Schwächeanfälle & Burn-out: Wenn Spitzenpolitik belastet

22.03.2013 | 18:31 |  JULIA NEUHAUSER (Die Presse)

Wissenschaftsminister Töchterle erlitt einen Kollaps. Er ist nicht der Einzige, dem der Job zusetzt.

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Wien. Es war ein gefundenes Fressen für den Boulevard. Schlagzeilen wie „Dramatischer Zwischenfall“, „Kreislaufkollaps im Parlament“ und „Einlieferung ins AKH“ prangten angesichts des Schwächeanfalls von Wissenschaftsministers Karlheinz Töchterle (ÖVP) auf den Titelseiten der Gratisblätter. Töchterle verließen am Mittwoch nach der Ministerratssitzung die Kräfte. Ganz so dramatisch – wie teils beschrieben – war die Situation zwar nicht. Dass dem Minister der Job zu schaffen macht, ist aber schon seit Längerem ersichtlich. Töchterle wirkt müde.

Sein Terminkalender als Rektor der Universität Innsbruck war wohl weniger dicht gedrängt als es jener als Spitzenpolitiker nun ist. Ein gewöhnlicher Arbeitstag des 63-jährigen Ministers beginnt zwischen 7.30 und acht Uhr. Was folgt, ist ein abwechslungsreiches und jedenfalls sehr dichtes Programm: Verhandlungen, Treffen mit Experten, Podiumsdiskussionen, Interviews und Pressekonferenzen. Außerdem häufen sich die Abendtermine. Nicht selten wirkt der Minister dabei geistig abwesend und erschöpft. Auch an den Wochenenden sind berufliche Verpflichtungen keine Seltenheit. Die Termine führen die Politiker dabei nicht nur quer durch Österreich, sondern durch die ganze Welt. In der Woche vor seinem Kollaps war Töchterle etwa in Brasilien und Chile unterwegs. Das Programm war straff: Neun Flüge in sieben Tagen nahm der Minister auf sich.

Dass den Politikern die Gesundheit angesichts des stressigen Alltags einen Strich durch die Rechnung macht, ist nichts Ungewöhnliches. Im Nationalratswahlkampf 2008 war es FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, der zusammenbrach. Auch Ex-Bundeskanzler Viktor Klima (SPÖ) wurde während des Wahlkampfs im Jahr 1999 durch gesundheitliche Probleme zur Pause gezwungen. Die Diagnose: Lungenentzündung. In diesem Wahlkampf war die SPÖ generell nicht vom Glück gesegnet. Denn wenige Tage nach Klimas Spitalsaufenhalt erlitt der damalige Finanzminister Rudolf Edlinger (SPÖ) einen Kreislaufkollaps.

 

Entscheidung gegen 100-Stunden-Woche

Für die größten Schlagzeilen in diesem Zusammenhang sorgte in den vergangenen Jahren aber ein anderer: Josef Pröll. Der ehemalige Vizekanzler und ÖVP-Chef wurde 2011 mit einer Lungenembolie in die Innsbrucker Uni-Klinik eingeliefert. Bereits wenige Wochen später gab er seinen Rücktritt bekannt. Bezeichnend war seine Abschiedsrede: „Die vergangenen acht Jahre – die letzten drei davon ganz besonders – waren von besonderer Intensität geprägt“, sagte Pröll. Und weiter: „Ich habe mich nicht gegen die Politik, aber für meine Gesundheit und meine Familie entschieden.“

Auch ein Blick in andere Länder zeigt: Politiker stoßen häufig an ihre Grenzen. Der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi erlitt während seiner Amtszeit gleich mehrere Schwächeanfälle. Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy wurde wegen eines Kollapses 2009 sogar mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Er gestand: „Ich hatte keinen Saft mehr, das kann jedem passieren.“

Passiert ist das auch Matthias Platzeck, dem Ministerpräsidenten Brandenburgs. Er übernahm neben seiner Funktion als Ministerpräsident zwischenzeitlich auch den Vorsitz der SPD. Eine Doppelbelastung, die er nicht lange aushielt. Es folgte ein Nerven- und Kreislaufzusammenbruch, zwei Hörstürze und schließlich die Diagnose: Burn-out.

