Debatte um den Proll: Zum Wählen zu dumm?

06.12.2012 | 18:51 |  Von Ulrike Weiser (Die Presse)

Arbeitslos, ungebildet – und auch eine Gefahr für die Demokratie? Zwei Bücher erörtern aktuell die gesellschaftspolitische Rolle des „Prolls“.

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Sie ist wieder da: die Debatte um den sogenannten Prolo, den Proleten, den Proll. Diesmal geht es aber nicht um Reality-TV-Shows, sondern um Gesellschaftspolitik. Gleich mehrere Bücher widmen sich jener Gruppe, die man gern als ungebildet und arbeitslos beschreibt. Die Zugänge der Autoren sind jedoch denkbar verschieden.

Der britische Historiker und Journalist Owen Jones legt mit „Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse“ eine Verteidigungsschrift für die „Chavs“ vor (Ausdruck für die weiße ärmere Schicht). Jones beschreibt eine Gesellschaft, für die Armut vor allem moralisches Defizit und Zielscheibe von Spott ist. Nach Ansicht der Mittelschicht seien die Chavs selber schuld: Weil sie zu früh Kinder bekommen, Geld für unnötigen Kram ausgeben, weder über Antrieb noch Manieren verfügen. Dabei würden die Kritiker die Kritisierten nur vom Hörensagen kennen. Denn im Alltag hält man Abstand: In Großbritannien werden „prollfreie“ Urlaube angeboten.

In Österreich heißen die Chavs Jessica und Kevin – und sie werden nicht verteidigt, sondern sitzen auf der Anklagebank. Das fiktive Duo verkörpert für den Kolumnisten („Die Presse“, „Wiener Zeitung“) und Blogger („Zentralorgan des Neoliberalismus“) Christian Ortner nicht weniger als das drohende Ende der Demokratie. In seinem Buch „Prolokratie“ – derzeit Nummer eins in den Bestsellerlisten – stellt er die These auf: Demokratien wählen sich in die Pleite, weil sich die Politiker mit sozialen Wohltaten bei einer Mehrheit anbiedern, die aus Nettoempfängern besteht und die Wirtschaftszusammenhänge nicht durchschaut. Kurz: Die Wähler verblöden und mit ihnen die Politik. Ortner sieht daher einen Wettbewerb zwischen der Demokratie und anderen „politischen Betriebssystemen“ am Horizont. Etwa mit China, dem er Wirtschaftserfolg und eine „relativ hohe Zufriedenheit der Bevölkerung zubilligt. Ist das nun (verkaufsfördernde) Provokation? Oder ist etwas dran an der These vom dummen Wähler?

Empirisch, sagt Stefan Hopmann, Bildungsexperte an der Uni Wien, sei die „Verblödung des Wählers“ Unsinn: „Internationale Vergleichsstudien zeigen, dass die Österreicher bei politischer Bildung gut abschneiden. Die Leute wissen heute besser Bescheid als je zuvor.“ Die Debatte wundert ihn nicht: „Immer wenn Verteilungskonflikte schärfer werden, kommt das auf. Die bürgerliche Gesellschaft legitimiert soziale Unterschiede ja über unterschiedliche Bildung.“

 

Felderer: Wirtschaftswissen fehlt

Und was ist mit der Behauptung, die Nettoempfänger seien in der Mehrheit? Bernhard Felderer, Präsident des Staatsschuldenausschusses, zweifelt: Man dürfe die Pensionisten, die einen eigentumsähnlichen Anspruch auf die Pension hätten, nicht hineinrechnen. Was er aber glaubt: Beim volkswirtschaftlichen Wissen der Wähler hapert es. Schuld seien die Schulen, aber auch die Medien. Dem Wähler falle es schwer, den Staat als Gesamtes zu begreifen. Dazu komme das „Rent seeking“-Phänomen: Je länger ein Staat in Ruhe, also ohne Schocks von außen, existiere, desto stärker würden die Egoismen von Gruppen, die den Staat für ihren Vorteil missbrauchen wollen. „Gruppen“ meint alle: Industrie, Arbeitslose etc.

Dass Politiker Wählergruppen mit Wahlzuckerln bestechen, gehöre zur Demokratie, sagt Klaus Poier, Jurist an der Uni Graz (und Leiter der Stronach-Forschungsgruppe). „Wenn man Freiheit zulässt, muss man das zur Kenntnis nehmen“. Zumal Politiker Versprechen nach der Wahl ohnehin meist zurücknehmen würden, meint wiederum Felderer. Ausnahmen wie die „Nacht der Wahlgeschenke“ 2008 würden die Regel bestätigen. Tatsächlich lasse sich parallel zum Konjunkturzyklus ein „Wahlzyklus“ nachweisen.

