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Was von Utøya übrig blieb

22.07.2012 | 09:15 |  von Hannes Gamillscheg (oslo) (Die Presse)

Heute begeht Norwegen den ersten Jahrestag des von Anders Breivik verübten Massakers. Das Land hat sich verändert - und ist doch gleich geblieben.

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Velkommen, Bienvenido, Welcome!“ Mit bunten Bannern auf der Flaniermeile Karl Johan heißt Oslo seine Besucher willkommen, sogar auf Japanisch. Die Sonne blinzelt durch die Wolken, es ist kühl, regnerisch, ein norwegischer Sommer. Doch die Leute lächeln, am Markt sind die heimischen Erdbeeren gekommen, und nebenan gibt es Waffeln mit „Krem“, dem süßen Obers. Oslo gleicht sich selbst in diesen Tagen, es ist fast so wie vor einem Jahr, ehe am 22. Juli 2011 eine Bombe und ein Massaker das Land für immer veränderten.

Von den Gräueln von damals ist auf den ersten Blick nichts mehr zu sehen. Auf den zweiten schon. Vor dem Dom hat man aus Pflastersteinen ein riesiges Herz gebildet, gefüllt mit Blumentöpfen und Fotos der Opfer von damals, „zutiefst vermisst“. In der Kirche hängt ein Bildzyklus „Gedenken“ der Künstlerin Borgny Svalatsog, mit Themen wie Sommer, Dunkel, Klagelied und Parade der Rosen. Wer Richtung Innenstadt weitergeht, stößt unweigerlich auf die mit Gucklöchern versehenen Absperrungen vor der zerbombten Ruine des Regierungsblocks. Sie ist großteils mit Plastik verhüllt, aber dort, wo die Verschalung fehlt, ist die Verwüstung immer noch deutlich, die auch dem ahnungslos Vorbeikommenden klar machen würde, dass hier nicht nur eine Fassadenreinigung in Gang ist.

80.000 Quadratmeter Gebäude hat die Bombe zerstört, 2000 Arbeitsplätze, acht Menschen sind hier gestorben. „Wie soll ich den 22. Juli vergessen können, wenn ich täglich hier vorbeigehen muss?“, fragt die 58-jährige Lis Andersen, die auf dem Weg von der Arbeit immer vor dem gegenüber gelegenen Haus der Zeitung „VG“ Halt machte, um im Aushangkasten die Schlagzeilen des Tages zu studieren. Auch am 22. Juli 2011 kam sie vorbei, „weil Freitag war, eine halbe Stunde früher als sonst“.

Das hat ihr vielleicht das Leben gerettet. Eine halbe Stunde später detonierte die Bombe. Im Schaukasten von „VG“ sitzt immer noch die Zeitung jenes Tages hinter zersplittertem Glas, zur Erinnerung. An der Bushaltestelle hängen Warnschilder „Achtung, Glasscherben“ mit der Zeichnung eines Buben mit blutigem Knie. Ganz entfernen können wird man die Millionen Splitter, die damals das ganze Viertel übersäten, nie.

Und auch ins Denken hat sich das, was damals geschah, eingeätzt, unauslöschlich. „Solange wir leben, werden wir einander am 22. Juli ansehen und sagen: nie wieder“, sagt der Soziologe Thomas Hylland Eriksen. „Welche Konsequenzen wir daraus ziehen werden, das wird sich zeigen.“

Die kollektiven Reaktionen auf die Verbrechen des rechtsradikalen Attentäters Anders Breivik haben international viel Bewunderung ausgelöst, von den ersten Versicherungen von Ministerpräsident Jens Stoltenberg, dass die Antwort auf die Anschläge noch mehr Demokratie und Offenheit heißen werde, bis zum würdig durchgeführten Prozess gegen den Massenmörder. Das Rosenmeer und gemeinsames Singen sind die Bilder, die in Erinnerung blieben, keine hasserfüllten Demonstrationen oder der Ruf nach dem Strang.

Die Reaktionen der Einzelnen sind auch ein Jahr später noch von Verzweiflung und Wut geprägt, von Fassungslosigkeit und Mut, nur von Gleichgültigkeit nie, egal, ob die Menschen persönlich betroffen waren oder nur als Mitglieder einer erschütterten Gesellschaft. „Das Muster ist typisch“, sagt die Sozialanthropologin Erika Fatland, die in ihren Studien die Massaker von Oslo und Utøya mit dem russischen Geiseldrama in der Schule von Beslan verglich. Erst die Erschütterung, dann der Versuch der Verdrängung, dann die Suche nach Sündenböcken, ehe die Bewältigung einsetzen kann. „Niemand wird je vergessen, was geschah. Doch die Folgen einer einzelnen Tat für das Land bleiben dennoch begrenzt.“

