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Das ewige Dilemma der ÖVP

31.08.2012 | 18:34 |  ULRIKE WEISER UND THOMAS PRIOR (Die Presse)

Wie Michael Spindelegger an sich und seinen Parteifreunden scheitert. Über die Gründe, warum die ÖVP schon wieder in der hausgemachten Krise steckt. Und wer die Schuld trägt.

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Wer den Überblick verliert, steigt gern auf die Berge, heißt es. Im Fall von Michael Spindelegger muss ein Hügel reichen. Nach der offiziellen „Nichtkrisensitzung“ Donnerstagabend wanderte der ÖVP-Obmann am Freitag mit Funktionären aus Bezirks- und Landesparteien zur Josefswarte und Kammersteinerhütte bei Perchtoldsdorf. Geplant war eine lockere Plauderei, geworden ist es wohl eine anstrengende Debatte. Über die Gründe, warum die ÖVP schon wieder in der hausgemachten Krise steckt. Und wer die Schuld trägt.

Spindeleggers Dilemma wirkt vertraut: So sehr er sich bemüht – in einer komplizierten, auf Machtansprüchen und Eitelkeiten basierenden Parteistruktur aus Bünden und Landesorganisationen scheint er wie viele seiner Vorgänger zum Scheitern verurteilt. Spindelegger wollte seine Partei personell neu aufstellen: Er selbst wäre Finanzminister geworden in der – nicht ganz unberechtigten – Hoffnung, dass ihm die Eurokrise im letzten Jahr vor der Nationalratswahl mehr Medienpräsenz einbringen würde. Maria Fekter sollte in den Parlamentsklub wechseln und Karlheinz Kopf ablösen, der nicht als Spindelegger-Freund gilt. Kopf sollte an Fritz Neugebauers Stelle Zweiter Nationalratspräsident werden, und Reinhold Lopatka Außenminister.

Doch die Bünde verhinderten diese Rochade – aus Eigeninteresse: Vor allem der Wirtschaftsbund fürchtete durch die Rochade Spindelegger/Fekter um seinen Einfluss im Finanzministerium und formierte sich beim ÖVP-lastigen Forum Alpbach zum Widerstand. Als Drohkulisse stand sogar eine Ablöse des Vizekanzlers im Raum.

 

Schlechte Kommunikation

Wie es so weit kommen konnte? Zum Teil banal durch schlechte Planung. Einige geben ÖVP-Generalsekretär Hannes Rauch die Schuld, der zu der Zeit in den USA beim Parteitag der Republikaner weilte: Er hätte die Personalrochaden besser akkordieren müssen, stattdessen habe man die Betroffenen über „Vasallen“ informiert, lautet der Vorwurf. Es wäre nicht das erste Mal, dass es mit der internen Kommunikation schlecht läuft: Auch das Festlegen auf das Ja zur Wehrpflicht und das umfassende Demokratiepaket habe viele „kalt erwischt“, klagt man in der Partei über die Friss-Vogel-oder-stirb-Vorgangsweise. Dazu kommt der Frust durch uneingelöste Versprechen: Spindelegger soll Parteifreunden verschiedene Ämter zugesichert haben, unter anderem Justizministerin Beatrix Karl die Führung des Arbeitnehmerbundes ÖAAB.

 

Kampf gegen Länder, Bünde

Gleichzeitig steht Spindelegger selbst als Befehlsempfänger des niederösterreichischen Landeshauptmanns da, der aus eigenen Interessen in einem Zeitungsinterview eine Wehrpflicht-Volksbefragung diktiert hat – eine Idee, die die übrigen Landeschefs bereitwillig aufnahmen. Dass sich Spindelegger erst kürzlich dafür starkgemacht hat, mit einem Durchgriffsrecht die Macht der Länder zumindest symbolisch einzudämmen, wirkt ironisch. Tatsächlich hat es manche wie den langjährigen Wiener Landespartei-Obmann (von 1992 bis 2002) Bernhard Görg überrascht, dass es im aktuellen Streit die Bünde waren, die rebellierten. „Ich dachte, sie hätten in den vergangenen Jahren an Einfluss verloren.“

Die wahre Macht der ÖVP liegt nach wie vor in den Ländern, die die Finanzen der Bundespartei und die Sitze im Parlament in Wien bestimmen. „Für Niederösterreich ist das beflügelnd, für die Bundespartei nicht, wenn Landesparteichefs den Eindruck erwecken, sie wären stärker als der Bundesparteiobmann“, sagt Görg. Gerade in einer angespannten Situation: Abgesehen vom letzten Zwischenhoch dank des Umfragetiefs der FPÖ ist die Lage der Partei seit der Übernahme durch Spindelegger anhaltend schwierig.

