26.05.2013 01:54 Merkliste 0

Berlakovich: "Martinz wird gute Argumente brauchen"

18.07.2012 | 18:37 |  von REGINA PÖLL (Die Presse)

ÖVP-Vizechef und Minister Berlakovich über die Causa Birnbacher, seine eigene Rolle in der Inseratenaffäre, die Tücken von Rot-Schwarz-Grün und direkter Demokratie in Wien und Graz. Ein "Presse"-Interview.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Presse: Aktuelles Thema Lebensmittelsicherheit: Können Sie vonseiten des Agrarministeriums garantieren, dass auch die Wachau drin ist, wo Wachauer Marille draufsteht? Oder das Marchfeld, wenn der Konsument Marchfelder Spargel will?

Nikolaus Berlakovich: An sich ja, denn wir reden hier über geschützte Herkunftsangaben. Die Lebensmittelaufsicht muss aber natürlich die Herkunft kontrollieren und sichern. Die Koordinierung dieser Kontrollen liegt beim Gesundheitsministerium.

 

Das scheint eine Schwachstelle zu sein: Gesundheits- und Agrarministerium teilen sich die Kontrolle der Lebensmittel vom Bauernhof bis zum Handel. Geht da nicht der Überblick verloren?

Genau diese Arbeitsteilung haben wir uns in den Vormonaten mit dem Gesundheitsministerium angesehen, um sie zu verbessern. Wir wollen möglichst klare Zuständigkeiten, klare Strukturen und klare Abstimmungsmechanismen.

Zur Parteipolitik: Muss Kärntens ÖVP-Chef Martinz gehen?

Martinz hat bereits gesagt, dass er eine klare Entscheidung treffen wird, sollte er verurteilt werden.

 

Müsste er nicht gleich gehen? Der Verdacht der Untreue wiegt schwer. Und immerhin hat sich die ÖVP zuletzt einen strengen Verhaltenskodex gegeben.

Ein Verdacht allein reicht noch nicht, auch wenn er schwer wiegt. Auch ein ÖVP-Politiker darf nicht einfach Freiwild sein, sondern er hat das Recht auf ein ordnungsgemäßes Verfahren und darauf, seine Unschuld zu beweisen.

 

Sechs Millionen Euro für sechs Seiten Gutachten in der Birnbacher-Affäre: Lässt sich das überhaupt argumentieren?

Martinz wird gute Argumente brauchen, ganz klar. Er ist sicherlich schwer unter Druck.

 

Sollte Martinz von sich aus sofort gehen?

Das muss er selbst entscheiden. Klar ist, dass die Angelegenheit der ÖVP nicht guttut. Wir wollen jetzt volle Aufarbeitung der Vergangenheit. Dann wollen wir uns wieder rein politischen Dingen widmen.

Was ist der Plan für den Fall, dass Martinz verurteilt wird? Soll Landesrat Rumpold neuer ÖVP-Landeschef werden? Oder doch lieber Präsident Pacher von der Wirtschaftskammer oder Unternehmer Petschnig von der Industriellenvereinigung? Immerhin soll angeblich auch Rumpold vom Deal um das Gutachten gewusst haben.

An Personalspekulationen beteilige ich mich vorerst nicht. Aber auch Rumpold muss die Möglichkeit haben, seinen Standpunkt zu erklären. Und Sie können sicher sein, dass die ÖVP einen Plan für den Tag X hat. Sie wird entsprechend handeln und sich positionieren.

 

Der Tag X steht auch dem einstigen ÖVP-Chef im EU-Parlament, Strasser, bevor. Er könnte wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit angeklagt werden. Wird ihn die ÖVP dann endgültig ausschließen – nach einer ruhenden Mitgliedschaft?

Ein Ausschluss ist nicht mehr notwendig. Denn die Mitgliedschaft ist zwar ruhend gestellt. Nach den Statuten der ÖVP bedeutet das aber, dass er kein Mitglied mehr ist.

