Sein Gewerkschaftskollege, der als Sozialminister direkt betroffene Rudolf Hundstorfer, war gar nicht erfreut, Rudolf Kaske nahm sich dennoch kein Blatt vor den Mund: „Mein Job als Interessenvertreter ist es, der Regierung einen Fingerzeig zu geben, dass 190 Millionen kein Pappenstiel sind.“ Heuer im Jänner prangerte er als ÖGB-Arbeitsmarktsprecher „Sozialmissbrauch auf Kosten der Republik“ an, weil Beschäftigte einige Wochen arbeitslos gemeldet werden – trotz einer Zusage für eine Wiedereinstellung beim selben Dienstgeber.
Es war eine jener Situationen, in denen Kaske auch auf Konfrontationskurs zu seinen roten Parteifreunden ging. Das ist einer der Gründe, warum auch außerhalb der SPÖ begrüßt wird, dass der 57-jährige Wiener 2013 Herbert Tumpel als Präsident der Arbeiterkammer ablöst. Nach 15 Jahren soll eine neue offensivere Ära in der Arbeiterkammer anbrechen. Am 17. Oktober steht einmal die Wahl zum Wiener AK-Vizepräsidenten auf dem Programm.
Der gelernte Koch bietet in mehrfacher Hinsicht ein zwiespältiges Bild. Kaske, wie er selbst betont, ein „Arbeiterkind“ aus Wien-Leopoldstadt, hat sich im ÖGB-Apparat vom Jugendvertrauensrat in der Gastgewerbe-Gewerkschaft hochgedient. Der Marsch hat ihn 2006 bis an die Spitze der Vida gebracht, einem Sammelsurium aus Teilgewerkschaften von den machtbewussten Eisenbahnern bis zu den Gesundheits- und Sozialberufen, die hart um ihre Rechte kämpfen müssen.
Kaske hat seine Vorstadt-Bodenhaftung bewahrt. Er hat nicht vergessen, dass die Arbeiterfamilie mit wenig Geld auskommen musste. Dennoch ist er das Gegenteil der hemdsärmeligen Gewerkschafter vom alten Schlag. Es ist kein Wunder, dass sein adrettes Äußeres im ÖGB auch scheel beäugt wurde. Der künftige Arbeiterkammerpräsident, der als Spitzenkandidat der SPÖ-Gewerkschaft in die AK-Wahl 2014 gehen wird, legt Wert auf modische Kleidung. Das geht bis zu seiner Vorliebe für markante moderne Brillen.
Ein grader Michel. Auch sein Auftreten als Gewerkschaftsboss hinterlässt ein ambivalentes Bild. Sein langjähriger enger Kollege in der Gastgewerbe-Vertretung, der schwarze Christgewerkschafter Alfred Gajdosik, beschreibt ihn knapp so: „Ein grader Michel – er war immer ein Gerader.“ „Er ist ein besonnener, sehr kluger Argumentierer“, urteilt ÖGB-Vizepräsidentin Sabine Oberhauser. In der Gewerkschaft wird er nicht als blinder Hau-Drauf wahrgenommen, er hat sich ÖGB-intern offiziell wenig Feinde gemacht. Er sei „kein Zündler, kein Scharfmacher“.
Das deckt sich mit dem Selbstbild, das Kaske von sich zeichnet. Dieser sieht sich lieber als „Schlichter“, denn als Einpeitscher. Seinen Ruf in einer breiteren Öffentlichkeit hat allerdings über Jahre hinaus eine Ansage im Jahr 2000, die an die schwarz-blaue Regierung gerichtet war, geprägt: „Wenn einmal dieses Arbeitslosenheer marschiert, dann brennt die Republik.“
Schlecht gebrüllt, denn das trug ihm heftige Kritik ein. Dabei tischt der gelernte Koch seine Menüs nur selten tatsächlich als Gewerkschafter so heiß auf: Zuletzt war das heuer im Frühjahr der Fall: Kaske hat sich mit der Kündigung des Kollektivvertrages im „AUA-Tyrolean-Luftkrieg der Flieger“ auf einen Weg mit einigem Risiko begeben. Er selbst sah dies als Notwehrreaktion auf das Sparpaket der AUA, handelte sich aber eine Konfrontation mit den „Tyrolean“-Betriebsräten ein.
„Auf der Rasierklinge“. Ein Mann, der aneckt. Das passt in das zwiespältige Bild vom designierten neuen AK-Boss. Er wettert des Öfteren über „modernes Sklaventum“. Gleichzeitig loben selbst Arbeitgebervertreter die Handschlagqualität des Vida-Vorsitzenden. Der Gelobte selbst hat die schwierige Balance heuer so beschrieben: „Unser Job ist der Ritt auf der Rasierklinge.“
Der hätte 2006 beinahe mit einem Totalabsturz geendet, als die Finanzzockereien um die damalige Gewerkschaftsbank Bawag aufflogen. Kaske war bis dahin 17 Jahre lang im Aufsichtsrat gesessen. Nichts mitbekommen? Nichts unternommen? Man habe gefragt, „aber was soll man machen, wenn man belogen wird?“, so Kaskes Reaktion. Seinen Weg an die Spitze der AK hat das nicht verhindert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)
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