 

Unabhängiger Expertenrat für Finanzen

Was folgt nun aus alledem? Ortner stell diverse Ideen zur Demokratie-Verbesserung vor: wie den Wählerführerschein. Was passiert, wenn man den politischen Wissenstest nicht besteht, bleibt offen – ein Ausschluss vom Wahlrecht widerspricht der Verfassung. Poier erinnert der Führerschein an Zeiten, als man in den USA Farbige durch Lesetests von der Wahl fernhielt. Auch die Idee, dass Nettozahler via Zweitstimme einen Ausschuss wählen, der gegen Staatsausgaben votieren kann, sei inakzeptabel. Es gelte: „one (wo)man, one vote“. Erwärmen können sich Poier wie Felderer für eine Idee, die man auch von Frank Stronach und Karl Schwarzenberg kennt: Via Los bestimmte Bürger bilden einen (vom Wähler unabhängigen) Bürgerrat, der Mitspracherechte hat. Wobei Felderer ein Expertenrat, der sich aus sich selbst erneuert, lieber wäre. Die EU-Kommission sehe das bereits vor: Nationale „fiscal councils“ sollen die Budgetpolitik bewerten. Den Ländern würde es freistehen, ihrem Council mehr Rechte einzuräumen (z.B. Festlegen von Defizitgrenzen). Eine politische Realisierung sei vorerst aber nicht zu erwarten.

Eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie sieht übrigens keiner der befragten Experten: Für Felderer braucht es aber eine Wahlrechtsreform, Poier setzt auf mehr direkte Demokratie. Die habe „erzieherischen Effekt“. Über direkte Demokratie schweigt Ortner im Buch. Auf Nachfrage sagt er: Er sei nicht dagegen – aber nur im überschaubaren Rahmen (z.B. in der Gemeinde). Damit Kevin und Jessica es auch verstehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)

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63 Kommentare
 
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Bürgerrat, der Mitspracherechte hat

klingt doch gut,bin allerdings dagegen wenn es nicht mit Brot,Weiber und Spiele verbunden wird.

beispiel:überdachung des heldenplatzes.
da würde sinn machen redewendungen oder sprüche wie,..und durt obn is des kanzlerfenster,..des präsidentenfenster

hundert meter weiter der burggarten zum händchen halten und der volksgarten für die die schon paar tage zusammen sind-der weg hinüber ins parlament um den segen der regierung zu bekommen,wobei dort genausogut wasser in die sääle gefüllt werden könnte und ein prima römisches bad erlebt, und vorne wo die regierung sässe eine kleine fläche über dem wasser wo die damen und jungs artistik und theater vorführen können.


überhebliche unterdrücker

Am liebsten würde, ich morgens beim zur arbeit gehen, denen vor die tür sch........
zu soviel niveau reicht es noch (um das zu honorieren).

prolet

es ist ein gewaltiger irrtum den proleten und arbeitslose d.h. den finanziell schwachen, in einem atemzug zu nennen. in der tat findet man die gefährlichen proleten auf der jagt, am golfplatz, auf bällen, in teueren restaurants, etc. sie drängen in die bezirke hietzing und döbling und stören, wo immer man sie antrifft.

prolet

es ist ein gewaltiger irrtum den proleten und arbeitslose d.h. den finanziell schwachen, in einem atemzug zu nennen. in der tat findet man die gefährlichen proleten auf der jagt, am golfplatz, auf bällen, in teueren restaurants, etc. sie drängen in die bezirke hietzing und döbling und stören, wo immer man sie antrifft.

In Niederösterreich

heißt das nicht Proll, sondern Pröll.

Diktatur der Apperatschicks

Die heute praktizierte Form der Demokratie ist zunehmend ein Synonym für den Prozeß des Stimmenkaufs und für das Schmieren und Belohnen von unlauteren Sonderinteressen, ein Auktionssystem, in dem alle paar Jahre die Macht der Gesetzgebung denen anvertraut wird, die ihren Gefolgsleuten die größten Sondervorteile versprechen, ein durch das Erpressungs- und Korruptionssystem der Politik hervorgebrachtes System mit einer einzigen allmächtigen Versammlung, mit dem Wortfetisch Demokratie belegt."
(Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Bd. 1, München 1980)
Friedrich August von Hayek

Seid nicht so überheblich, ihr vermeintlich gebildeten!