 

Nach Strasser zum Blaulichtfunk könnten Sie selbst beziehungsweise die Inserate aus Ihrem Haus in Medien wie „Heute“ oder „Österreich“ Thema im Korruptionsuntersuchungsausschuss sein. Stünden Sie, obwohl aktiver Regierungspolitiker, auch als Befragter zur Verfügung?

Wenn es so kommt, natürlich. Ich habe aber nichts anderes gemacht als andere Politiker, nämlich inseriert. Ein wesentlicher Teil der Umweltpolitik ist auch Bewusstseinsbildung. Der große Unterschied zur SPÖ ist, dass deren Ministerien auch Firmen zur Inseratenvergabe angehalten haben dürften.

 

Wie steht es heute um den Koalitionsfrieden mit der SPÖ? Hat er unter der ÖVP-Fibel gegen Rot-Grün gelitten?

Nein. Die ÖVP hat schließlich nur aufgelistet, was rote und grüne Politiker gesagt haben, damit der Bürger sich darauf einstellen kann, was bei Rot-Grün auf ihn zukäme.

 

„Anarchie und Chaos“ oder „Guantánamo-Häftlinge in Österreich“: Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?

Das war eine Aussage der Grünen, als die USA Länder gesucht haben, die Häftlinge aus Guantánamo aufnehmen. Oder, was politisch viel bedeutsamer ist: das Thema Vermögensteuer. Die will die SPÖ, und die Grünen wollen sogar noch das kleinste Vermögen besteuern.

 

Schwarz-Grün haben Sie bereits ausgeschlossen, mit Rot-Schwarz-Grün sympathisieren Sie offenbar auch nicht. Dabei haben sich die Grünen doch zuletzt als paktfähig erwiesen, siehe den Euro-Schutzschirm ESM.

Eine Schwalbe macht aber noch keinen Sommer. Wenn die Grünen bei einem Gesetz mitgehen, heißt das nicht, dass sie regierungsfähig sind. Schauen Sie sich das Dilemma in Wien mit den Parkpickerln an. Da haben die Grünen, kaum in der Regierung, Verrat an der Bürgerbeteiligung begangen, die immer ein Grundsatz von ihnen war. Jetzt sagen sie, wie im Wilden Westen: First shoot, then ask. Das heißt, das Volk wird erst nach Einführung der Pickerln befragt. Eine Art direkte Demokratie nach Belieben.

 

Ist das nicht, unter umgekehrten Vorzeichen, auch in Graz der Fall? Dort hat die ÖVP eine Umweltzone befürwortet. Und kaum, dass das Volk sie ablehnt, lobt die ÖVP die direkte Demokratie, statt ihren Misserfolg einzugestehen. Ist das nicht ein bisschen durchsichtig?

Nein. Denn wenn wir auf der Bundesebene mitten in einer Debatte darüber stecken, wie der Bürger stärker mitentscheiden kann, ist es nur konsequent, dass er das bei einem Thema, das alle angeht, so wie in Graz, auch wirklich tut. Und das Volk, der Souverän, irrt nicht.

 

Nachdem die Zone nicht kommt: Was sollte die steirische Politik gegen die Feinstaubbelastung tun?

Ich habe in intensiven Verhandlungen mit den Ländern das „Immissionsschutzgesetz – Luft“ gemacht. Auf dessen Basis könnte die steirische Politik nun zum Beispiel alte, sogenannte Stinker-Lkw aus dem Verkehr ziehen. Oder für Offroad-Maschinen eine Partikelfilterpflicht einführen. Oder den öffentlichen Verkehr ausbauen. Solche Maßnahmen sind bereits ausgearbeitet.

 

Sie bevorzugen, wie Sie immer wieder sagen, eine Zweierkoalition. Lieber mit der SPÖ oder mit der FPÖ? Sie gelten ja als Betreiber von Schwarz-Blau.

