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Rote Jubelpost, gemischt mit Groll

25.04.2010 | 18:37 |  MARTINA SALOMON (Die Presse)

Das Kalkül der ÖVP scheint aufgegangen zu sein, auch wenn sie dabei nicht immer gut ausgesehen hat. Die SPÖ ist empört über die „Blockadepropaganda“.

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Kurz vor 16 Uhr kamen die „Blumen“ aus der SPÖ-Zentrale: SPÖ-Bundesgeschäftsführer Günther Kräuter gratulierte Heinz Fischer, dem „überparteilichen Bundespräsidenten“, zum „großartigen Wahlerfolg“. Das sei ein großer Tag für die österreichische Sozialdemokratie, auch wenn man sich nicht dazu verleiten lasse, das als „parteipolitischen Erfolg“ zu verkaufen. Die Verantwortung für die niedrige Wahlbeteiligung habe allein die ÖVP zu tragen. „Es ist legitim, bei einer Wahl nicht anzutreten, es ist aber staatspolitisch in höchstem Maß verantwortungslos, wenn dann die Wahl grundsätzlich und systematisch herabgewürdigt wird“, grollte Kräuter. Und: ÖVP-Innenministerin Maria Fekter habe eine Briefwahlinformation an die Bevölkerung aus „niedrigen parteipolitischen Motiven unterlassen“.

Auch andere SPÖ-Abgeordnete äußerten ihren Frust über das aus ihrer Sicht destruktive Verhalten: „Der ÖVP ist es leider gelungen, mit ihrer Blockadepropaganda viele ihrer Sympathisanten zum Nichtwählen bzw. Weißwählen zu animieren. Das ist einer demokratischen Partei nicht würdig“, ließ Nationalrat Josef Muchitsch wissen.

 

Belastetes Koalitionsklima

Dem Koalitionsklima dürfte diese Wahl eher abträglich sein. Das Kalkül der ÖVP scheint aufgegangen zu sein – auch wenn sie zwischendurch selbst nicht gerade gut aussah: Als echten Sieg lässt sich die Hofburg-Wahl für Werner Faymann nämlich auf keinen Fall verkaufen.

Denn auch wenn Heinz Fischer als unabhängiger Kandidat ins Rennen gezogen war, hatte die SPÖ auf einen kalkulierten Triumph gehofft. Faymann hätte diesen schon zur Beruhigung der eigenen Parteikader nach einer schmerzlichen Niederlagenserie dringend gebraucht. Doch dafür fehlte das Wesentliche: ein ÖVP-Gegenkandidat.

 

Vergebliche Mobilisierungsversuche

Der einzig aussichtsreiche schwarze Kandidat, Erwin Pröll, bekam von seiner eigenen Partei kein grünes Licht für ein Antreten – und ist seither auf die Parteispitze nicht besonders gut zu sprechen.

Eine weitere mögliche Kandidatin, Ex-Außenministerin Ursula Plassnik, hätte die Kanonenrohre der „Krone“ gegen sich gehabt. Dabei hätte sie auch vom BZÖ Unterstützung gefunden, die mangels eines eigenen Kandidaten gemeinsam mit der ÖVP eine Persönlichkeit unterstützen wollte. Dafür waren auch Wolfgang Schüssel und der ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler im Gespräch gewesen.

Doch Josef Pröll hatte absolut keine Lust, Geld für eine vorhersehbare Niederlage auszugeben, nach dem letzten Nationalratswahlkampf sind die Parteikassen leer. Für Präsidentschaftswahlen gibt es keine Wahlkampfkostenrückerstattung. Wirklich heldenhaft wirkte die nachfolgende quälende Debatte über Wahlkampfempfehlungen und Nichtempfehlungen der ÖVP dann aber ganz sicher nicht. Zahlreiche schwarze Granden – zum Beispiel Klubobmann Karlheinz Kopf – sprachen sich fürs Weißwählen aus, was auch innerparteilich nicht unumstritten war. Zum Beispiel Tirols Landeshauptmann Günther Platter kritisierte das scharf. Die ehemalige Tiroler ÖVP-Landesrätin Elisabeth Zanon (die einst selbst Landeshauptfrau werden wollte) fand sich gar im Unterstützerkomitee für Heinz Fischer. Die SPÖ, in größter Sorge über eine zu erwartende niedrige Wahlbeteiligung, inserierte Wahlaufrufe – und wollte die ÖVP ebenfalls dafür gewinnen, was diese aber verweigerte.

 

Immer wieder Krach um Personalia

Ziehen jetzt dunkle Wolken in der Koalition auf? Besonders freundlich war es aber schon vorher nicht. Während sich die SPÖ in Sachfragen vom Koalitionspartner oftmals an die Wand gedrückt fühlte, stieß die SPÖ die ÖVP in Personalfragen vor den Kopf. Dass der Bundeskanzler seinen Vizekanzler in Verlegenheit brachte, indem er die Unterstützung für den längst in der Koalition als EU-Kommissar vereinbarten Wilhelm Molterer verweigerte, hat Josef Pröll nicht vergessen. Genauso wie die monokolor roten Publikumsräte, die der Kanzler entsandte (nachdem die ÖVP die Faxwahl bei den direkt gewählten Publikumsräten gewonnen hatte).

