Ich kenne die Weise, ich kenne den Text./Ich kenn auch die Herren Verfasser;/Ich weiß, sie tranken heimlich Wein/Und predigten öffentlich Wasser.“ Heinrich Heines Empörung in seinem „Deutschland – ein Wintermärchen“ galt der Kirche: Sie vertröste die Menschen aufs Jenseits, halte sie davon ab, im Diesseits für ihre Rechte zu kämpfen, sie lulle das Volk, den „großen Lümmel“, mit dem „Eiapopaia vom Himmel“ ein. Es ist die von Marx bekannte These, nach der Religion „Opium des Volks“ sei. Das war Heines Hauptvorwurf. Und die Geschichte mit dem Wein? Natürlich stieß sich Heine auch an Bigotterie und Heuchelei. Doch es war auch eine rhetorische Volte, ein hübsch geführter Schlag gegen die Kirche.
Die Konfrontation eines moralischen Anspruchs mit seiner – fehlenden – Einlösung ist besonders wirkungsvoll: Ist der Kaiser nackt und entpuppt sich Heiligkeit als Schein, folgt das Verdikt ganz automatisch, oft als Spott und Hohn, oft auch mit dem Eifer und der Selbstgerechtigkeit, in der einer dem Herrn dafür dankt, dass er nicht so ein Sünder sei wie der Zöllner.
Die Erkenntnis Heines, dass die Verfasser der „Entsagungslieder“ nicht mit gutem Beispiel vorangehen, sondern im Gegenteil von ihren Schäfchen einfordern, was sie selbst nicht zu leisten gewillt sind, ist dabei nicht neu. Aber es gilt zu unterscheiden, wer den Schlag führt, ob die Kritik intern geäußert wird oder von außen kommt, ob Franz von Assisi sich in Christi Namen aufmacht, den Verfall der Kirche zu stoppen, oder ob viel später Heinrich Heine seine Attacken führt. Auf Eva Glawischnig umgelegt: Die Anhänger der Grünen mögen sich darüber empören (wenn sie sich denn empören, so mancher sieht einen Sturm im Wasserglas), dass die Grünen-Chefin zu schnell gefahren ist. Das entspricht dem Vorwurf, man trinke Wein. Wenn aber politische Gegner sprechen bzw. jene, die sich mit den ökologischen Werten, für die Glawischnig steht, nicht anfreunden können, steht gar nicht die Übertretung selbst im Vordergrund – immerhin halten die meisten 30 Stundenkilometer mehr auf der Autobahn ohnehin für ein Kavaliersdelikt. Sie mokieren sich – fast nur – über die Heuchelei.
Dabei gilt: Je moralischer sich ein „Prediger“ gibt, desto stärker trifft ihn die Häme, wenn er selbst fehlt, auch wenn die Verfehlung lässlich erscheinen mag: Jenen sittenstrengen Pfarrer, der verhindern wollte, dass ein Homosexueller Pfarrgemeinderat wird, und der dann ausgerechnet von seiner früheren Geliebten als „Moralapostel“ geoutet wurde. Aber auch jene Freiheitlichen, die sich als Anständige präsentieren, sich dann aber nicht mehr erinnern können, was denn die Leistung war, für die sie entlohnt wurden.
Leugnen oder entschuldigen?
Die Betroffenen selbst können ganz verschieden darauf reagieren, sie können zurücktreten wie die deutsche Bischöfin Margot Käßmann – mit Alkohol am Steuer ertappt – oder die österreichische Grüne Eva Hauk – mit Alkohol am Steuer einen Unfall verursacht –, sie können es mit einer Entschuldigung versuchen oder mit dem Hinweis darauf, dass auch sie nur Menschen sind. Sie können ihre Verfehlung hartnäckig abstreiten – zuletzt von Theodor zu Guttenberg mit seinem Dissertationsplagiat –, sie können die Achseln zucken wie Konrad Adenauer, den sein „Geschwätz von gestern“ nicht mehr interessierte, als er ans Aufrüsten Deutschlands ging.
Wieder andere setzen auf Aussitzen, irgendwann werde schon Gras darüber wachsen. Meist tut es das nicht, denn das Gedächtnis ist lang, und die Motivation der Richter kann auch breit gefächert sein, manche verbeißen sich Jahre in die Fehltritte anderer, die ihnen nicht hart genug geahndet erscheinen. Andere gewinnen ein wenig Abstand dazu und fragen sich, ob das Schelten wirklich den richtigen Gegenstand trifft – oder ob es im Gegenteil von ihm ablenkt: Wenn die Repräsentantin einer Partei, die sich eigentlich die Umwelt auf die Fahnen geschrieben hat und nicht das Automobil, zu rasch fährt bzw. sich chauffieren lässt, dann ist das Transportmittel, Hybrid hin oder her, vielleicht doch nicht das optimale für die Botschaft.
Moralapostel. Je moralischer jemand auftritt, desto schneller werden ihm auch lässliche Verfehlungen angekreidet: Der Pfarrer, der einen homosexuellen Gemeinderat ablehnte und selbst eine Geliebte hatte, wurde zum Gespött.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)
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