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Schmied: Der Kanzler darf in die Schulen, Staatssekretär Kurz nicht

12.10.2012 | 18:35 |  CHRISTOPH SCHWARZ (Die Presse)

Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) über die „scheinheiligen“ Angriffe des ÖVP-Staatssekretärs auf ihre erfolgreiche Sprachförderung und den U-Ausschuss, der zum „Tribunal“ verkommen ist.

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Die Presse: Die SPÖ bemüht beim Parteitag mit dem Thema Reichensteuer wieder den Klassenkampf. Ist das aus Sicht der ehemaligen Bankenmanagerin die richtige Zukunftsstrategie?

Claudia Schmied: Ja. Weil die Vermögenbesteuerung ein Aspekt des Gerechtigkeitsthemas ist. Wie auch die Bildung einer ist.

Das Vertrauen der Menschen in die Parteien ist mittlerweile so weit gesunken, dass etwa Frank Stronach allein schon deshalb Zustimmung erntet, nur weil er nicht Teil dieses Systems ist.

Das stimmt mich nachdenklich. Die fatale Entwicklung der Vertrauensindizes müssen wir alle in der Politik als Auftrag sehen, was Ehrlichkeit und Anständigkeit betrifft.

Wenn Sie schon Ehrlichkeit und Anständigkeit ansprechen: Hätte Kanzler Faymann im U-Ausschuss zur Inseratenaffäre aussagen sollen?

So, wie sich der U-Ausschuss entwickelt hat, nämlich in Richtung Tribunal, halte ich die von ihm getroffene Entscheidung aus seiner Sicht für eine sehr nachvollziehbare.

Bedeutet „aus seiner Sicht“ auch aus Ihrer Sicht?

Ich maße mir nicht an, mich in dieser Sache in andere hineinzuversetzen. Das muss jeder für sich entscheiden.

Hätten Sie dem Bundeskanzler geraten, nicht in den U-Ausschuss zu gehen?

Das wäre eine Anmaßung.

Staatssekretär Sebastian Kurz hat sich angesichts der mangelhaften Integration im Schulsystem diese Woche Sorgen um den „sozialen Frieden“ im Land gemacht. Er meinte, er sei sich „nicht sicher, ob alle den Ernst der Lage erkannt haben“. Mit „alle“ meinte er wohl Sie.

Bevor ich zum Inhaltlichen komme, muss ich rein emotional sagen: Mir all das über das Ö1-„Morgenjournal“ auszurichten, ist sicher nicht die Form, wie ich mir eine Zusammenarbeit in der Regierung vorstelle.

Kurz sagt, er habe mehrfach versucht, mit Ihnen zu sprechen, sie hätten aber abgeblockt.

Das hat er nicht. Ich habe all das um 7.15 Uhr in der Früh aus dem Radio vernommen. Das ist schlechter Stil. Aber Menschen lieben Dramen. Somit ist das wohl der beste Weg, in die Medien zu kommen.

Man hat das Gefühl, Sie seien verärgert, dass da ein 26-Jähriger kommt, der erst seit einem Jahr im Amt ist, und Ihnen als lang gediente Ministerin erklärt, dass Sie in Ihrem Ressort so große Fehler machen. Stimmt dieser Eindruck?

Ja, sicher. Weil es scheinheilig ist. Ich habe gemeinsam mit der ÖVP die Sprachförderung im Kindergarten eingeführt, die erwiesenermaßen das beste Instrument zur Förderung ist. Als es um die Verlängerung ging, wollte ich diese unbefristet festschreiben. Wer war dagegen? Die ÖVP. Sie hat auf einer Befristung von zwei Jahren bestanden. Also noch einmal: Was Staatssekretär Kurz hier tut, ist scheinheilig. Es gibt zahlreiche Maßnahmen zur Förderung von Migranten – von der Sprachförderung im Kindergarten und in der Schule bis zur Ganztagsschule. Diese Kinder sind unsere Zukunft. Es gebietet die soziale und ökonomische Vernunft, sie zu fördern.