 

Toxisches Erbe

Das liegt auch am toxischen Erbe: U-Ausschuss, Strasser, Grasser, Kärnten, dazu kam die Stronach-Partei. Manche, sagt ein erfahrenes Parteimitglied, würden aber lieber Realitätsverweigerung betreiben: „Die glauben wirklich, Wolfgang Waldner wird in Kärnten Landeshauptmann.“ Vorerst ist das Zeitfenster für Personalrochaden geschlossen, aber: „Zu glauben, dass sich seit Donnerstag alle wieder lieb haben, ist Unsinn. Die Obmanndebatte ist da“, so eine ÖVP-Politikerin. Die Frage, ob nicht Maria Fekter oder Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner seinen Job besser gemacht hätte, wird Spindelegger nicht los. „Ein Parteiobmann der ÖVP ist nur kurz nach seiner Wahl oder nach einer erfolgreichen Nationalratswahl fest im Sattel. Denn die ÖVP ist nur mit einem Parteichef zufrieden, der entweder schon Kanzler ist oder den Eindruck vermittelt, dass er es werden kann“, sagt Görg. Das sei derzeit nicht der Fall.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)

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160 Kommentare
 
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gehalt streichen

die övp ist mit sich selbst beschäftigt bedeutet: sie arbeitet nicht für uns österreicher, also kein gehalt bis sie ihren job wieder tun.

Abgesicherte Privilegienritter im öffentlichen Dienst vs. ums existentielle Überleben kämpfende EPU-ler; etc ..., passen eben nicht in die selbe Partei!

Oder hat schon jemand einen 360 Grad Spagat geschafft?

das problem der övp auf den punkt gebracht

hat der wahlslogen eines ungustls, der da lautete:

Ohne Mut, keine Werte!

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Re: das problem der övp auf den punkt gebracht

Viele Köche verderben den Brei und viele Bünde verderben die ÖVP....

Populismus

Am meisten könnte die ÖVP punkten, wenn sie sich endlich vom Populismus der SPÖ und FPÖ distanzieren würde und klare Sachpolitik betreiben würde.

Problem

Das Problem der ÖVP ist, dass niemand weiß wo sie steht.Ein bissi Sozialismus, ein bissi Wirtschaftsliberalismus, das ist einfach zu wenig.Denn die einen wählen rot und die anderen gar nicht.So wird das nix.Ausserdem sollte die ÖVP endlich zugeben, dass der wahre Chef der Erwin ist, egal wie der offizielle Parteichef heisst.

Gast: vertriebenr oevp wähler
01.09.2012 17:21
3 3

die oevp hat

so viele Defizite - diese sind hier gar nicht aufzählbar.

Re: die oevp hat

Sie haben recht.Aber leider gibt es in Österreich keine wirkliche Alternative.Ausser die, nicht wählen zu gehen.

Sie hat aber auch so viele Vorteile

dass sie hier aufgezählt werden sollten.

Sie versucht viele meinungen unter einen Hut zu bringen und wird es niemals dulden, dass es auf Dauer eine Führerfigur gibt, die alles niederbügelt. Das machen andere Parteien. Auch die Grünen.

Dass die hiesigen Medien so heftig über Führungskrisen der ÖVP herziehen, gat allein damit zu tun, dass man in Österreich schon noch so gestrickt ist: Straffe Führung ist besser. Was also in jeder besseren Firma täglich zelebriert wird, angeblich auch schon in so mancher Redaktionsstube, ist politisch in Österreich noch nicht modern: Täglicher Machtausgleich. Bei uns ist die Führerfigur immer noch das Ideal.

Antworten Antworten Gast: Keineillusionenbitte
02.09.2012 08:50
2 1

Re: Sie hat aber auch so viele Vorteile

Auch in einer besseren Firma hat man darauf zu achten, dass die geschäftsführenden Personen nicht als ferngesteuerte Hampelmänner in die öffentliche Wahrnehmung geraten.