Das wird mir gern angedichtet. Ich finde aber, dass die jetzige Regierung bisher sehr gut gearbeitet hat, etwa zum Thema der Sanierung des Staatshaushalts in der Krise.

 

Das heißt, man sollte Rot-Schwarz nach der Wahl 2013 fortsetzen?

Das entscheidet der Wähler. Die Variante mit der SPÖ hat für mich aber gezeigt, dass sie funktioniert.

LEBENSMITTELSICHERHEIT, S. 1-2

Zur Person

Nikolaus Berlakovich, 51, ist seit 2008 Agrar- und Umweltminister in der Regierung Faymann/Spindelegger. Seit 2011 ist er auch ÖVP-Vizechef. Ab 2005 war Berlakovich Agrar- und Umweltlandesrat in der burgenländischen Landesregierung. Der Politiker und Landwirt gehört zur burgenland-kroatischen Volksgruppe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

14 Kommentare

Wieso, Herr Berlakovich, braucht der Martinz gute Argumente??

Hat der Christian Konrand seinen Daumen gesenkt??

Dieser K*rruption-Heini wird es wohl gschafft haben, ein paar stabile Seilschaften in irgend einen der Bünde haben??

Gast: Edi Ed
19.07.2012 15:20
1 0

Der Berlakovich

steht ja in der ÖVP selbst am Abstellgleis und ist jedenfalls mit nächsten NR-Wahlen weg vom Fenster.

Da mutet es kurios an, wenn er sich über Martinz den Mund zerreißt.

Gast: Bergbauer
19.07.2012 13:34
0 0

Die guten Argumente werden der ÖVP ja nicht ausgehen.

Martinez muss nun auf seine Kammeraden vertrauen. Das ist ihm die Partei schuldig. Es wird bestimmt gute Argumente geben, sehr gute, zumindest aus der Sicht der ÖVP.

neben kopf und amon

ist der berla... wohl der unsympathischte övpler

Gast: ovi
19.07.2012 09:29
3 1

berlakovich

*pfffffffffffffffffffffffffffff* ... der herr minister unfähig von raiffeisen's gnaden ...


... : "Martinz wird ....

... in erster Linie gerne auf Berlakovich's Lehrmeisterei verzichten wollen.

Berlakovich hat nämlich viele Türen, vor denen er vorerst einmal saubermachen sollte!

das sommerloch ist da

und andere tauchen auf.
wer berlakovich so zuhört, kann nur bedauern, dass von "nessie" nichts mehr zu lesen ist.

Und Baerli, auch einen eigenen Gas- und Stromtarif ...

und für die Erklärung der BEWAG-Zustände kannst Dich gleich zum Nachhilfeunterricht mit dem Martinz auf eine Eselsbank zusammensitzen. Der große "Ethik-Kodex-Apostel" Spindelegger aus Hinterbrühl, wird Euch dann 100 mal schreiben lassen: "Ich darf mich beim Gaunern im Namen der Partei nicht erwischen lassen".

Vielleicht hilft es?

Re: 100 mal schreiben ...

"Ich darf mich beim Gaunern im Namen der Partei nicht erwischen lassen".

"Ich darf mich beim Gaunern im Namen der Partei nicht erwischen lassen".

"Ich darf mich beim Gaunern im Namen der Partei nicht erwischen lassen".

... fehlen nur noch 97 "Beiträge" :-(

Gast: 1. Parteiloser
18.07.2012 19:28
10 1

Gute Arbeit bei der Sanierung des Staatshaushaltes?!?!

Der Typ muss doch einen Vollhuscher haben, wenn er dieses gewaltige Versagen als Sanierung bezeichnet.

Diese Regierung hat seit 2008 bis heute die offiziellen Schuldenstand um 45.000 Mio. Euro nach oben getrieben. In nur 3,5 Jahren sind die Staatsschulden um irre 25 gestiegen!

Diese Regierung hat die volle Verantwortung für das Verwirtschaften ab Ende 2008!

