Die Presse:Fast alle EU-Staaten haben eine Freiwilligen-Armee. Die können doch nicht alle irren, oder?
Veit Sorger: Das ist keine Frage des Irrens. Sondern eine Frage der Machbarkeit. Und der Situation eines Landes. Und für Österreich sind die Argumente, die für eine Beibehaltung der Wehrpflicht sprechen, doch kräftig genug.
Gerade die Industriellenvereinigung, deren Präsident Sie bis heuer waren, setzt sich bekanntlich für freiwilliges Engagement und gegen staatliche Bevormundung ein. Die Wehrpflicht ist allerdings ein staatlicher Zwangsdienst. Ist das nicht ein Widerspruch – auch für Sie?
Ich bin ja auch in eine Volksschule und eine Mittelschule gegangen. Das ist auch nicht auf freiwilliger Basis erfolgt. Gewisse Rahmenbedingungen müssen, glaube ich, sein. Wesentlich für mich ist, dass ich von der Gemeinschaft so viele Jahre etwas kostenlos bekommen habe, meine Ausbildung, und dass ich das dem Land dann auch wieder zurückgeben kann. Indem ich mich in der militärischen Sicherheit, dem Katastrophenschutz oder beim Zivildienst engagiere. Das sind gute Möglichkeiten, sich zu revanchieren.
Soll das dann auch für die Frauen gelten?
Das ist ein großes Diskussionsthema. Auch da gehen die Meinungen quer durch die Bevölkerung auseinander. Ich glaube, das sollte man ausführlich diskutieren und keinen Schnellschuss machen.
Aber wäre es nicht auch im Interesse der Wirtschaft, dass die jungen Menschen nicht etliche Monate beim Heer verlieren, sondern dass sie diese Zeit lieber in ihre Ausbildung investieren oder arbeiten gehen?
Das muss man schon relativieren: Wir reden von 0,6 Prozent der voraussichtlichen Lebenserwartung eines Menschen, die er für den Wehrdienst einsetzt. Und die jungen Menschen, die zum Heer kommen, haben ja meist eine Ausbildung, die dort dann auch ergänzt werden kann. Ich bin ja auch der Meinung, dass es zu viel Leerlauf gibt und die Zeit besser genützt werden sollte. Da gibt es so viele Bereiche, wo junge Leute viel lernen können: Sport, Ernährung, technologische Innovationen, Strategien.
Haben Sie selbst gedient?
Ja. 1966, nach dem Studium, zuerst in Fehring an der ungarischen Grenze, das war eine der härtesten Kasernen, die es damals gab. Nach drei Monaten bin ich dann nach Graz gekommen.
Und der Drill hat Sie nie gestört?
Aber natürlich! In dem Alter hatte auch ich andere Erwartungen. Aber eines sage ich trotzdem: Diese Gemeinschaft, die sich dort entwickelt hat, habe ich in guter Erinnerung.
Von den Befürwortern der Wehrpflicht wird nun immer wieder das Argument des Zivildienstes vorgebracht, der von vielen Wehrpflicht-Anhängern jahrelang eher scheel angesehen wurde.
Ich hatte immer größten Respekt vor Menschen, die gesagt haben, sie wollen keine Waffe in die Hand nehmen.
Die sozialen Dienste müssen aber auch irgendwie funktioniert haben, bevor es den Zivildienst bzw. die Abschaffung der Gewissensprüfung gab.
Ich glaube, dass sich da in den vergangenen 20 Jahren viel verlagert hat. Die Menschen sind älter geworden. Die Verstädterung ist fortgeschritten. Früher gab es auch noch mehr Großfamilien.
Wie unabhängig sind Sie eigentlich? Immerhin scheint Ihr Komitee von Raiffeisen gesponsert und von der ÖVP protegiert zu sein, wenn es nicht gar von dieser initiiert war?
Ich kann Sie beruhigen: Von Raiffeisen habe ich bisher keinen Cent bekommen. Ich werde mit einem großen Spendenaufruf an die Finanzierung herangehen. Und ich bekomme sehr viel Unterstützung quer durch alle politischen Lager. Es gibt manche in meinem Freundeskreis, die sagen, bitte wieso machst du das? Und ich bekomme E-Mails von Menschen, die in vielen Fragen bisher stets anderer Meinung waren als ich, die das jetzt ganz toll finden.
Also keine ÖVP-Initiative?
Ich gehöre keiner Partei an. Ich bin niemandem verpflichtet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2012)
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