Auch die momentan laufende Steuerdebatte läuft eher unrund: Eine „ökologische Steuerreform“ (ÖVP) steht einer „Reichensteuer“ (SPÖ) gegenüber. Da scheint noch genügend Zündstoff vorhanden zu sein – weit über diesen Wahlsonntag hinaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2010)

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8 Kommentare
Gast: Zynicus
25.04.2010 21:51
0 0

Der Herr Karl hat gewählt.

Und so schaut das Ergebnis auch aus!

Die österreichischen Wähler haben eben überhaupt kein Selbstbewußtsein und richten ihre Wahlentscheidung danach, daß das Ausland keinen Grund zum Pikiertsein finden kann!

franz1
25.04.2010 21:18
0 0

hättens doch den versuch zur zwangsbeglückung unterlassen

als övp wähler konnte man gar nicht ernsthaft an eine wahl denken
erstens gab es keine geeigneten kandidat/innen
zweitens musste gegen den medialen druck protestiert werden - man muss...
drittens sollte man den konservativen mumien im komitee für fischer nicht auch noch entsprechen
letztens hat auch das grüne pack versucht auf die övp einzudreschen, auch das wollte pariert werden
also - demokratie sieht insgesamt anders aus
die wahl ist schon gut ausgegangen, für diese jämmerliche demokratie

3 2

Liebe Grüße

Genossen der SPÖ und sonstige RotInnen und GrünInnen (falls diese die Meinung teilen)
Ich bin nicht deswegen nicht zur Wahl gegangen, weil die ÖVP sagte, man soll weiß wählen, sondern weil ich auch bei einer Emfpehlung der ÖVP für Fischer nicht zur Wahl gegangen wäre.
Das ist/war mein Protest - vor allem auch gegen Fischer und seinen Sager im Winter über gewisse Personen, welche schon überfällig lange hier sind und eigentlich nicht hier sein sollten.
Ich frage mich, ob überhaupt viele Leute auf Wahlempfehlungen von Parteien etwas geben? Das bilden sich doch wohl nur die selbst in maßloser Selbstüberschätzung ein...
Mich freuts, dass so wenige zur Wahl gingen - ich vermute, viele aus den gleichen Gründen wie ich: kein Kandidat ist unsere Stimme wert und sonst gibt es nichts. Evtl. hätte ein Habsburg meine Stimme bekommen - darum durfte er wohl nicht antreten, weil er tatsächlich eine Alternative und Konkurrenz zum Heinzerl gewesen wäre.

Gast: desaster
25.04.2010 19:56
2 1

35% Zustimmung, glänzende Siege sehen anders aus!!

Nicht einmal die Hälfte aller Wahlberechtigten gingen zur Wahl, noch weniger wählten den Titelverteidiger.

"Ein guter Tag für Österreich" laut Werner F Austria? Na ja, wie man es sehen möchte, jedenfalls eine glatte und blamable Abwahl eines amtierenden Bp. Wie ich das auch schon vorab in einem posting prophezeite, ist es auch genauso eingetreten. (War nicht sehr schwer zu erraten!:-))

Nun wird sich eine armselige zweite Amtsperiode an die Erste anschließen und dann wird der erste Minderheitspräsi in Vergessenheit geraten.

Gast: Wähler
25.04.2010 19:38
1 2

Kein Sieg für SPÖ, aber klare Niederlage für ÖVP

Eine Partei, die angeblich den Kanzleranspruch stellt, ist nicht einmal in der Lage einen Kandidaten für das Präsidentenamt aufzustellen.

Der Vizekanzler muss sogar weiss wählen, weil es ihm nicht einmal gelungen ist, einen Kandidaten zu finden, den er wählen kann.

Welch ein Sieg für die ÖVP soll das sein? Ist Selbstaufgabe ein Sieg?

kobold
25.04.2010 18:51
6 2

Das ist ja lächerlich

die Sozis hätten sich im umgekehrten Fall auch nicht anders verhalten. Sie haben versucht die WählerInnen mit der Faschismuskeule zu den Wahlurnen zu treiben, um ihren Heinzi zu wählen. Das ist schief gelaufen. Jetzt sollen sie gefälligst nicht der ÖVP die Schuld geben

Antworten localhost
25.04.2010 19:42
2 0

Re: Das ist ja lächerlich

Den umgekehrten Fall gab's 1998, und damals hat sich die SPÖ zu einer Wahlempfehlung für den bürgerlichen Thomas Klestil durchgerungen.

Antworten Antworten stuana
25.04.2010 20:36
0 0

Re: Re: Das ist ja lächerlich

Klestil entsprach als bekannter Großkoalitonär aber auch den (damaligen?) Vorstellungen der SPÖ.

Die Stimmung zur Großen Koalition ist im ÖVP-Bundesvorstand heute sicher nicht so groß wie 1998 bei der SPÖ.

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