„Die Presse“: Der Kanzler warf Ihnen bei dieser Wahl undemokratisches Verhalten vor, weil Sie Wähler demobilisiert haben. Die ÖVP hält dagegen, dass die Wahlbeteiligung im schwarzen Niederösterreich höher war als im roten Wien. Aber nirgendwo war sie so niedrig wie im tiefschwarzen Vorarlberg.
Josef Pröll: Das ist ein wirklich oberflächlicher Zugang, weil Vorarlberg als kleines Bundesland im großen Bild wenig bewegt. Wenn allerdings im roten Simmering fast 60 Prozent der Wähler daheim bleiben, dann hat das wenig mit einer angeblichen ÖVP-Kampagne zu tun. Darüber muss man sich mit Verlaub schon in der SPÖ-Zentrale Gedanken machen.
Ihre Entscheidung ist auch innerparteilich umstritten. Die niederösterreichische ÖVP sagte gleich am Wahlabend, dass es ein Fehler war, keinen eigenen Kandidaten aufzustellen.
Pröll: Es hat einen einhelligen Parteivorstandsbeschluss dazu gegeben. Das Ergebnis dieser Wahl ist, dass ein amtierender Bundespräsident erwartungsgemäß wiedergewählt wurde. Ich denke, dass diese Wahl bereits 2004 entschieden wurde.
Ging es Ihnen nicht in Wahrheit um reine Parteitaktik – und darum, der SPÖ keinen Sieg zu gönnen?
Pröll: In einer Wahlbewegung liegt es doch bitte an den Kandidaten selbst, die Menschen für sich zu begeistern. Das ist offenbar nicht ausreichend gelungen. Es war ein Nullwahlkampf mit Nullthemen. Einfach zu leere Schlagworte wie „Mut“ oder „Werte“ zu plakatieren, ist offenkundig zu wenig. Unterm Strich bleibt: Heinz Fischer ist als unabhängiger Kandidat angetreten und hat gewonnen.
Der ÖVP war offenkundig wichtig, dass die SPÖ das nicht als Sieg verbuchen kann. Der Kanzler wirft Ihnen vor, ein schlechter Verlierer zu sein.
Pröll: Interessant: Die SPÖ braucht uns offenbar, um sich selbst zu begreifen. Interessant auch, dass die SPÖ das Thema Weißwählen durch ihre massive Kritik an vereinzelten Aussagen von ÖVP-Politikern überhaupt erst in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion gebracht hat.
Landeshauptmann Erwin Pröll wäre ein geeigneter ÖVP-Kandidat gewesen. Glauben Sie, hätte er eine Chance gehabt, gegen Heinz Fischer zu gewinnen?
Pröll: Auf „Was wäre wenn“-Spiele lass ich mich nicht ein.
Das ist schade. Und wie beruhigen Sie nun Erwin Pröll?
Pröll: Ich frage mich eher, wie ich manche Journalisten beruhige, die von meiner Familienaufstellung offenbar endlos fasziniert sind. Erwin Pröll und ich haben ein persönlich gutes und ein beruflich absolut professionelles Verhältnis. Da soll man nicht dauernd versuchen, von außen etwas hineinzutragen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2010)
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