Staatsschuldenentwicklung in Mrd. Euro. zu Jahresende
2012:.ca. 230,0 = 800%
2008:.......180,5 =669%
------------------------------
2005:..157,4 = 583%
2000:. 137,9 = 510%
1995:..119,2 = 441%
1990:....76,5 = 283%
1980:....27,0 = 100%
Quelle: Staatsschulden.at

Entwicklung der Staatsausgaben p.a.:
2012:...ca 160.091 = 404 %
2008:.......137.990 = 364%
--------------------------------
2005:..121.934 = 321 %
2000: 107.830 = 284 %
1995: 98.188 = 259 %
1990: 70.139 = 185 %
1985: 54.848 = 145 %
1980: 37.905 = 100 %
Daten des BMF

Für 2012 war das Totalversagen mit einer Ausgabensteigerung von satten +4,9% nur aus der Sicht des Bundes, schon geplant. Das Resultat schaut noch viel schlimmer aus!

Periode Jan-Mai 2012, Vergleich zum Vorjahr:
Ausgaben:....31.202,6 Mio. Euro (+6,7%!)
Einnahmen:...24.170,9 Mio. Euro (-0,3%)

Defizit:...7.032 Mio. Euro (5 Monate!). Das sind +40% zum Vorjahr!

Solange die Staatsausgaben der Teuerungsrate und dem Wirtschaftswachstum davonlaufen, solange gibt es keine Sanierung!

Der Vollgehuschte meint aber, dass die Staatsfinanzen saniert sind!?

Re: Gute Arbeit bei der Sanierung des Staatshaushaltes?!?!

Eindimensional betrachtet haben Sie Recht. Systemisch gesehen ist das allerdings völliger Unsinn. By the way: das letzte Belastungspaket sollte heuer 2 Mia. Euro bringen; und 2,2 Mia. zahlen wir in den ESM ein. Würden wir das nicht tun (müssen) bräuchten wir keinen Sozialabbau und keine Steuererhöhungen; apropos Umwelt: wir sollten sämtliche Strafzahlungen sofort stoppen, analog Kanada. DA könnte man sinnvoll sparen....

Re: ... wir sollten sämtliche Strafzahlungen sofort stoppen:

"Andernorts" so üblich, zahlen Strafen nur "Straffällige"?

Antworten Antworten Gast: 1. Parteiloser
19.07.2012 07:10
1 0

Re: Re: Gute Arbeit bei der Sanierung des Staatshaushaltes?!?!

Können Sie mir Ihre systemischen Weisheiten etwas genauer erklären?

Das gilt im Besonderen, weil Ihre Hinweise im laufenden Budgetvollzug noch gar nicht berücksichtigt sind.

- Das Belastungspaket kann ja nicht wirksam sein, weil es ja sonst nicht zu geringeren Einnahmen kommen konnte.

- Die Mrd. für den ESM sind auch noch nicht eingezahlt.

- Wo ist ein Sozialabbau? Bei den Ruhegenießern wohl nicht, da werden auch noch Ruhegenüsse bis über 100.000.- EUR unter Soziales gebucht.

- Die Strafzahlungen würden doch das Budget auch nicht retten und liegen im Promillebereich der gesamten Staatsausgaben.

- Bankenhilfen wurden auch noch kaum gebucht, können also auch nicht für die irren Staatsausgaben verantwortlich sein.

- Es sind doch keine 2% der Staatsausgaben das Ausland betreffend, wie kann das Budget also durch Einstellung dieser Zahlungen gerettet werden?

Bitte, wo ist der systemische Unsinn bei den irren Staatsausgaben?

Um auf eine Staatsausgabenquote wie in der Schweiz zu kommen müssten etwa 50 Mrd. Euro eine Erklärung brauchen.

Re: Re: Gute Arbeit bei der Sanierung des Staatshaushaltes?!?!

Vollkommen richtig und raus aus diesem grauslichen Kioto-Protokoll!