[Wien] Studierende aus verschiedenen sozialen Schichten sind an den heimischen Unis alles andere als gleich verteilt: Medizin ist bis heute ein Studium für die sogenannte Oberschicht – 36 Prozent der angehenden Mediziner sind aus bessergestellten Familien, nur acht Prozent sind aus niedrigen Schichten. Das zeigt die jüngste Studierendensozialerhebung des Wissenschaftsministeriums, die am Freitag präsentiert wurde.
Und mehr noch: Die Zahl der Studierenden aus niedrigen sozialen Schichten – definiert anhand von Bildungsstand und beruflicher Position der Eltern – sinkt generell. Seit 1998 ist ihr Anteil von 26 auf 18 Prozent zurückgegangen – je nach Hochschultyp ist der Anteil unterschiedlich (siehe Grafik). Gestiegen ist der Anteil mittlerer und gehobener Schichten (64 Prozent), jener der Studenten aus höheren Schichten blieb konstant bei 18 Prozent. Ein (Mit-)Grund: Die unteren sozialen Schichten schrumpfen – wegen des kontinuierlichen Bildungszuwachses – generell.
Dennoch ist die soziale Selektion vor allem an den Unis drastisch. Insgesamt ist die Chance, ein Hochschulstudium (also an Uni oder FH) zu beginnen, für Kinder, deren Mutter oder Vater zumindest Matura hat, rund 2,5-mal so hoch wie für Kinder von Eltern ohne höheren Schulabschluss. An den Unis ist die Chance dreimal so groß. Bildungsferne Studenten brechen ihr Studium außerdem – gerade zu Beginn – häufiger ab als andere: Nach drei Semestern an der Uni haben acht Prozent der Akademikerkinder, aber doppelt so viele Kinder bildungsferner Eltern ihr Studium hingeschmissen.
Etwas gemildert wird die Situation durch die Fachhochschulen: Sie sind für bildungsferne Schichten zugänglicher als die Unis – dass der Hochschulzugang in Summe etwas egalitärer geworden ist, liegt fast ausschließlich am FH-Ausbau in den vergangenen Jahren. Dass der soziale Hintergrund an den FH weniger Bedeutung hat, zeigt sich auch in der Abschlussquote: Jene von Akademikerkindern ist an den Unis deutlich höher als jene von Studenten aus bildungsfernen Familien – an den FH liegen Letztere sogar (minimal) vorn.
Älter und öfter erwerbstätig
Insgesamt sind die Uni-Studierenden Langzeitstudierende: Von jenen, die 2003 ihr Studium aufgenommen hatten, schlossen nach 16 Semestern nur 44 Prozent ihr Studium ab, 29 Prozent brachen es ab, 27 Prozent waren nach wie vor inskribiert. Die lange Verweildauer an den Unis ist mit ein Grund dafür, dass die heimischen Studenten immer älter werden. In allen Sektoren ist das Durchschnittsalter der Studierenden gestiegen. Am ältesten sind Studenten an künstlerischen Unis (27 Jahre) und wissenschaftlichen Unis (26,9 Jahre), am jüngsten an den FH (25,4).
Ein weiterer Grund für das steigende Durchschnittsalter ist, dass immer mehr Ältere ein Studium beginnen, etwa über Zugänge wie die Berufsreifeprüfung oder Lehre mit Matura. Die Hochschulzugangsquote ist trotz schrumpfender Jahrgänge binnen fünf Jahren von 34 auf 47 Prozent gestiegen.
Gestiegen ist die Erwerbsquote der Studenten: je älter, desto höher die Erwerbsquote. Seit 2006 ist der Anteil der erwerbstätigen Studierenden von 58 auf 63 Prozent angewachsen. Statt 19,1 wenden sie aktuell im Schnitt 19,8 Stunden pro Woche für den Job auf. Studenten finanzieren einen immer größeren Teil ihres Lebens selbst. 42 Prozent ihres Budgets stammen aus dem eigenen Job, nur 38 Prozent stellt die Familie. Noch vor wenigen Jahren war die Familie Geldgeber Nummer eins.
Mehr Arbeit bedeutet aber nicht unbedingt mehr Budget: Studenten verfügen im Schnitt über 1000 € pro Monat, ein Drittel kommt mit maximal 700 € aus. Im Vergleich zu 2009 ist das ein reales Minus von zwei Prozent bei Kostensteigerungen von drei Prozent. 29 Prozent der Studenten klagen über Geldprobleme, für ebenso viele ist die Vereinbarkeit von Job und Studium schwierig. Der Bezieherkreis der Studienbeihilfe ist kleiner geworden: von 18 auf 15 Prozent.
Am Institut für Höhere Studien (IHS), das die Studie durchgeführt hat, regt man an, die Altersgrenzen für Förderungen zu überdenken. Minister Karlheinz Töchterle (ÖVP) kündigte an, „das Mögliche“ für einen Ausbau der Studienförderung zu tun – das sei allerdings abhängig vom Budget.
Übrigens: Das Uni-Studium mit den meisten Studenten aus niedrigen Schichten ist die Theologie.
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