Wien. Eigentlich hätte am Freitag am Wiener Heldenplatz nur das österreichische Bundesheer im Vordergrund stehen sollen – und nicht die Debatte über die Abschaffung oder Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht. Das war zumindest der Wunsch von Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ). Erfüllt wurde dieser natürlich nicht: Schon vor dem Eingang zur diesjährigen Leistungsschau am Nationalfeiertag mit dem Motto „Profis bringen Sicherheit“ sammelten Vertreter der ÖVP-nahen Wehrpflicht-Initiative „Einsatz für Österreich“ fleißig Unterschriften gegen das Berufsheer-Modell der SPÖ und verteilten Broschüren und Luftballone.
Im Inneren ging dann der Kampf rund um die Wehrpflicht weiter: Darabos selbst ließ es sich nämlich auch nicht nehmen, bei seiner Rede für sein Berufsheer-Modell zu werben – und das ausgerechnet bei der traditionellen Angelobung der Rekruten. Knapp 1000 junge Männer in Uniform waren neben dem Minister aufgereiht und lauschten seiner Rede: „Wir müssen die hohe Qualität unseres Heeres absichern“, sagte er. „Und diese Qualitätssicherung erfordert Veränderungen.“ Der Kalte Krieg sei vorbei, die Bedrohungen würden spezielle Anforderungen an das Heer stellen. „Anforderungen, die allein mit einer hohen Anzahl an Soldaten nicht erfüllt werden können.“ Und: „Wenn sich die Welt verändert, dann müssen sich auch die Streitkräfte ändern.“
Ein paar aufmunternde Worte hatte er für die Rekruten zum Schluss dann doch noch: „Lassen Sie sich von der laufenden Debatte, die mitunter heftig geführt wird, nicht irritieren. Vertrauen Sie auf Ihre Fähigkeiten und Kapazitäten und geben Sie Ihr Bestes – im Dienste der Republik Österreich.“
„Aufgabe des gesamten Volkes“
Auch Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) plädierte für ein Berufsheer: Er sei überzeugt, dass die Armee und die soziale Arbeit professionalisiert werden müssten. Von Bundespräsident Heinz Fischer hingegen kamen ganz andere Worte: Das Bundesheer sei nach dem Zweiten Weltkrieg „auf Basis der allgemeinen Wehrpflicht mit der Aufgabe für das gesamte Volk, unser Land zu schützen“ aufgebaut wurde. Und diese Aufgabe erfülle es auf „professionelle Weise“. Die Leistungsschau würde zeigen, „wie viel Professionalität jetzt schon in der Arbeit“ der Armee stecke.
Nur einer war am Freitag erstaunlich ruhig: Generalstabschef Edmund Entacher, der normalerweise keine Gelegenheit auslässt, um für die Wehrpflicht zu werben und Darabos zu widersprechen. Doch an diesem Feiertag salutierte er brav, begrüßte die Besucher und ging stumm an Darabos' Seite.
Auch bei der traditionellen Kranzniederlegung wirkte alles sehr harmonisch: Entacher, Darabos und Fischer gedachten gemeinsam den toten Soldaten in der Krypta. Doch diesmal wurde der Kranz nicht am Grabmal des „Unbekannten Soldaten“ niedergelegt, sondern bei der schlichten Gedenktafel für im Einsatz verstorbene Soldaten. Grund für den neuen Platz ist ein nationalsozialistisches Huldigungsschreiben, das erst im Juli in der Skulptur entdeckt worden ist.
Zurück bei der Leistungsschau gingen dann doch wieder alle getrennte Wege: Händeschütteln und Posieren mit Kindern für Fischer, eine Show mit Fallschirmspringern für Darabos. Präsentiert wurde übrigens auch das Jägerbataillon 25 – eines der Pilotprojekte zur Umsetzung eines Berufsheeres.
Abschaffung der Wehrpflicht hin oder her – die Panzer, Eurofighter und Hubschrauber des Heeres lockten jedenfalls viele Besucher an: Nach Angaben des Bundesheeres wurden wie im Vorjahr am Donnerstag und Freitag insgesamt 800.000 Besucher gezählt. Vor allem Familien waren mit ihren Kindern gekommen – die ließen sich mit den Soldaten fotografieren und versuchten, die Garde zum Lachen zu bringen.
Schlögl bei Wehrpflicht-Komitee
Zum Nationalfeiertag kam via Medien noch ein SPÖ-Parteifreund von Darabos dazu, der nicht für ein Berufsheer, sondern für die Wehrpflicht wirbt: Der frühere Innenminister Karl Schlögl ist laut „Tiroler Tageszeitung“ dem Komitee „Einsatz für Österreich“ beigetreten. Er ist nicht der Erste: Auch der Vizechef der Beamtengewerkschaft, Peter Korecky von der FSG, ist dabei. Seiner Partei falle er damit nicht in den Rücken. Erstens sei er ein „nicht mehr wichtiger Funktionär“, sagte der jetzige Bürgermeister von Purkersdorf. Zweitens „ist es gut, wenn man den Pluralismus in einer Partei sieht“.
Die Welt bis Gestern Seite 35
Die Leistungsschau des Bundesheeres auf dem Wiener Heldenplatz lockte nach Angaben des Verteidigungsministeriums 800.000 Menschen an. Begonnen hat der Nationalfeiertag mit der Kranzniederlegung durch Heinz Fischer in der Krypta, später wurden knapp 1000 Rekruten angelobt. Bei elf Themeninseln konnten sich die Besucher etwa über aktuelle Einsätze, Karrieremöglichkeiten oder Heeressport informieren. Das Motto der Leistungsschau war „Profis bringen Sicherheit“ – sehr zum Unmut der ÖVP, die hier versteckte Berufsheer-Werbung ortete.
Tag der offenen Tür. Im Parlament gab es beim „Tag der offenen Tür“ viele Neugierige: Insgesamt wurden rund 11.500 Besucher und damit etwas mehr als im vergangenen Jahr gezählt. Bis zu einer halben Stunde betrug die Wartezeit auf den Einlass in das Hohe Haus. Teil des Rundgangs waren etwa der historische Sitzungssaal, die Säulenhalle oder der Budgetsaal. Bereits zu Mittag gab es auch Warteschlangen vor dem Bundeskanzleramt. Nebenan in der Präsidentschaftskanzlei konnte die Bevölkerung beim „Tag der offenen Tür“ Bundespräsident Heinz Fischer die Hand schütteln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)
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