HEILIGENDAMM. Über der Kleingartenkolonie liegt die gespenstische Ruhe einer Geisterstadt. Vogelgezwitscher erfüllt die Luft, die Kühlungsborner Straße in Heiligendamm ist beinahe ausgestorben. Würde da nicht das Bundeskriminalamt herumkurven und berittene Polizei hoch zu Ross durch die Siedlung patrouillieren, würde nichts darauf hindeuten, dass sich keine 300 Meter Luftlinie entfernt gerade Weltpolitik ereignet.
Während Angela Merkel mit den Staats-und Regierungschefs die Gipfelagenda Punkt für Punkt abhakt, haben sich die Bewohner in ihren Häusern eingeschlossen. Während George W. Bush mit dem Mountainbike vielleicht gerade durch das kleine Wäldchen rings um das Luxushotel radelt, verschafft auch Hartmut Preissler sich und seinem Dackel in der eng umsteckten Zone Bewegung. Und während Nicolas Sarkozy womöglich den Strand entlangjoggt, stutzt Benno Henning die Hecke in seinem Garten. Den Nachmittag hat er samt Familie am Strand verbracht. „Ich habe aber nur die Beine ins Wasser gehalten. Das war aber noch zu kühl.“
Zum Abschluss eine Party
Dass Chinas Hu Jintao, Brasiliens Lula da Silva, Südafrikas Thabo Mbeki oder Indiens Manmohan Singh kurz eingeschwebt sind, haben sie allenfalls via Fernsehen verfolgt. Die Anrainer zählen die Stunden, bis alles überstanden ist, bis der Tross der Politiker, Diplomaten, Medienleute und Demonstranten wieder abzieht und das Terrain rund um Heiligendamm wieder den Nordic Walkern und den Radfahrern gehören wird.
Schon am Freitag hat sich die Lage indessen deutlich entspannt. Die Blockaden und Barrikaden in Hinter Bollhagen und an der Trabrennbahn in Bad Doberan sind geräumt, die bunte Protest-Karawane ist zu den Camps zurückgekehrt. Es war Party angesagt, bevor die Globalisierungskritiker wieder in alle Welt ausschwärmen.
Donnerstagabend hatte Campino, der Sänger der „Toten Hosen“, beim Konzert gegen Armut vor 70.000 Zuschauern in Rostock gelästert: „Angela Merkel gibt 'ne Party, und wir kommen nicht rein.“ Auch von Bono, Bob Geldof und vor allem von Herbert Grönemeyer musste sich die Gastgeberin Hohn und harsche Kritik gefallen lassen. Die Rock-Stars verstehen sich als selbst ernannte Trommler für die Schwachen und Unterdrückten dieser Welt.
Sperrfeuer der NGOs
Zu diesem Zeitpunkt waren sowohl die Polizeikräfte als auch die Demonstranten nach zwei Tagen und zwei Nächten ausgelaugt von den Strapazen des Katz- und Maus-Spiels in den Feldern und Wäldern. Am Freitag lagen manche bereits in der Sonne, Journalisten hielten Siesta in den Strandkörben und auch die Touristen streckten am Strand von Kühlungsborn alle viere von sich. Es roch wieder nach Urlaub an der Ostsee.
Vorübergehend sorgte Greenpeace für Furore, als die Umweltschützer einen Heißluftballon über Rostock steigen ließen – doch dem Protestakt war bald die Luft entwichen. Das Ringen um die Deutungshoheit, um die Interpretation des G8-Gipfels, war jedoch längst nicht zu Ende. Im Gegenteil: Die Propagandamaschinerie setzte gerade allseits ein.
Noch bevor die Politiker ihre Abschlussbilanzen zogen, gingen die Nichtregierungs-Organisationen daran, die Ergebnisse zu zerpflücken. Zu weit gingen die Fortschritte, lautete der Tenor der NGOs. Attac, das Globalisierungs-kritische Netzwerk, bezeichnete das Treffen der G8 als „Auslaufmodell“ und als „substanzlos“.
Wie sagte Tina, eine 26-jährige Aktivistin aus Belfast in ihrem Rundumschlag: „Die Politiker hängen sich doch nur ein grünes Mäntelchen um. Das ist nicht ernst gemeint, sondern bloße Taktik. Das ist eine Show.“ Und auch der Evangelische Kirchentag in Köln adressierte gut gemeinte Appelle an die Mächtigen in Heiligendamm: „Lasst Geld nicht die Welt regieren.“
Wenig überraschend war auch, dass eine aufgeräumte Angela Merkel, vom Boulevard soeben zur „Miss World“ gekürt, kleine Erfolge verkündete. Natürlich, die Meinungen gingen durchaus auseinander, konzedierte sie. „Aber wir können uns die Ziele gar nicht aussuchen.“ In der Klimapolitik rang die deutsche Bundeskanzlerin dem US-Präsidenten einen Kompromiss ab.
Daran lag es allerdings nicht, dass sich George W. Bush Freitag früh ein wenig unwohl fühlte. Hatte das Überrumpelungsmanöver des russischen Staatschefs Wladimir Putin, in Aserbaidschan eine gemeinsame Raketenabwehr-Radarstation zu betreiben, Bauchgrimmen verursacht? Oder waren Steinbutt und Thunfisch schuld? Am Reiseplan der Air Force One änderte sich indes nichts: Am Nachmittag stand Danzig auf dem Programm, am Abend Rom.
Sarkozy wirbelte umher
Die großen Acht speisten die Entwicklungsländer mit mehr als nur Brosamen ab: Sie bestätigten die geplante Verdoppelung der Entwicklungshilfe auf 50 Milliarden Euro bis zum Jahr 2010; und sie sagten weitere 60 Milliarden Euro – davon die Hälfte aus den USA – zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten zu, was in den Geberländern die Pharmaindustrie ankurbeln dürfte.
Informell standen in Heiligendamm selbstverständlich die brennenden Probleme der Weltpolitik auf dem Tapet – vom Kosovo bis zu Nahost. Dass dabei keine neue Lösung auftauchte, wunderte die wenigsten. Vor allem die Europäer, allen voran Tony Blair und Nicolas Sarkozy, versuchten sich als Problemlöser in die Bresche zu werfen.
Insbesondere der vor Ehrgeiz schier platzende Neuling aus Paris arbeitete vor den Parlamentswahlen in seiner Heimat am Sonntag unter Hochdruck an seinem Macher-Image. Frankreichs Präsident wirbelte mit Verve herum, warb für seinen EU-Minivertrag und rührte auch in allen anderen Fragen nach Kräften mit. Die Botschaft, er hätte sich eine umfassendere Einigung in der Umweltpolitik gewünscht, war selbstverständlich in erster Linie an das Publikum in der Heimat gerichtet.
Nachdem die politischen Protagonisten und ihre Kritiker noch einmal ihre Sicht der Dinge dargelegt und Blair und Putin ihre Abschiedsgala im Rahmen der G8-Staaten gegeben hatten, kehrte Heiligendamm allmählich wieder zur Beschaulichkeit zurück.
Eine leichte Brise strich übers Meer, die Äste wiegten sich im Wind – die großen Welle der Aufregung hatte sich aber verlaufen. Der Zaun wird die Küstenregion nur noch für kurze Zeit in ein Drinnen und Draußen trennen, und von Heiligendamm wird möglicherweise nur der Terminus „Heiligendamm-Prozess“ im politischen Jargon überdauern – als Bezeichnung für den permanenten Dialog zwischen Industrienationen und Schwellenländern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2007)
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