Es sind nicht nur die Kevins oder Jessicas.
Ich hatte (vor längerer Zeit) ein Gespräch mit einem Jugendlichen (schockerhöhend war, dass dieser noch dazu aus meinem engen Verwandtenkreis war), der als Gymnasiast der achten Klasse und Mitglied des Schulballorganisationskomitees gerade sich ganz wichtig Gedanken über den Ehrenschutz des Balls machte:

(hat das Vorjahresballprogramm in der Hand):
"... Klestil? - ja der wird ja noch Bundespräsident sein..."

Stutzig geworden bestätigte ich dem hoffnungsvollen Ballorganisator, dass er Klestil in die Ehrenschutzliste der Balleinladung aufnehmen könne und stellte dem kommenden Angehörigen unserer geistigen Oberschicht einige Fragen zum politischen Wissen-

Das erschütternde Ergebnis:
Ein Gymnasiast der Oberstufe wusste nicht, wer aktuell Bundeskanzler, Vizekanzler, Finanzminister.... war!

Er wird wohl nicht der einzige "Höhere Schüler" gewesen sein, auf den das zutraf.

Ich frage mich manchmal, wie das wohl mit unserem Lehrernachwuchs wäre, wenn man die fragte......

Gute Nacht Österreich!


die frage ist nur, wer hier dumm ist



sind die jessicas wirklich die dümmsten im ganzen land? oder sind es doch presse-kommentatoren wie ortner?

der schmerz wäre ja weniger spürbar...

... wenn wir alle miteinander langfristig gleichmäßig vertrotteln würden. natürlich ist aber genau das gegenteil der fall: die leistungsfähigen, gesunden und gescheiten zieht es zu ihresgleichen, und umgekehrt - auch "marktbedingt" - genauso. und das ganze über zig generationen immer wieder. dass die eine gruppe sich dann noch stärker vermehrt als die andere ist verteilungstheoretisch vielleicht interessant, ändert aber an der über generationen zunehmenden "aufspreizung der menschlichen intelligenz" überhaupt nichts.
man darf es sicher "korrekterweise" heutzutage kaum noch aussprechen - siehe etwa die hass-reaktionen auf einschlägige beiträge - aber eines ist empirisch klar: es gab in der evolution noch nie ein lebewesen, wo die natürliche selektion dermaßen ausgeschaltet bzw. sogar umgekehrt wurde wie beim menschen in den letzten jahrhunderten.
und dieser trend steigt natürlich ständig an: erstens duch die zunehmende entferung der beiden ränder zueinander, und zweitens durch die ständigen neudefinitionen dessen (insbes. in den westl. wohlstandsstaaten), was gesellschaftl. "sozial" ist und ein "unverschuldeter" nachteil im leben eines menschen ist, den andere gesellschaftsgruppen gefälligst dauerhaft solidarisch auszugleichen haben.
fazit: der weg wohin diese reise langfristig führt ist empirisch klar vorgezeichnet, unabhängig davon wo und wie man dazu steht, und ob man es bejammert oder begrüßt...

Hahahaha! Das wird den "parapente" und den "KarlLueger" aber ärgern! Was da über Sie geurteilt wird....

dabei ist man doch als Presseposter was "Besseres"!

"die presse" wirft die "liberale" maske ab und deklariert sich als feindin der demokratie



diese zeitung duldet also einen kolumnisten in ihrem blatt, der die demokratie abschaffen will - denn nichts anderes bedeuten so skurille vorschläge wie "wählerführerschein", wodurch wohl jedem, der den absurden ideologien des herrn ortner nicht anhängt das wahlrecht entzogen werden soll.

danke für eure offenheit!

Filmtipp: "IDIOCRACY" !

Mike Judge, einer der führenden IQ-Forscher der Welt, der mit "Beavis & Butthead" den IQ-Verfall der Gesellschaft bereits in hervorragender Weise dokumentiert hat, setzt mit "Idiocracy" seine Kreativphase fort. Seine wissenschaftliche Stammbaumanalyse ergab, dass sich die Dummen stets viel stärker vermehren als die Intelligenten, und dieses Phänomen hat er nun 500 Jahre in die Zukunft extrapoliert.