Mit dieser Diagnose ließ auch der oberösterreichische Landesrat Rudi Anschober aufhorchen. Er nahm im vergangenen Jahr eine dreimonatige Auszeit von der Politik. Bei seiner Rückkehr sprach er von seiner „persönlichen Energiewende“: 100-Stunden-Arbeitswochen wird er nicht mehr machen. Auch Töchterle trat in den vergangenen Tagen bereits leiser und verschob sogar die Einigung bei der neuen Lehrerausbildung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2013)

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39 Kommentare
 
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"Politiker stoßen häufig an ihre Grenzen."

Weil's bei jedem Sch.s dabei sein müssen. Sie sind die Adabeis bei jeder Eröffnung, bei jedem Festl, bei jedem Spatenstich, siehe Pröll und Häupl. Hauptsach sie sind auf jedem Foto drauf.
Was macht ein Töchterle in 5000m Höhe in der Atacama noch ein paar Tage zuvor? Sterngucken?

Wenn selbst in einer Abteilung des Stadtgartenamtes

in den letzten 2 Jahren 11 Mitarbeiter mit burn-out ausgefallen sind, von dem, was sich in der Privatwirtschaft abspielt, ganz zu schweigen - dann stimmt mit unserer Gesellschaft etwas nicht. Schön langsam glaube ich den Voraussagen, dass in einigen Jahren 50% der Weltbevölkerung von burn-out und Depressionen betroffen sein werden.

Wenn Spitzenpolitik belastet.......das Volk?


Das liegt simpel an der Besetzung bzw Personalauswahl.

Wenn man Spitzenpositionen stets nur mit irgendwelchen dahergesessenen (nicht dahergelaufenen) Sesselwärmern aus ÖAAB, ÖGB, Behörde hier, Ministerium da, Bund dort, blabla, also Verwaltungskaspern besetzt, die von gemeingefährlichen Multitasking "Wurstsemmerl stemmen UND gleichzeitig Zeitung lesen" bereits überfordert sind, dann kommt sowas halt raus.

Die wenigen Ausnahmen im Parlament, die in ihrem Zivilberuf tatsächlich ackern und solide Laufbahnen vorweisen können, sind an der Hand abzuzählen - und wirken ungemeint entspannt. Egal, welcher Partei er zugehört, aber zB Bartenstein war immer rege, munter und aktiv.

Der Rest? "Meiner Seel', da muß ich was tun - und das vielleicht auch noch flotter als eine mit einem Zombie gekreuzte Weinbergschnecke, ach ach, oh weh!"

In der politik ist

alles anders. die bezahlung (hoch) ist leistungsunabhängig (nicht vorhanden). der stress anscheinend auch .....
mich würd interessieren wie hoch sein stress wäre wenn er nen richtigen job hätte.

Einzig in Wien kriegen die Politiker keinen Kollaps.

Da gehts um nix, Geld (der anderen) ist genug da, Leistung ist egal, die (gekauften) Medien schreiben eh alles schön.

Wenn Spitzenpolitiker zur Belastung werden!

hab i beim schnell hinschaun glesen, bei uns ists so!

Wir sollten nicht

vergessen, dass wir alle MENSCHEN sind und dass die WELT vergänglich ist!

Die Minister sollen die Legislative der Legislative überlassen.

Dann können sie sich auf die Exekution der Gesetze beschränken.

Es sei hier aber ganz deutlich,....

gesagt das tausende Menschen 1000nde UNBEZAHLTE überstunden Leisten Woche für Woche Monat für Monat uns sich für oft eine lächerlichen Lohn VÖLLIG kaputt machen, das weiss auch jeder doch das interressiert einen Dreck - und genau aus diesen Grund hält sich mein Mitleid in Grenzen, Fragen sie eine Frau Rudas ob ihr das Wort Stress überhaupt bekannt ist - wie unser Taxi Kanzler hat die im wahren Leben noch nie gearbeitet,.............

Würde das einer Politikerin passieren, ...

hieße es wieder, nichts für Frauen, viel zu schwach und zart besaitet... Passiert es Männern, ist der Job ach so verdammt hart. Keine Frau in der Politik könnte sich je einen Schwächeanfall, Kollaps und sonstiges leisten. Sie und sämtliche Geschlechtsgenossinnen wären sofort weg.

mir hat einmal ein alternder Politiker gesagt, ist zwar schon

lange her:
ein Politiker mßte nicht soviel Termine wahrnehmen, als man sich das so vorstellt, aber es wird eine Sucht und es ist ja so schön, wenn man als bedeutend hingestellt wird.

Schlüsse kann da jeder selbst folgern.