Egal, ob PISA-Test oder Wiener Lesetest: In der Risikogruppe sind die Migranten immer überdurchschnittlich vertreten. Da hat die Regierung viel verschlafen. Das können Sie nicht abstreiten.

Sie vergessen den Ausgangspunkt 2007, als ich mein Amt antrat: Davor lagen zwölf Jahre, in denen die ÖVP das Bildungsressort geführt hat, davon sieben Jahre in einer Koalition mit FPÖ und dann BZÖ. Seit ich im Amt bin, kämpfe ich darum, dieses Bildungssystem wieder zukunftsfit zu machen.

Die Schuld liegt also bei Ihrer Amtsvorgängerin Elisabeth Gehrer?

Ich habe nie Schuldzuweisungen gemacht. Aber wenn Sie jetzt so kommen, weise ich darauf hin, dass Bildungspolitik langfristig wirkt. Wir spüren die positiven Auswirkungen von Schulreformen oft erst Jahre später.

Trotz der Frühförderung im Kindergarten kommen nicht wenige Kinder mit zu schlechten Deutschkenntnissen in die Schule. Warum blockieren Sie die Pläne des Staatssekretärs, „Deutsch vor Schuleintritt“ umzusetzen?

Ich blockiere nicht. Ich bin einfach anderer Meinung. Wie übrigens auch viele seiner eigenen Experten. Von mir gibt es ein klares Ja zu einer Verankerung der Sprachförderung im Kindergarten und zum zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr. Dann braucht es zusätzliche Mittel für jene Sprachförderung in den Schulen, die dort bereits jetzt passiert: Die Schulen arbeiten mit Zweitlehrern und geblockten Deutschkursen.


Wer nicht ausreichend Deutsch spricht, soll also dennoch ganz normal in die Schule?

Ja, aber mit gezielter Zusatzförderung.

Tatsächlich landen viele dieser Kinder einfach in den Sonderschulen.

Das darf nicht sein. Wir müssen uns überlegen, wie wir das System neu gestalten. Ich bin für mehr Inklusion.

Kurz klagt auch, dass Sie seinen „Integrationsbotschaftern“, also erfolgreichen Migranten, den Zutritt zu Schulen verweigern. Was haben Sie denn gegen die Integrationsbotschafter?

Gar nichts. Ich schätze das Projekt sehr. Es ist bereichernd für Migranten zu sehen, was Menschen mit ähnlichem Hintergrund alles geschafft haben.

Der Staatssekretär darf also auch künftig mit den Integrationsbotschaftern an die Schulen?

Die Integrationsbotschafter sind willkommen. Ich will aber keine Politshow an den Schulen, egal, welchem Couleur die Politiker angehören.

Also keine Besuche des Staatssekretärs?

Stimmt. Wir wollen keine parteipolitischen Agitationen an Schulen.

Der Bundeskanzler besucht laufend Schulen.

Beim Regierungschef ist das wohl ein bisschen ein Unterschied.

Der Kanzler darf, der Staatssekretär nicht?

Genau, mit mir schon.

Bei all den Streitigkeiten mit der ÖVP im Bildungsbereich: Wünschen Sie sich nach der Wahl eine Koalition mit den Grünen?

Ideologisch wäre das einfacher. Aber zuerst kommt die Wahl. Ich spekuliere nicht.

Stehen Sie für fünf weitere Jahre als Ministerin zur Verfügung?

Wenn man mich fragt, dann mache ich das sehr gern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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16 Kommentare

Kurz gegen Schmid?

Wer vergleicht Schmid mit diesem "Lausbuam" ? Natürlich die schwarze Presse!

Gast: beutelratte
13.10.2012 20:19
1 1

man sollte ihn schon reinlassen,

aber nur mit Besen und Schauferl.