Viel schwerer wiegt aber, dass man in der ÖVP offenbar meint in der Position zu sein, sich völlig abgehober Nabelschau hingeben zu können. Ich erlaube mir dazu den Hinweis, dass in der Republik Österreich ein Kanzler völlig unbehelligt in Amt und Würden ist, gegen den aktuell wegen des Tatverdachts strafbarer Handlungen zum Nachteil der Republik Österreich ermittelt wird. - Haben Sie dazu ein Stimmlein der ÖVP gehört? Nein? - Verhält sich so eine Partei, die sich nicht nur Ämter, Posten und Futtertrögen, sondern dem Wähler verpflichtet fühlt?


Gast: Sueton
01.09.2012 15:14
4 2

Das alte Problem der ÖVP ...

... ist es, daß Wirtschaftsbund und Bauernbund reine Lobby-Vereine sind, die sich's am liebsten mit den den Roten, also ihren Kunden!, direkt ausmachen und ausmauscheln. Jede andere Partei hätte einen Typen wie Leitl mitsamt seinem Kreissler-Club längst rausgeschmissen.

Nicht Chrysler, nicht Kreissler sondern GREISSLER!

Ansonsten haben Sie recht.

Antworten Antworten Gast: amici del ß
03.09.2012 20:39
0 1

Re: Nicht Chrysler, nicht Kreissler sondern GREISSLER!

Mit ß oder ss? Das haben Sie durch Großschrift elegant umschifft;))

Antworten Antworten Gast: Sueton
02.09.2012 01:21
2 1

Re: Nicht Chrysler, nicht Kreissler sondern GREISSLER!

Ich beknirsche mich. Seit ich computerisiere, verliere ich zusehends meine orthographischen Kompetenzen.

Das eigentliche Problem der ÖVP ist nicht durch Personalrochaden zu lösen!

Die ÖVP verliert nicht deshalb Stimmen, weil die Funktionäre zu wenig oft gewechselt werden, sondern weil sie keine Alternative zum übermächtigen Sozialismus anbietet. Wozu soll man aber eine Partei wählen, die das Gleiche, aber nur mit weniger Überzeugung will wie die SPÖ? Auch mit "Her mit dem Zaster"- Marxismus wird man kaum Wähler auf seine Seite ziehen können!
Nur diese fehlende Alternative zum Sozialismus bildet den Nährboden für merkwürdige Gruppierungen wie das BZÖ und die Stronach-Partei, aber auch für die Abwanderung vieler ÖVP-Wähler zur FPÖ!
Dass die ÖVP gar nicht mit der FPÖ um den dritten Platz kämpfen müsste, wenn sie eine andere als die sozialistische Politik anbieten würde, sieht man an der Reaktion auf die grün-diktatorische Parkpickerlerweiterung in Wien: da hatte die ÖVP eine klare Gegenposition und konnte mehr als viermal so viele Wähler mobilisieren als die FPÖ!
Deshalb wird sich die ÖVP nur retten können, wenn sie echte Alternativen zum Sozialismus bietet. Lohnend wäre wohl mehr Engagement für eine "neoliberale" Wirtschaftspolitik, die den größtmöglichen Wohlstand für die größtmögliche Zahl von Menschen garantiert! Auch ist man nicht gleich gegen Europa, wenn man nicht alles gutheißt, was den Hinterbänklern, die in Brüssel unverhofft zur Macht gelangt sind, so einfällt.
Nur wenn die ÖVP dem Wähler eine moderne Wirtschaftspolitik und eine Europapolitik, die kritisch den richtigen Weg zeigt, anbietet, wird sie wieder zur alten Bedeutung zurückfinden!

Und wie lautet die Alternative zu einer SP und FP

die sich schon seit Jahrzehnten dem Populismus verschrieben haben und sich medial bestens unterstützt wissen?

Dagegen gibt es kein Mittel. Ein Schüssel konnte noch so vernünftig Politik machen. Der wurde dafür in der Luft zerrissen (Dass Regierungen davor und danach weniger skandalträchtig waren, stimmt ja nicht)

Also findet sich die ÖVP im Dilemma, einerseits klare Konzepte zu haben, sich diese aber selbst zu verwässern, weil der Populismus der Gegner ansonsten übermächtig würde.

