Paris. Die Grünen tanzten vor lauter Vorfreude auf ihrer letzten Wahlveranstaltung. Ihr Spitzenkandidat, Daniel Cohn-Bendit, strahlte übers ganze Gesicht, er wand und drehte sich wie ein Tanzbär auf der Bühne, weil die Umfragen seiner Liste „Europe Ecologie“ ein sensationelles Ergebnis verhießen. Von dann 16,3 % der Stimmen und 14 Sitzen (gleich viel wie für die von den Wählern praktisch ex aequo platzierten Sozialisten) hatte aber nicht einmal der unverbesserliche Europa-Optimist Cohn-Bendit geträumt. Als er vor Monaten aus Deutschland nach Frankreich zurückkam, um seinen ziemlich deprimierten Freunden bei „Les Verts“ (Die Grünen) wieder einmal seine Hilfe anzubieten, glaubte ihm kaum einer, als er ein Ergebnis von „10 plus x“ Prozent als Vorgabe nannte.
Dennoch sahen die französischen Grünen in ihm den Retter aus der Not, wie schon 1999, als er mit ihnen bei den Europawahlen fast zehn Prozent der Stimmen erhielt. Seit den vernichtend schlechten Ergebnissen bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2007 zweifelten „Les Verts“ an ihrer Existenzberechtigung. Wozu brauche es sie, da doch von Umwelt, Nachhaltigkeit, Klimaschutz etc. mittlerweile alle sprachen, inklusive der rechte Staatspräsident Nicolas Sarkozy.
Mit Pro-Europa-Politik gepunktet
Gerade weil er nicht zu Frankreichs politischem Establishment gehört, gelang es Cohn-Bendit, mit den französischen Grünen aber über all die Schatten zu springen und eine politisch offene, klar proeuropäische Umweltliste zu bilden, auf der dann auch Leute wie der Globalisierungskritiker und Bauernrebell José Bové, die bekannte frühere Untersuchungsrichterin Eva Joly oder Freunde des Naturschützers und Fernsehstars Nicolas Hulot kandidierten.
Die meisten anderen Listen beschäftigten sich mehr mit der französischen Innenpolitik, oder, wenn sie von Europa sprachen, dann kritisierten sie vorab die Mängel der EU-Politik. Nicht so Cohn-Bendit, der von Europa schwärmte, wenn er beispielsweise bei seinen Auftritten ein Video mit der von Mstislaw Rostropowitsch solo gespielten „Hymne an die Freude“ kommentiert: „Ist das nicht schön? Das wiegt ebenso viel wie die 27 Nationalhymnen. Ihr könnt die EU kritisieren, und mit Recht. Aber ihr könnt sie nur kritisieren, weil sie existiert.“
Vom Rädelsführer zum Realo
Keiner verkörpert Europa in dieser Weise und mit seiner persönlichen Geschichte wie er. Er kam als Kind einer aus Deutschland vor dem Naziterror geflüchteten jüdischen Familie und als „Staatenloser“ am 4. April 1945 auf die Welt, optierte nach seiner Kindheit für die französische, mit 14 Jahren aber für die deutsche Staatsbürgerschaft. Das ermöglichte es den französischen Behörden, den später als „roter Daniel“ berüchtigten Anarchisten und Rädelsführer der Studentenrevolte des Mai 68 in seine „Heimat“ auszuweisen. Der freche Rotschopf wurde damit erst recht zum Idol einer Generation.
Die roten Haare des heute 64-Jährigen sind inzwischen etwas grau geworden, der Blick aus den blauen Augen ist aber immer noch forsch provozierend. Seit den bewegten Zeiten des Mai 68 hat er sich politisch sehr gemäßigt. Als viele seiner früheren antikapitalistischen Freunde in Frankreich gegen das „neoliberale“ Europa Sturm liefen, plädierte er für ein Ja zum EU-Verfassungsvertrag.
Seit mehr als zwanzig Jahren steht er stets mit einem Fuß in der deutschen, mit dem anderen in der französischen Politik, und mit beiden tanzt er in Straßburg auf der parlamentarischen Bühne der Union. Jetzt mehr denn je, nach seinem jüngsten Wahlerfolg. „Das ist der ,D-Day‘ der Ökologiebewegung“, triumphierte er am vergangenen Sonntag. Er träumt schon von einer grünen Welle, die sich von der „Landung“ in Frankreich auf ganz Europa ausdehnt.
Sein Etappenziel ist die Bildung einer Allianz der linken Mitte in Frankreich, aber auch in Straßburg. Die Schwächung der Sozialdemokraten in mehreren EU-Staaten eröffnet neue Bündnisperspektiven ohne dominierende Fraktion. Der vereinte Kampf gegen die Kandidatur des wieder antretenden EU-Kommissionsvorsitzenden José Manuel Barroso soll in Cohn-Bendits Augen der erste Test für diese Erneuerung werden, bei der er – wie immer ohne falsche Bescheidenheit – als ökologischer Katalysator eine entscheidende Rolle spielen möchte.
■Daniel Cohn-Bendit war prominenter Exponent der 68er-Bewegung. Der rote Daniel wurde 1984 Mitglied der Grünen und ein Jahrzehnt später in das Europaparlament gewählt. Er gilt in seiner Partei als Realo. In der europäischen Fraktion ist er derzeit Kovorsitzender. Der 64-Jährige kandidierte diesmal nicht für seine deutschen Grünen, sondern für die französischen Parteikollegen, und fuhr einen klaren Erfolg ein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2009)
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