Wien/Ett. Vor dem Start der Herbstlohnrunde verschärft jetzt die größte Einzelgewerkschaft im ÖGB, jene der Privatangestellten und Drucker (GPA-DJP), den Ton und die Schlagzahl. GPA-Chef Wolfgang Katzian macht jetzt Druck für eine „Ausweitung“ der sechsten Urlaubswoche für Arbeitnehmer. Jedenfalls will die Gewerkschaft der Privatangestellten den längeren Urlaub bei Verhandlungen in der Sozialpartnerschaft, also mit den Arbeitgebervertretern, vorantreiben.
Für Katzian kommen für die Ausdehnung der sechsten Urlaubswoche auf mehr Beschäftigte als bisher zwei Varianten infrage: Entweder gibt es die sechste Urlaubswoche schon früher als bisher nach 25 Dienstjahren in einem Unternehmen oder ab einer bestimmten Altersgrenze. „Wir sind offen für eine Diskussion, wie wir es machen“, betont der GPA-Vorsitzende, der auch Chef der SPÖ-Gewerkschaftsfraktion im ÖGB ist.
Bundesdienst als Vorbild
Vorbild ist dabei für Katzian der öffentliche Dienst, wie er im Gespräch mit der „Presse“ erläuterte. Im Bundesdienst, in dem grundsätzlich eine 40-Stunde-Woche gilt, gibt es ab dem 43. Geburtstag den Anspruch auf eine sechste Urlaubswoche. In der Privatwirtschaft ist das nach 25 Jahren Berufstätigkeit in einem Unternehmen der Fall.
Möglich ist für Katzian auch ein Modell, bei dem der Anspruch auf eine sechste Urlaubswoche ab 25 Dienstjahren künftig von einem Betrieb zur nächsten Firma mitgenommen werden kann. Dieses „Rucksackprinzip“ kam schon bei der Umstellung auf die Abfertigung neu 2002 zum Tragen. Der Effekt dieser Maßnahme wäre, dass wesentlich mehr Beschäftigte als bisher in den Genuss einer sechsten Urlaubswoche kämen. Katzian begründet seinen neuen Vorstoß zur Ausweitung des Urlaubsanspruchs damit, dass der Arbeitsdruck zunimmt. Gerade ältere Beschäftigte bräuchten aber längere Regenerationsphasen. Der GPA-Vorsitzende nannte als Grund für seinen Vorschlag außerdem, dass aufgrund der häufigeren Jobwechsel und der kürzeren Zugehörigkeit zu einem Betrieb weniger Beschäftigte in den Genuss einer sechsten Urlaubswoche nach 25 Jahren kommen.
Zur Arbeitszeit wird es von der Gewerkschaft der Privatangestellten im heurigen Herbst noch weitere Aktivitäten geben, um der Fünf-Tage-Woche für Beschäftigte im Handel zum Durchbruch zu verhelfen. Kopfzerbrechen bereiten Katzian auch die vielen Überstunden: „Es ist nicht länger tolerierbar, dass jede fünfte Überstunde nicht bezahlt wird“, wetterte er.
Drohende Worte richtet Katzian die Arbeitgebervertreter wegen der Überlegungen, die Lohnverhandlungen im Metallbereich zu splitten. „Wer die Augenhöhe verlässt, muss damit rechnen, dass die Sozialpartnerschaft nicht funktioniert und dass es Wickel gibt.“
Im vergangenen September hatte die GPA mit der Forderung nach Sonderlohnrunden aufhorchen lassen. Katzian sieht außertourliche Gehaltserhöhungen für weibliche Beschäftigte seither in anderer Form sichergestellt. Denn in 75 Branchen sei nunmehr in den Kollektivveträgen verankert, dass Karenzzeiten bei den Gehaltsvorrückungen einberechnet werden. Davon würden 850.000 Arbeitnehmerinnen profitieren.
„Solidarabgabe ein Mosaikstein“
Der GPA-Vorsitzende lässt bei der Forderung zur Wiedereinführung der Erbschaftssteuer nicht locker. Lob zollte SPÖ-Bundesgeschäftsführer Günther Kräuter ÖAAB-Generalsekretär August Wöginger, der sich im „Presse“-Gespräch offen für eine Verlängerung der Solidarabgabe für Spitzenverdiener nach 2016 gezeigt hat. „Es ist erfreulich, dass ein weiterer Mosaikstein dazukommt“, so Kräuter.
Heftige Proteste mehrerer Gewerkschafterinnen gab es hingegen wegen der Forderung des ÖAAB-Generalsekretärs, schon ab 2014 und nicht erst ab 2024 das Frauenpensionsalter schrittweise anzuheben. Zuerst gebe es bei der Gleichstellung von Frauen immer noch „einen gewaltigen Nachholbedarf“, sagte die Chefin der ÖGB-Frauen, Brigitte Ruprecht. Allein die Verringerung der ungerechtfertigten Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen würde die Situation verbessern.
Der Generalsekretär des ÖVP-Seniorenbundes, Heinz Becker, sprang Wöginger in der Auseinandersetzung mit den Gewerkschafterinnen zur Seite: „Ja, das Frauenpensionsalter soll schon ab 2014 in Schritten angehoben werden.“
Wolfgang Katzian (55) ist seit 2005 Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-DJP), der größten Teilgewerkschaft im ÖGB. Er ist für die SPÖ Nationalratsabgeordneter. Seit 2009 ist Katzian Vorsitzender der SP-Fraktion im ÖGB. Diese wird sich voraussichtlich am Montag bei einer Sitzung auf Vida-Gewerkschaftschef Rudolf Kaske als Nachfolger von Herbert Tumpel als Präsident der Arbeiterkammer festlegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)
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