Ich liebe das Lied „O Rosental“, bis das Wasser in die Augen steigt, die sogenannte Märchenwiese am Fuß der Karawanken, bis die Felsen wie ein Wall gegen die „Welt draußen“ erdrückend wirken, die Flattnitzer Alm an der Grenze zur Steiermark, bis die Stille dort beunruhigend wird. Aber das Land als solches? Wozu auch?
Wer sich um das Bundesland sorgt, der zerbricht sich jahrelang den Kopf darüber, woher dieser Hang der Kärntner zur vorauseilenden Unterwerfung stammen könnte. Man will ja verstehen. Vielleicht wirkt der Abwehrkampf-Mythos aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg deshalb so stark nach, dass er wie in diesen Tagen auf dem Weg zum See sogar von zwei jungen Kärntnerinnen beschworen wird, weil man dieses eine Mal gegen eine drohende Unterwerfung aufgestanden ist?
Verstehen? Gewiss, die vorauseilende Unterwerfung, die bis heute nachwirkt, hat ihre historischen Wurzeln. Die Kärntner mussten sein, wie und was andere wollten. Daran kann man sich gewöhnen. Mit der Germanisierung unter der Herrschaft der Habsburger mussten sie deutsch werden und sein, obwohl im Mittelalter das ganze Gebiet slowenischsprachig war. Im 16. Jahrhundert mussten sie katholisch werden, weil nirgendwo sonst die Gegenreformation so unerbittlich durchgesetzt, das Protestantische verboten und Andersgläubige ausgewiesen wurden.
Tendenz zur Unterwerfung. Das kann man verstehen. Auch rein wirtschaftlich ist die Tendenz zur Unterwerfung in all den vergangenen Jahrzehnten irgendwie verständlich. Das Land hat wenige bis gar keine normalen Karrierechancen zu bieten. Wer Erfolg haben wollte, musste sich entweder den gerade herrschenden Personen auch schon vor Leopold Wagner und Jörg Haider unterwerfen oder das Land verlassen – und sei es nur bis Graz.
Der Kessellage entronnen, hat sich dann der Blick verändert. Fiel er kritisch aus, ließ der Vorwurf des „Landesverrats“ nicht lange auf sich warten. Damit und mit dem gleichzeitigen Rückgriff auf das Nationale haben sich immer noch Wahlerfolge einfahren lassen – so leicht, dass sich sogar ein Sozialist wie Wagner der „hochgradigen“Hitlerjugend-Mitgliedschaft zum eigenen politischen Vorteil rühmen konnte.
Worin aber konnte Landesverrat je bei kritischen Äußerungen bestehen? Hat man Kärnten ausgespäht, Spionage betrieben, Staatsgeheimnisse an eine fremde Macht zur Gefährdung der äußeren Sicherheit Kärntens verraten? Weil aber Geständnisse in Kärnten gerade en vogue sind, soll hier eines nachgereicht werden: Es stimmt, ich bin eine Landesverräterin – zwar nicht im eigentlichen Sinn, aber sicher heute noch in den Augen mancher Kärntner.
Solidarität mit der Minderheit. Ich bin nämlich bei der so umstrittenen Minderheitenfeststellung 1976 eigens nach Kärnten gefahren und habe mich der slowenischen Volksgruppe zugeordnet. Aus Solidarität mit der Minderheit, mit Slowenen, mit denen ich in meiner ganzen Jugendzeit bewusst nie Kontakt gehabt habe; aber ebenfalls aus Protest gegen den Versuch der SPÖ und Bruno Kreiskys, nach der politischen Fehleinschätzung der Ortstafel-Entscheidung 1972 irgendwie herauszukommen und den Staatsvertrag nicht erfüllen zu müssen. Dieser Versuch war so sinnlos wie mein Verrat.
Kritik statt blinde Liebe. Wer Kärnten liebt, dem ist es nicht wie einst Bruno Kreisky „zu teuer“, der ist nicht stolz darauf, dass es „anders“ ist, während es sich fortgesetzt auch heute noch unterwerfend von „oben“ bestimmen lässt – gleich von welcher politischen Kraft; der sorgt dafür, dass junge Menschen hier ihre Träume verwirklichen können und nicht abwandern müssen. Liebe, wie sie die Kärntner meinen, kann auch blind machen. Weniger davon und mehr (Selbst)Kritik, Verrat also, könnte helfen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2012)
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