Alpbach/LA. Dass die Organisatoren des Europäischen Forums Alpbach die diesjährige Veranstaltung unter das Motto „Die Zukunft der Jugend“ gestellt haben, zeugt einerseits von der Überzeugung, eine nähere Einbindung der jüngeren Generationen in die europäische Krisenbewältigung sei unumgänglich. Auf der anderen Seite offenbart dieses Leitmotiv auch Unsicherheit – wie umgehen mit einer Generation, deren Zukunftssorgen sich (anders als bei ihren Eltern) um materielle Sicherheit und berufliche Anerkennung drehen, die ihre Sorgen über digitale Kanäle kommunizieren und althergebrachten politischen Organisationen nicht vertrauen?
Piratenpartei füllt Lücke nicht
Elmar Brok brachte bei der Abschlussrunde der Politischen Gespräche Alpbach am Dienstag dieses Dilemma auf den Punkt: „Parteien, Gewerkschaften und andere traditionelle Interessengemeinschaften werden von den Jungen als nicht relevant betrachtet“, klagte der deutsche Europaabgeordnete (CDU). Und die neuen Ansätze, die etwa von den europäischen Piratenparteien propagiert werden, seien nur bedingt dazu geeignet, diese Lücke zu füllen. Im Gegenteil – radikale Transparenz, wie sie etwa von den Piraten gefordert werde, sei bei der politischen Arbeit problematisch. Außerdem würden die Piraten, was Offenheit anbelangt, Wasser predigen und Wein trinken – also ein Loblied auf Transparenz singen und zugleich die Bewegungsfreiheit von Journalisten bei ihren eigenen Parteitagen einschränken.
Dass die Debatte rund um Transparenz und neue Formen der Demokratie aus der Perspektive von Milana Sredojević wie ein Luxusproblem anmutet, liegt auf der Hand: Die Serbin, die in Belgrad den Club Alpbach leitet, ist mit der Versorgung jener Wunden beschäftigt, die im Zuge der Desintegration Jugoslawiens geschlagen wurden. Was Sredojević momentan vor allem Sorgen bereitet, ist der wachsende Nationalismus unter den jungen Serben – nicht nur innerhalb der „verlorenen Generation“, die in den Kriegswirren der 1990er-Jahre aufwachsen musste, sondern auch bei den heutigen Teenagern, die Krieg und Krise nicht bewusst miterlebt haben.
Und was sagt sie zu der wiederkehrenden Debatte um diverse europäische Bildungsoffensiven? „Da, wo ich herkomme, wirkt das alles wie Science Fiction.“ Am Westbalkan gehe es um praktische Faktoren wie Reisefreiheit – oder die Tatsache, dass kosovarische Hochschulzeugnisse nicht in Serbien anerkannt werden.
„Mehr Chancen als Risken“
Vor materiellen Sorgen sind selbst die europäischen Führungskader von morgen nicht gefeit. Peter Matjasic etwa, Präsident des in Brüssel ansässigen Europäischen Jugendforums, verfügt über alle Attribute eines Mitglieds der EU-Elite: Der Slowene beherrscht mehrere Sprachen, ist gebildet und im Jargon der Eurokratie versiert – „trotzdem lebe ich in einem prekären Arbeitsverhältnis“. Dass Europas Jugend so pessimistisch in die Zukunft blickt, ist demnach kein Zeichen von übertriebener Zukunftsangst, sondern von Realismus. Für Elmar Brok aber steht trotzdem fest, dass die Jungen heute „mehr Chancen als Risken vor sich haben“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)
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