Wien/Pri. Die Rüge des Bundespräsidenten blieb verbal nicht lange ungesühnt: Heinz Fischer sei mit seiner Kritik „unglaubwürdig und wieder einmal parteipolitisch motiviert“, polterte FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky am Montag in einer Aussendung. Wahr sei vielmehr, dass Parteichef Heinz-Christian Strache „in keiner Faser seines Wirkens“ antisemitische Seiten habe erkennen lassen.
Stein des Anstoßes war eine Karikatur, die Strache auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hatte. Sie zeigt einen wohlgenährten Banker mit Davidsternen anstelle von Manschettenknöpfen, dem von der Regierung – versinnbildlicht durch einen biederen Beamten – ein festliches Mahl kredenzt wird. Der dritte Mann am Tisch, eine hagere Erscheinung, die für das Volk steht, muss sich mit einem Knochen auf dem Teller begnügen.
Heinz Fischer hat diesen Cartoon am Sonntag scharf verurteilt: Das sei „der Tiefpunkt politischer Kultur, der sich allgemeine und entschiedene Verachtung verdient“, zumal es sich um „eine feige Spekulation mit Überresten des Antisemitismus“ handle, sagte der Bundespräsident in seiner Eröffnungsrede beim Linzer Brucknerfest.
FPÖ-Basis über Strache verärgert
Kritische Stimmen waren am Montag allerdings auch aus dem freiheitlichen Lager zu hören: Er kenne die Karikatur nicht, halte aber fest, „dass die FPÖ derartige Geschichten – dass wir immer sofort ins rechte Eck gestellt werden – nicht brauchen“, richtete der Bürgermeister von Steinhaus bei Wels, Harald Piritsch, seinem Parteiobmann aus.
Denn ob bewusst oder nicht: Indem er diese Karikatur einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte, warf Strache einmal mehr eine alte Frage auf: Ist die FPÖ eine rechtsextreme bzw. antisemitische Partei, die – entgegen anderslautenden Behauptungen – nicht gewillt oder jedenfalls nicht in der Lage ist, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen?
„Ja und nein“: Zu diesem Schluss kommt der Journalist und Autor Hans-Henning Scharsach, der Monatgabend ein Buch mit dem Titel „Strache – im braunen Sumpf“ präsentierte. Man könne zwar nicht alle Freiheitlichen in einen Topf werfen. Doch an der Verflechtung der politisch salonfähigen FPÖ mit „Hetzern gegen Juden, Zuwanderer und Muslime, mit Hitler-Nostalgikern, Auschwitz-Leugnern und Gewalttätern“ – kurz: mit der Neonazi-Szene – bestehe kein Zweifel.
Für Scharsach hängt das auch und vor allem mit der Person des Parteichefs zusammen: Nach einem Jörg Haider, der (letztlich erfolglos) versucht hatte, gewisse Parteikreise zu entmachten, habe die FPÖ unter Heinz-Christian Strache wieder „eine Wende in die braune Vergangenheit vollzogen“.
Die einflussreichen Burschenschafter
Gezielt und regelmäßig würden die Freiheitlichen heute Signale an ihre extrem rechte Anhängerschaft versenden – nicht nur in einschlägigen Internetforen. Als Beispiele führt Scharsach den Strache-Comic aus dem Wiener Wahlkampf 2010 oder das „Moschee baba“-Spiel der steirischen FPÖ an. Die Burschenschaften, deutschtümelnd und bisweilen rechtsextrem bis neonazistisch, wären in der Partei einflussreicher als je zuvor. Und so mancher freiheitliche Politiker hätte schlichtweg nichts zu befürchten, wenn er öffentlich kein Hehl aus seiner Gesinnung mache.
Strache selbst versucht der Autor als ehemaligen Neonazi zu entlarven, der in NDP-Gründer Norbert Burger einen Vaterersatz fand; der in seiner Jugend nicht Paintball spielte, sondern an Wehrsportübungen teilnahm; und der nicht „drei Bier“ bestellte, sondern die Finger zum Kühnengruß hob, einer Abwandlung des Hitlergrußes.
Scharsachs Buch, akribisch recherchiert und historisch unterfüttert, ist ein Erklärstück für alle, die jahrelang die Innenpolitikseiten in den Zeitungen überblättert haben. Wirklich neu ist der Inhalt nämlich nicht.
Strache Im braunen Sumpf
Kremayr & Scheriau, 336 Seiten, 24 Euro
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2012)
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