Gast: Ex-SPÖ-Wähler
13.10.2012 18:38
2 0

die Gehirnwäsche in den Schulen

sollte auch der SPÖ überlassen werden, die haben die "intelligentere" Ideologie für die Ganztagsschulen... Von der Wiege bis zum Grabe übernimmt der Staat die alleinige Verantwortung. Familie ist out - es lebe der Hort und das Pensionistenheim.

Gast: stork
13.10.2012 15:58
0 14

Gegenüberstellung Fr. Ministerin Schmid - Staatzssekretär Kurz

Ich habe selten ein aggressiveres - gegen die Ministerin geführtes Interview gelesen. Staatssekretär Kurz zeigt sich fast jedes Wochenende - natürlich ohne Inserat - reine Gesichtswäsche in den Gratiszeitungen, fast immer mit sehr schlecht durchdachten, populistischen Konzepten. Sein Büro weiß überhaupt nicht, dass bereits seit Jahrzehnten (seit den 80igern) an Wiener Schulen Deutschförderung in Form von begleitenden Kursen abgehalten werden, ebenso wie muttersprachlicher Unterricht. Es gibt genügend Kinder mit deutscher Muttersprache, die auch beim Schuleintritt nicht perfekt im Gebrauch der deutschen Sprache sind. Wichtig ist, daß die Kinder verstehen was von ihnen verlangt wird. Wenn dies die einzigen Integrationsmaßnahmen von Hr. Kurz sind, dann wäre es Zeit, daß er seine Arbeit und Strategie überdenkt. ER geht auch nur in Privatschulen und AHS mit besonderen Gästen, das ist wieder núr eine populistische Maßnahme. Er müßte einmal bei seiner Wählerschaft um Integrationswillen zu sorgen. Deshalb sind die meisten Kinder in der AHS überfordert - brauchen Nachhilfe - weil sie sonst vielleicht mit einem Kind mit Migrations-hintergrund in einer Klasse sitzen müßten. Ich würde mir etwas faireren Interviewstil in der Presse erwarten. Diese Art würde sich Stronach nicht bieten lassen, vielleicht hat er deshalb so viele Anhänger, kann mir sonst keinen Grund vorstellen den Stronach zu wollen.

Re: Gegenüberstellung Fr. Ministerin Schmid - Staatzssekretär Kurz

Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen in Regelschule zu stecken und dann in die Sonderschule abzuschieben ist sicher kein positiver Beitrag zur Integration. Ohne entsprechende Sprachkenntnisse ist die Teilnahme am Unterricht auch an anderen Gegenständen sinnlos!
Oder steckt vielleicht doch System dahinter, da in der Sonderschule mehr Lehrer beschäftigt werden können? Eine armselige und verantwortungslose Politik!

Antworten Gast: bärig
13.10.2012 17:08
3 0

Re: Gegenüberstellung Fr. Ministerin Schmid - Staatzssekretär Kurz

Es stimmt, dass seit den 80er Jahren Deutschförderung in Form von begleitenden Kursen abgehalten werden. Es hat sich aber herausgestellt- und viele Lehrer klagen darüber- dass diese begleitenden Kurse nicht das brigen, was eigentlich erreicht werden soll! Die Kinder versäumen Unterrichtsstunden, in denen sie auch ohne gute Deutschkenntnisse mitmachen könnten: z.B.Turnen, Zeichnen, Musik, Werken. Daher wären eigene Klassen zielführender. Eigene Klassen mit einem eigenen Lehrplan und gezielter Deutschförderung! So wie in vielen anderen Ländern! Erst wenn die Kinder die Unterrichtssprache verstehen, sollten sie in die Regelklassen eingeliedert werden!

11 0

Kein Wunder .....