Hat sich scho einmal jemand die Mühe angetan und geprüft wie weitgehend identisch Wirttschaftspolitik von SP und FP ist?

Antworten Gast: so ist es
01.09.2012 15:02
5 1

Re: Das eigentliche Problem der ÖVP ist nicht durch Personalrochaden zu lösen!

Richtiger Ansatz.

Es gibt zusätzlich im Hintergrund agierend Bewegungen wie Freimaurer, Einheits-Gewerkschafter (Neugebauer etc.), rot-schwarzen Postenschacher, privilegierte Nachkriegwiderständler, Pfründenutzniesser, Gruppeninteressen etc..


Gast: Däumling
01.09.2012 14:16
6 2

Die der Menschen unterscheiden sich oft stark

Es ist schon eine Katastrofe mit der ÖVP. Aber es stört mich, dass die Journalisten nur zwei linke Augen haben. Bei den Linken gelten nun mal andere Regeln. Manches was der ÖVP als Fehler angekreidet wird, ist nur aus der Sicht der SPÖ ein Fehler. Für die Wähler ist einiges davon ein Vorteil.
Wer halt glaubt, dass einzig die Ziele der Linken die richtigen Ziele sind, kann sich nicht vorstellen, dass es auch Menschen gibt, die genau das nicht wollen was die Linken als Optimum anstreben.

Danke für die Formulierung

Sie haben es auf den Punkt gebracht.

Ärgerlich nur, dass Die Presse dabei mitspielt.

Gast: Grabstein mit Inschrift
01.09.2012 14:06
4 1

Hier ruht in Unfrieden die Verbindung der schwarzen Seelen

Der Tod ist ebenso, wie die Geburt, ein Geheimnis der Natur, hier Verbindung, dort Auflösung derselben Grundstoffe.
Marc Aurel

Gast: Ernst Strasser Ex-Bundesminister für ÖVP-Inneres
01.09.2012 13:59
2 5

In Zeiten wo die Glaubwürdigkeit in die österreichische Politik und Justiz so oft und nachhaltig erschüttert wird,

bedarf es wieder einer aufrechten ÖVP, welche angeführt durch meine lanjährige, kluge und besonnene Politfreundin Maria Fekter, die nun in ihrer gewohnten Kompetenz, die Geschicke unserer moralisch verkommenen Republik in trüberes Gewässer lenken wird.


Missbrauch der Funktion des Finanzministers

um die Vorwahlpräsenz zu steigern? das BMF als Werbeagentur in eigener Sache? So verkommen, so degeneriert ist der politische Anspruch einer einst staatstragenden Partei?

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Re: Missbrauch der Funktion des Finanzministers

Das ist aber nichts neues.

Bei der ÖVP kommt freilich noch hinzu, dass Ministerposten auch Interessensgruppenposten sind, also Bünde und Länder quasi Anspruch auf einen solchen haben - streng paritätisch aufgeteilt, natürlich.
Und so sitzen dann Persinen in den Ministersesseln, die geradezu kontraproduktiv sind, sowohl in fachlicher Hinsicht als auch als Sympathieträger.

Re: Missbrauch der Funktion des Finanzministers

hallo @calculus
Deinem Posting ist nichts hinzu zu fügen!
Allerdings muss erwähnt werden, dass ein Zivildiener als Verteidigungsminister ebenso eine arge Fehlbesetzung darstellt!
Das fatale Ergebnis ist ja bekannt!

Re: Re: Missbrauch der Funktion des Finanzministers

Ich glaube nicht, dass Darabos solche Probleme hat, weil er Zivi war. Eine Aussensicht tut manchmal gut. Die Probleme hat Darabos aufgrund seiner fundamentalmystisch-sozialistischen Grundhaltung.

Auch, aber nicht nur

Es fällt uns nicht auf, dass einer bei uns Verteidigungsminister ist, der für sich selbst nach wie vor die Bedienung einer Kriegswaffe ausschließt, aber einem ganzen Bundesheer die Bedienung von Waffen befiehlt. Auch einsatzmäßig.

In den meisten europäischen Ländern würde so jemand politisch keinen Tag überleben. Weil das etwa so ist wie wenn ein Finanzminister wirtschaftlich tätig ist und sich selbst prüft.

 
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