähig. Den Grünen war das aber nur eine Presseaussendung wert. Da wäre mehr möglich und nötig. Ich hatte da eine gewisse Hoffnung, aber sie lebt nicht mehr sehr stark.

 

Worauf führen Sie das zurück?

Simma: Es hat einen großen ideologischen Aderlass gegeben seit den Anfängen. Das kann man zwar von der Dynamik her verstehen, wenn man eine politische Partei wird und man sich dem Druck der kurzfristigen strategischen Politik nicht entziehen kann. Aber man müsste sich den Luxus leisten, Zukunftsperspektiven zu entwerfen und öffentlich zur Diskussion zu stellen. Zur Ehrenrettung der Grünen muss man aber sagen, dass so eine Partei viel Eigenaufwand bedeutet. Je mehr Marketingprofis herumwerken, desto weniger Platz bleibt für den Politiker.

 

Haben die Grünen mit Johannes Voggenhuber eines dieser ideologischen Gesichter, die Sie meinen, verloren?

Simma: Ich war mit ihm und seiner EU-Politik auch nicht zufrieden.

 

Wird es mit Ulrike Lunacek besser?

Simma: Ich habe da gewisse Hoffnungen, aber nach den ersten öffentlichen Äußerungen tauchen gewisse Zweifel auf.

 

Was müsste die EU besser machen?

Simma: Sie hat aus ihrer Entwicklung heraus stark industrielle Ansätze, ich fände es als einen enormen Fortschritt, wenn die EU eine bessere Balance zwischen Geldwirtschaft und Nichtgeldwirtschaft finden würde.

 

Die Grünen haben sich nach dem Wechsel von Alexander Van der Bellen auf Eva Glawischnig explizit weiter links positioniert. Ist das Ihrer Meinung nach gescheit?

Simma: Ich sehe das anders, aber ich will da niemanden dreinreden. Das wäre nicht hilfreich.

 

Trauern Sie dem Rotationsprinzip an der grünen Parteispitze nach?

Simma: Ich halte nichts mehr davon, aber viel von Leuten, die sich einen Abschied aus der Politik leisten können – wie ich. Als Bauer bin ich in der komfortablen Situation, von niemandem abhängig zu sein.

 

Können Sie sich ein Comeback abseits des Gemeinderats, in dem Sie seit 19 Jahren sitzen, vorstellen?

Simma: Ich bin immer interessiert an interessanten Gesprächspartnern, habe aber länger keinen getroffen. So genieße ich die Freiräume und habe eine Leidenschaft fürs Nachdenken und Suchen neuer Wege entwickelt – neben meiner Landwirtschaft.


© DiePresse.com