Wenn einer Kärntner Landeshauptmann werden will, werden auch persönliche Prinzipien etwas lockerer gesehen. Mehr als 50 Jahre lang lebte Peter Kaiser laut eigener Aussage ohne Kärntner Anzug. Seit der 53-jährige SPÖ-Landeschef wegen der Affären bei den Kärntner Freiheitlichen (FPK), die im Rückzug von Vizelandeshauptmann Uwe Scheuch gipfelten, die reelle Chance sieht, nach fast einem Vierteljahrhundert für die SPÖ den Sessel des Landeshauptmannes zurückzuerobern, gibt sich der Kärntner Juso-Chef nun zumindest in einem roten Trachtenwams leutselig.
Der rote Herausforderer, dessen Partei nach aktuellen Umfragen die FPK derzeit überflügelt hat, ist als Jahrgang 1958 nur drei Jahre jünger als FPK-Landeshauptmann Gerhard Dörfler. Und dieser ist spätestens seit der historischen Beilegung des Konflikts um die Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln in Kärnten im Vorjahr bemüht, seine Wandlung hin zum Landesvater zu demonstrieren. Peter Kaiser stammt aus bescheidenen Verhältnissen im Stadtteil Waidmannsdorf in Klagenfurt. Der früh verstorbene Vater war Polizist, die Mutter arbeitete in einem Schuhhaus. Als Schüler und Jugendlicher war er ein typisches Kind der Kreisky-Aufsteiger-Generation, die es mit Gratisschulbüchern zum Soziologiestudium schafft. Dieses wurde neben dem Job im Landesdienst abgespult.
Kein Volkstribun. In der Kärntner SPÖ galt er als Landtagsabgeordneter als ewige Personalreserve, bevor Kaiser im März 2010 nach einer weiteren roten Wahlschlappe 2009 und unzähligen nervenaufreibenden parteiinternen Personalkämpfen zum Zug kam. Selbst da gab es Zweifler, ob Kaiser, der nicht gerade ein Volkstribun ist, tatsächlich gegen die orange-blauen Erben Jörg Haiders reüssieren könne. Zu sehr hing dem SPÖ-Chef der Ruf als „Linker“ und „Intellektueller“ nach. Mit „Time is on my side“ beruhigte dieser seine krisengebeutelten Genossen und auch sich selbst. Hartes Training als Marathonläufer und Triathlet als Ausgleich mögen ihm beim politischen Durchhalten geholfen haben. Nun drängt der SPÖ-Chef auf die unerwartet frühe Gelegenheit, Nummer eins im Land zu werden. Ginge es nach ihm, würde Kärnten spätestens am 25. November wählen.
Amtsinhaber Dörfler ist ein Zerrissener: Während er den konsensualen Politiker für alle im Land gibt und von „Aufräumarbeiten“ spricht, blockt Dörfler – ganz FPK-Mann – Neuwahlen vor März 2103 ab. In der Hoffnung, dass Umfragetief für die Kärntner Freiheitlichen bis dahin durchzutauchen.
Wer wie Kaiser Landeshauptmann werden will, findet nichts dabei, die „Brot-und-Spiele“-Kultur Haiders anzuprangern und trotz eines Milliardenschuldenbergs des Landes am Samstag per Aussendung neue Wahlzuckerl in Form einer „Jahresnetzkarte für alle Jugendlichen“ zu verteilen. Finanzierung? Geld müsse „nur richtig und sozial verträglich verteilt“ werden. Ganz geschmeidiger roter Wahlkämpfer. ÖVP-Obmann Gabriel Obernosterer hat noch das Problem, Personal für den ÖVP-Landesratssitz anstelle von Achill Rumpold zu finden. Ex-Rewe-Manager Werner Wutscher wurde am Samstag zumindest als Nachfolger Rumpolds von der ÖVP in den Aufsichtsrat der Kärntner Landesholding geschickt.
Koalitionsabsage an FPK. SPÖ-Chef Kaiser plagt hingegen die Sorge, dass er nach der Wahl einen Koalitionspartner braucht. Im ORF-Radio sagte er am Samstag „dezidiert Nein“ zu einer Koalition mit der FPK unter der Führung Dörflers und Parteichef Kurt Scheuch. Bleibt Kaisers Hoffnung auf die gebeutelte ÖVP und die Grünen.
Peter Kaiser, am 4. Dezember 1958 in Klagenfurt geboren, ist seit Ende März 2010 Kärntner SPÖ-Chef. In der Landesregierung, in der die SPÖ zwei Sitze hält, ist der Soziologe Vizelandeshauptmann.
Gerhard Dörfler, am 29. Mai 1955 in Deutsch-Griffen geboren, wurde von Jörg Haider 2001 als Landesrat in die Politik geholt. Nach Haiders Unfalltod wurde Dörfler im Oktober 2008 Landeshauptmann und 2009 klar im Amt bestätigt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)
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