... dass Fr. Minister Schmied die Kommunalkredit so "erfolgreich" in den Satz gesetzt hat wenn Sie nicht einlal die Grundrechnungsarten kann. 2012 (heute) -2007 (Ihr Amtsantritt) = 5! Wenn also Ihre Frühförderung so toll wäre sollte das Problem der mangelnden Deutschkenntnisse bei den Volksschülern gelöst sein. Sich da jetzt auf die Vorgänger raus zu reden ist der typische Ansatze der SP - die Anderen sind schuld!

12 0

Mit dem Kanzler kommen auch die Bilderbücher zurück

*) Krone
*) Österreich
*) Heute

Die Zentralmatura kennt vier in Folge Benotungsvarianten:

-> Keine kleinformatige Zeitung lesen können: Nicht bestanden, aber größtes Potential für einen enorm erfolgreichen Politiker
-> Eine kleinformatige Zeitung lesen können: Bestanden, aber größtes Potential für einen Staatssekretär aus den Reihen der SPÖ
-> Zwei kleinformatige Zeitungen lesen können: Mit gutem Erfolg bestanden, aber maximal Abgeordneter
-> Alle drei kleinformatige Zeitungen lesen können: Mit ausgezeichnetem Erfolg bestanden, aber keine Chance auf ein SPÖ Parteibuch (zu intellektuell)

14 0

"Beim Regierungschef...

...ist das wohl ein bisschen ein Unterschied." Warum?
Vielleicht sollte die SPÖ wieder aufhören, solch wichtige Ministerposten mit Quotenfrauen zu besetzen.

Re: "Beim Regierungschef...

Hast Du gestern nicht das Interview mit Michael Häupl gelesen? Du bist da laut Häupl ein Musterbeispiel der Disziplinlosigkeit in der SP wenn Du solche Dinge hintergragst!!! :) :) Die Genossen wünschen das nicht ... da ist zu kuschen wenn der Ober-Genosse etwas sagt .. wie zu Stalins Zeiten halt ...

Re: Re: "Beim Regierungschef...

Um ein Musterbeispiel zu sein, müsste ich Parteimitglied sein. So weit wird es nie kommen. ;-)

Für Faymann ist der regelmäßige Schulbesuch auch dringend notwendig...



Gast: leser48
13.10.2012 09:51
3 0

Mein und Dein

So, wie sich der U-Ausschuss entwickelt hat, nämlich in Richtung Tribunal, halte ich die von ihm getroffene Entscheidung aus <b>seiner</b> Sicht für eine sehr nachvollziehbare.

Bedeutet „aus <b>seiner</b> Sicht“ auch aus <b>Ihrer</b> Sicht?

Ich maße mir nicht an, mich in dieser Sache in andere hineinzuversetzen. Das muss jeder für sich entscheiden.

... Aber das tut sie doch! Sie will nur nicht sagen, ob sie auch so vorgegangen wäre!

Kann halt nicht mein und dein auseinanderhalten die Dame, aber das kennen wir ja schon. (siehe Kommunalkredit!)

bildungpolitik wirkt langfristig

wenn die missgeburt nms voll zu wirken beginnt, ist die ministerin längst auf einer kanalinsel auf urlaub.

Gast: louser
13.10.2012 07:45
8 0

Wie entlarvend,

Frau Minister ! Polit-Shows an Schulen sollen einzig einem SP-Kanzler vorbehalten sein. Da darf er auch vor Schülern erklären, dass die wichtigste Arbeit eines (SP-) Politikers ist, wiedergewählt zu werden.

11 0

Vertrauen in die Politik

Nicht nur der selbstverschuldete Vertrauensverlust der Politik sollte Fr. BM Schmid nachdenklich stimmen, sondern auch die Ideenarmut und die oberflächliche Behandlung politischer Themen, einschließlich der Bildungspolitik. Dass man Ehrlichkeit und Anständigkeit in der Politik nicht durch Verordnungen und Aufklärung wieder herrstellen kann, hat der Korruptions U-Ausschuss gezeigt.