Stolz darauf, Norweger zu sein. 90 Prozent der Einwohner sagen jetzt, sie seien stolz darauf, Norweger zu sein. So viele waren das früher nie. Die Haltung gegenüber Einwanderern ist positiver geworden. „Der Fall Breivik hat Fremdenhass und Islamophobie in einem Maß stigmatisiert, das sich positiv auswirken wird“, glaubt der Jurist Cato Schøtz. Doch Jugendliche mit anderer ethnischer Herkunft sagen weiterhin, sie fühlten sich als Pakistaner oder Türken, selbst wenn sie in Norwegen geboren sind. Ist es ein anderes Norwegen geworden? „Die Werte, die früher galten, gelten auch jetzt“, sagt Per Anders Madsen, Kommentator der Zeitung „Aftenposten“. Außenminister Jonas Gahr Støre hat es seinen Landsleuten schon am 23. Juli versichert: „Ihr wacht in einem Norwegen auf, das verändert und doch gleich ist.“

Utøya, die Insel, auf der bei einem sozialistischen Sommerlager 69 junge Menschen starben, wird nur am Gedenktag für die Angehörigen geöffnet. Doch es gibt wieder sozialdemokratische Jugendlager. Auf Bjørkøya, just bei einem Ort, der Brevik heißt, fand das erste dieses Sommers statt, unter höchsten Sicherheitsmaßnahmen. Doch als sich die erste Nervosität gelegt hatte, war es „schön wie immer“, sagten die, die dort waren. Nur einmal kam Unruhe auf, als am Ufer jemand ein Feuerwerk abbrannte. „Der erste Knall war schon sehr unangenehm“, sagt die Teilnehmerin Camilla Bøeng.

Verschärfte Anti-Terror-Gesetze. Trotz des Gelübdes der Offenheit: Das Regierungsviertel wird künftig nicht mehr nur von einem Schild „Zufahrt nur nach Absprache mit dem Wachdienst“ geschützt werden, wie es vor dem Attentat vor dem Hochblock stand. Justizministerin Grete Faremo hat den Vorschlag für ein verschärftes Anti-Terror-Gesetz vorgelegt, das dem Geheimdienst PET mehr Überwachung, Internetkontrolle und leichteres präventives Einschreiten ohne vorherige richterliche Genehmigung erlauben soll. Mit dem Verbot, Informationen „im Hinblick auf künftige Terrorhandlungen“ zu sammeln, will man Solo-Attentätern das Handwerk legen.

Am Sonntag begeht das Land den ersten Jahrestag des Tags des Grauens. Im August wird die „22.-Juli-Kommission“, die alles, was damals geschah, durchleuchten soll, ihre Erkenntnisse vorlegen, und dann folgt das Urteil gegen den Täter. All das wird viele Wunden wieder aufreißen. Doch „wir stehen als Nation nicht traumatisiert da, sondern mit einer Gesellschaftstemperatur, die sich wieder dem Normalen nähert“, fasst der Publizist Harald Stanghelle den Zustand seines Landes zusammen. „Man sagt, die Zeit heile alle Wunden“, sagt Per Anders Madsen. „Das stimmt nicht. Aber man lernt, mit ihnen zu leben.“

Bilanz

8 Todesopfer
Mit seiner im Regierungsviertel von Oslo gezündeten Bombe wollte der Attentäter Breivik die Exekutive verwirren und von den Vorgängen auf Utøya ablenken. Die Bombe forderte acht Todesopfer und hat 80.000 Quadratmeter Gebäude zerstört.

69 Todesopfer
Während die Exekutive ins Osloer Regierungsviertel eilte, setzte Breivik, als Polizist verkleidet, auf die Insel Utøya über und erschoss dort kaltblütig 69 Teilnehmer eines sozialistischen Ferienlagers. Bis eine Spezialeinheit der Polizei Breivik stellen kann, vergehen knapp eineinhalb Stunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)

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3 Kommentare
Gast: b754
21.07.2012 20:52
1 8

es bleibt dass leute wie strache graf und co noch immer in österreich frei herumlaufen


Re: es bleibt dass leute wie strache graf und co noch immer in österreich frei herumlaufen

mit verlaub, der vergleich hinkt!

in der fpö sitzen zwar viele xenophobiker und so manch ewig gestriger aber terrorisieren tun sie nur mit worten... der blödsinn schmerzt zwar manchmal aber hat definitiv keinen letalen verlauf.

und by the way: ich wäre froh, wenn die altparteien etwas volksnäher, bodenständiger und weniger globale ausrichtung hätten.

Re: es bleibt dass leute wie strache graf und co noch immer in österreich frei herumlaufen

B754 würde eben gern alle andersdenkenden einsperren. Das nichtwählen der systemparteien genügt. Dann wäre b754 unser allseitsgeliebter unfehlbarer vordenker.