Jugendliche sind deutlich europafreundlicher eingestellt als ihre Eltern und Großeltern: Das bestätigt eine genaue EU-Nachwahlanalyse des Meinungsforschungsinstituts OGM im Auftrag von „ALDE“, der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa. 16- bis 29-Jährige, die in der EU mehr Vor- als Nachteile sehen, wählten Grün, Schwarz oder Hans-Peter Martin. Die jungen Frauen sind übrigens klar europaskeptischer als junge Männer (siehe Grafik) und sagen außerdem doppelt so oft, an Politik allgemein desinteressiert zu sein.
Insgesamt sehen 38 Prozent in der EU-Mitgliedschaft Österreichs Vor- und 26 Prozent Nachteile. Für 27 Prozent halten sich Vor- und Nachteile die Waage. Mit der Höhe der Bildung steigt die Zustimmung zu Europa. Mit 42 Prozent liegt die Wahlbeteiligung bei den Jungen leicht unter dem Schnitt (mit den Wahlkarten betrug sie insgesamt gut45 Prozent).
Gründe für das Nichtwählen? Erstaunlicherweise sagen nur drei Prozent, dass für junge Menschen wichtige Themen nicht behandelt wurden. 13 Prozent geben ein allgemeines Desinteresse an Politik an (Frauen: 18 Prozent), elf Prozent beklagen einen Informationsmangel über Europa. 39 Prozent sagen, sie hätten eigentlich wählen wollen, seien aber verhindert gewesen – wohl eher ein vorgeschobenes Argument, wie OGM-Chef Wolfgang Bachmayer meint.
Erstwähler gehen übrigens deutlich häufiger zu den Urnen, danach bricht die Beteiligung ein. Das könnte an der Faszination des „ersten Mal“ liegen, aber auch am verstärkten Marketing der Parteien für diese Gruppe. „Die Frage ist, warum die Parteien den Fisch, den sie an der Angel zappeln haben, so leicht wieder verlieren“, sagt Bachmayer im „Presse“-Gespräch.
Rot und Blau gleichauf
Nach der vorliegenden Analyse (Frage: „Wen haben Sie heute gewählt?“) hat die ÖVP mit 28 Prozent auch bei Jugendlichen die Nase vorn. Platz zwei teilen sich FPÖ und SPÖ. Die Blauen liegen mit 19 Prozent und die Grünen mit 15 Prozent (hier ex aequo mit Martin) deutlich über dem EU-Wahlergebnis. Jungwähler der ÖVP sind klar pro-europäisch, ein starkes Wahlmotiv. Bei der SPÖ ist das Wählerklientel gespalten, womit auch das rote Dilemma sichtbar wird: ein Teil spricht sich klar gegen Rechtsradikalismus aus, der andere setzt auf „rechte“ Themen, wie Bekämpfung von Kriminalität.
Die Spitzenkandidaten wurden von den Befragten als eher unwichtig erachtet – mit Ausnahme der FPÖ. Doch hier war wohl eher der „Falsche“, nämlich Heinz-Christian Strache, ausschlaggebend und nicht der eigentliche blaue Kandidat für das EU-Parlament, Andras Mölzer. Strache punkte bei Jugendlichen nicht nur mit „harten, emotionalen“ Themen, sondern auch mit jugendgemäßem Auftreten, glaubt Bachmayer. Die ÖVP spricht tendenziell eher Männer an, die SPÖ eher Frauen und Städter.
Informationen über die EU beziehen Jugendliche in erster Linie aus den Medien: TV, Online, Zeitungen. Nur eine mäßige Bedeutung hat die Schule. Die politische Bildung sei offenbar stark ausbaufähig, so die Schlussfolgerung des OGM-Chefs. Die Freunde als Informationsquelle spielen übrigens eine noch viel unwichtigere Rolle. „Über öde Politik redet man nicht“, versetzt sich Bachmayer in jugendliche Lebenswelten hinein.
Initiatorin der Studie war die scheidende EU-Abgeordnete Karin Resetarits (die über die Liste Martin 2004 nach Brüssel kam, dann aber bei den Liberalen andockte). Sie ist beruhigt, dass die Jugendlichen weniger stark als bei der letzten Nationalratswahl „nach rechts abdriften“. Die Lehre, die die Liberalen daraus ziehen? Dass es offenbar Erfolg versprechender ist, eine wirtschafts- als eine sozialliberale Linie einzuschlagen. Das sei auch der internationale Trend bei den Liberalen. Resetarits selbst kehrt der Politik den Rücken und geht in die Wirtschaft.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2009)

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