In unserer Zeit werden der Sachbearbeiter Joe und die Straßennutte Rita für ein militärisches Projekt eingefroren - und dann leider vergessen. Sie wachen erst 500 Jahre später wieder auf, in einer Welt, die total degeneriert ist. Konzerne beherrschen die Welt, aus dem Wasserhahn kommt eine Art Gatorade, und die Reste von Maschinen und Robotern organisieren mehr schlecht als recht das Leben der Menschen. Diese schauen - neben 80% Werbung - Sendungen wie "Hau mir in die Eier" oder "Der Arsch". Das Lieblingsthema ist Sex und die Lieblingsantwort "Fuck you", weshalb Rita etwas besser in der Zukunft zurechtkommt.

Der Film ist eine geniale Dystopie. Zu kritisieren ist nur, dass der Film eigentlich zu realistisch ist um lustig zu sein. Menschen, die nur noch wörtlich das Geplapper ihres Fernsehers wiederholen; ein ehemaliger Wrestler als Präsident (mit Schwarzenegger und Ventura als Gouverneur fehlt nur noch eine Stufe); verseuchtes Trinkwasser (die Liste der Chemikalien im heutigen Trinkwasser liest man sich in den USA besser nicht mehr durch); dämliche Spiele im Fernsehen - mit Dartschießen auf nackte Hintern hat "Jackass" das Niveau von 2505 bereits exakt erreicht. Wir haben das alles schon längst! Nur Intelligenz und Bildung müssen noch aussterben, aber in den USA werden seit Jahrzehnten die Fragen in IQ-Tests vereinfacht, um den Durchschnitt "100" zu halten, und in Europa liefert PISA ja hoffnungsvolle Ergebnisse

Re: Filmtipp: "IDIOCRACY" !

Danke für den Tipp!
B & B, diese beiden Wahnsinnsdumpfbacken schau ich hin und wieder ganz gerne, ob intellektuell für Tschässika und Käwin verständlich - ich zweifle.

Re: Filmtipp: "IDIOCRACY" !

An und für sich ist extrapolieren auch dumm, denn: "Erstens kommt es (immer) anders, zweitens als man denkt", wenn man über so große Zeiträume hinweg spekuliert.

... die Jessicas und Kevins ...

... sitzen schon in der Regierung, die wirtschaften doch schon in den eigenen Sack. Wenns ums Eigene geht, wissen die Js und Ks schon Bescheid.

erschreckend...

"Die Leute wissen heute besser Bescheid als je zuvor"

Notierte Aussagen - in der Wiener U-Bahn:

"i frog imma mein kolleg, der kennt si do aus"
"i bin nix do"
"mia daugt der ane, der wou geing di auslända is"
"schod dass der ane ned mehr is, wast eh der ötare"
"füa sou an bledsinn steh i sicha ned auf am suntog"
"wos was i, i entscheid spontan"
"mia is des (souwisou) wuascht" ca. 100 mal gehört
"i wö di grünan, wast eh i hob an hund"
"i geh souwisou weig"


Re: erschreckend...

Es gibt jetzt Einen, einen starker Mann mit Teamgeist, niveaulos und letztklassig.
Da müßten sich wohl genug Gleichgesinnte finden, ganz bestimmt.

Re: erschreckend...

Du beschreibst jetzt deine russischen Landsleute, die können noch nicht gut die Landessprache.

Re: Re: erschreckend...

Vom Dialekt her, so wie der über die Schreibweise rüberkommt, tippe ich mehr auf Steirer.
Aber wer weiß, vielleicht waren es auch Russen, die in der Steiermark "Deutsch" gelernt haben ;-)

Re: Re: Re: erschreckend...

lol

Re: erschreckend...

... und auch deswegen ist radfahren soo schön...

Re: Re: erschreckend...

noch schöner ist Auto fahren...

Re: Re: Re: erschreckend...

beides würde ich im ubahntunnel sein lassen!

wenn nur noch menschen mit

echtem wirtschaftswissen wählen dürfen, wäre in österreich eine wahl eine höchst kleine veranstaltung...

Dem 'Proll' kann man zur Not was erklären

und wenn man die richtigen Worte findet, wird es auch meist angenommen.- Das versuche man einmal bei den indoktrinierten links-linken Gutmenschen. Da kann man mit Engelszungen die hieb- und stichfestesten Argumente liefern; was nicht sein darf, stimmt nicht;-)

Re: Dem 'Proll' kann man zur Not was erklären

Muß mal eben den zitieren, der jetzt keinen "Ring" mehr hat: "Wer Jud´ ist, bestimme ich".
Was gut ist, bestimmen die Guten, aber ohne das Böse kann das Gute nicht gut sein - ohne Feindbild geht halt nix.
Ich stehe zur Verfügung, es ist schön gebraucht zu werden.

 
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