Jaja, in der Politik wird eben hart gearbeitet, Herr ´fessor


Töchterle, machs wie Pröll und Häupl

Two bouteilles a day keeps the burn out away. Die Prokopp und die Kdolsky sind ähnlich verfahren (schon vorher).

Der Töchterle tut mir aufrichtig leid. Der hat sicher gute Absichten, nur bei den Betonierern schon in seiner eigenen Fraktion (Kämmerer, ÖAAB) ist a Kollaps kein Wunder.

Dann noch die Landeshauptleute mit Ihren Wünschen - wie eine Med-Uni in Linz oder so einen Blödsinn.

Alternative: Schmeiss den Job hin. Ändert sich ja sowieso nichts in unserem Sch...land.

Re: Töchterle, machs wie Pröll und Häupl

selten so viel Unsinn gelesen. Sicher ein Posting vom gemütlichen Kachelofen.

es ist die Doppelbelastung

keine einzige Reform nach viereinhalb Regierungsjahren - der Stillstand muss für unsere Spitzenpolitiker aus SPÖVP irrsinnig belastend sein. Von daher bleibt vielmehr Zeit zum Lobbying und die Nebeneinkunft mausert sich zum Haupteinkommen. Siehe da und schon ist die Doppelbelastung da. Blöd ist nur, dass der Stillstand Österreich ruiniert.

Milkl-Leitnet

sollte sich auch eine Pause gönnen, gut für die Gesundheit und das Land.

nichts gelernt von den Griechen, der gute Professor

und den KMUs, die hier stolz ihre 100 Stunden Woche bekannt geben, sei angeraten, anzufangen über das Leben nachzudenken. 100 Stunden Arbeit schaffen ein tiefes Ungleichgewicht im Leben und über viele Jahre hin bildet sich eine immer größere Resistenz gegen die Einsicht in das Ungleichgewicht. Missgunst, Eifer und Genugtuung über das Scheitern anderer Menschen samt einer damit konformen Weltanschauung setzen sich als Grundhaltungen fest.

Re: nichts gelernt von den Griechen, der gute Professor

Es ist nicht verboten sich selbst auszubeuten, und gerade in jungen Jahren will man eh selber wissen was geht.

Man tut es ja, in den meisten Fällen, eh nicht für "lau"

Allerdings erkennt man die ersten Warnzeichen entweder mit zunehmendem Alter oder reisst frühzeitig a Bankerl.

So oder so muss man im Anschluss ein bisserl leiser treten.

Ich würd die Erfahrungen (bis 3:00 unterwegs, auf dem Firmenparkplatz im Auto pennen, um 6:00 Frühstück an der Tankstelle, rein ins Büro um etwas Kram und weitergefahren) trotzdem nicht missen wollen.

Heute ginge das rein körperlich schon gar nicht mehr, da will erst allerlei geschmiert, eingestellt und versorgt werden bis das Maschinchen zum Arbeitseinsatz taugt ;)


Re: Re: nichts gelernt von den Griechen, der gute Professor

Die Eitelkeit, meine Lieblingssünde! (John Milton, in "the devils advocate")

Re: Re: Re: nichts gelernt von den Griechen, der gute Professor

Meine Todsünde ist nicht die Eitelkeit sondern die Maßlosigkeit.

Durchaus...

... auch alltag für KMUs!

Der Vat wenigstens was gelernt und Berufspraxis in seinem Fach, auch wenn vielleicht die falsche Studienrichtung

Wenn man seinen Job ernst nimmt, kann ich mir schon vorstellen, dass das an die Grenzen geht. Ein Taxifahrer auf ewiger Kampagnentour ohne Bildung und Plan tut sich da wahrscheinlich viel leichter.

Kampagnentour in Südamerika

schafft ihm aber keiner.

Bei uns bringt er nichts weiter, aber dort ist er ein hofiertes Wichtelmännchen.

ah do schau her!

Wer kümmert, spricht, schreibt über einen (mittlerweile wenigen) Selbständigen, verantwortlich f.ein KMU ? Antwort: die Finanz u. Krankenkassa; aber bloß zum Abzocken u. Geldeintreiben. Zusatzfrage: Welcher "kleine Selbständiger" konnte in den letzten 25Jahren eine derartige Rücklage bilden, um sich eine "Auszeit" genehmigen zu können, ohne dass der Betrieb nach der "Auszeit" nicht definitiv AUS ist?

Re: ah do schau her!

Auszeit gibts nur für Angestellte u. Beamte ... der Chef kann sich's doch eh immer richten, der braucht weder Urlaub noch Auszeit!

 
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