Wien. Der bekennende Rapid-Fan hat das Match gegen die Zweit- und Drittligisten locker nach Hause gespielt. Während der grün-weiße Fußballrekordmeister aus Wien-Hütteldorf nach einem Unentschieden in Salzburg die Titelchance weitgehend abschreiben muss, hat Heinz Fischer das Bundespräsidentenamt verteidigt. Die Pension muss für den 71-Jährigen, dessen Vater Rudolf schon von 1954 bis 1956 Staatssekretär war, auch nach 47 Jahren in der Politik warten.
Einst spröder Wahlkämpfer
Fischer selbst ist überzeugt, dass ihn seine ersten sechs Jahre in der Hofburg seit 2004 nicht verändert haben. Stimmt nicht. Ein Vergleich zu den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren offenbart anderes: Da war der gebürtige Grazer, der als Kind ins bürgerliche Wien-Hietzing übersiedelte, im Wahlkampf als SPÖ-Klubchef trotz direkten Kontakts mit den Menschen kein Politiker zum Anfassen, sondern spröde.
„Offenbar haben mich die Menschen anders wahrgenommen. Es ist eben ein Unterschied, ob man die Nummer zwei oder die Nummer eins ist“, befand Fischer im Herbst 2004 nach nur wenigen Monaten im Amt als Bundespräsident. Hohe Sympathiewerte bei den Österreichern erreicht kein Staatsoberhaupt allein durch Eierspeiskochen im Wahlkampf, viel eher schon durch seinen Verbleib in der heimeligen Wohnung in der Wiener Josefstadt in Spaziergangnähe zur Hofburg.
Fischer ist Miles-Davis-Fan. Das Swingen zu Jazzrhythmen wirkt vor Kameras freilich ein bisschen ungelenk. Aber bei den Österreichern steht Fischers Liebe zum Wandern und zu den Bergen wohl ohnehin höher im Kurs.
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Der am Sonntag wiedergewählte Bundespräsident war zwar niemals bei der einst beliebten Ratesendung „Was bin ich?“ zu Gast, in der Moderator Robert Lembke zu Beginn stets um eine typische Handbewegung der Eingeladenen gebeten hat. Bei Fischer hätte es nur eine geben können: eine Waageposition mit zur Seite gestreckten Armen, die Finger auf beiden Seiten Argumente unterstützend nach oben zeigend. Bei Interviews hat er Medienleute mit seinem abgewogenen Für und Wider fast ausnahmslos beinahe zur Verzweiflung getrieben.
Fischer ist aufgeblüht, seit er die Rolle als zweiter Mann, die er in der SPÖ an der Seite der Parteivorsitzenden von Bruno Kreisky bis zu Alfred Gusenbauer eingenommen hat, mit dem Wechsel in die Hofburg 2004 abgegeben hat. Schon damals waren seine intellektuellen Fähigkeiten gefragt, sein Fingerspitzengefühl auch gegenüber der ÖVP in Zeiten der Großen Koalition.
Aufstieg trotz SPÖ-Niedergangs
Bemerkenswert ist, dass es Fischer geschafft hat, über Jahrzehnte in der SPÖ als Chefideologe mitzumischen, ohne dass ihm der stete Niedergang der Partei von der absoluten Mehrheit in der Kreisky-Ära bis zur Opposition ab 2000 angekreidet wurde. Umso mehr wurde dem „Mann für alle Jahreszeiten“ zumindest außerhalb der SPÖ seine blamable Rolle 1975 im Konflikt Kreiskys mit Simon Wiesenthal vorgehalten. Fischer versuchte selbst in der Rolle als Nationalratspräsident, der Partei wertvolle Dienste zu leisten, indem er kräftig dazu beitrug, dass Heide Schmidts Liberales Forum 1993 Klubstatus bekam, um dieses für später als Alternative für eine Koalition aufzubauen.
Fairness nennt er als Lebensmotto. Fischer hat als Bundespräsident bei manchen Themen – etwa bei der Gesamtschule – kein Hehl daraus gemacht, dass in seiner Brust das Herz eines roten Politikers schlägt, auch wenn er seine Parteifunktionen 2004 zurückgelegt hat. Vielen Österreichern war wichtiger, dass sie bei dem Berufspolitiker das Gefühl haben, mit ihm brauche man sich auch im Ausland nicht zu genieren. Denn die Rolle des abwägenden, übervorsichtigen Staatsoberhaupts ist ihm auf den Leib geschneidert.
■Heinz Fischer wurde am 9.Oktober 1938 in Graz geboren. Noch während seiner Kindheit kam er mit seinen Eltern nach Wien, besuchte ein humanistisches Gymnasium, während des Jusstudiums, das er 1961 abschloss, war er Chef des Verbands der SPÖ-Studenten in Wien. Mit seinem Berufseinstieg als SPÖ-Klubsekretär im Jahr 1963 begann seine politische Laufbahn. 1971 wurde er schließlich Nationalratsabgeordneter.
■Aufstieg im Parlament. 1975 wurde er SPÖ-Klubobmann. Das Parlament war sein Element, die Zeit als Wissenschaftsminister in der SPÖ-FPÖ-Koalition von 1983 bis 1986 nur eine Zwischenepisode als Verwalter des Firnberg-Erbes. Dann kehrte er als Klubchef ins Parlament zurück, 1990 wurde er Nationalratspräsident, 2004 Bundespräsident. Fischer ist seit 1968 mit seiner Frau Margit verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2010)
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