„Christlich-soziales Profil nicht verlieren“

17.04.2007 | 18:25 |  KLAUS HÖFLER (Die Presse)

Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) warnt seine Partei vor Gesichtslosigkeit.

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Die Presse: Wie geht's der ÖVP? Sie scheint auf ihrem von der Perspektivengruppe angesteuerten Weg Richtung „bunter. breiter. offener“ teilweise ziemlich orientierungslos zu sein.

Siegfried Nagl: Ich bin ziemlich stolz, dass die ÖVP im Unterschied zur SPÖ aus Niederlagen auch lernen kann und nach neuen Antworten auf die Fragen der Zeit sucht. Es ist nicht schlecht, wenn man einmal zugibt, nicht immer gescheiter zu sein und auf jede Frage sofort eine Antwort zu wissen. Nachdenken tut gut, Vordenken ist noch besser.

War das unter Wolfgang Schüssel nicht möglich? Ihr steirischer VP-Chef Hermann Schützenhöfer hat zuletzt über „ideologische Scheuklappen“ und „Realitätsverweigerung“ unter Schüssel geklagt.

Nagl: Nie wird man mich dabei finden, ein schlechtes Wort über meinen Freund Wolfgang Schüssel zu sprechen.

War die Schüssel-ÖVP zu konservativ, dass sie jetzt versucht, sich nach allen Richtungen zu öffnen und dabei die SPÖ teilweise links überholt?

Nagl: Es hat mal wer gesagt, wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht. Ich empfehle daher meiner Partei, trotz einer breiten Diskussion erkennbar zu bleiben und eine Linie zu haben. Eines darf die Volkspartei jedenfalls nicht: Ihr christlich-soziales Profil verlieren. Man muss das Rückgrat und den Mumm haben, das zu sagen, was in einem drinnen steckt, auch wenn ein bisschen gesellschaftlicher Gegenwind da ist. Alles nur schön zu reden, funktioniert in der Politik nicht. Man muss eine Meinung haben. Ich glaube, dass viel zu viele Politiker in ihrer Mediengeilheit permanent danach schielen, wo können sie den nächsten Sager absetzen. Das darf's nicht sein.

Ministerin Andrea Kdolsky kommt derzeit mit vielen Sagern vor. Ist sie der neue „bunte Hund“ der ÖVP?

Nagl: Der Beginn ihrer Amtszeit hat ihr das Image des bunten Menschen eingebracht. Das ist auch okay so. Sie hat den größten Bedarf, bekannt zu werden. Man kann das aber sicher auch mit anderen Inhalten füllen. Jetzt wäre es an der Zeit, dass sie einmal den Dialog mit der Partei sucht.

Sie haben als Leiter der Perspektivengruppe „Integration und Sicherheit“ angekündigt, wieder christliche Wurzeln hineinzubringen. Wie passt das mit Vorstößen zusammen, die in punkto gleichgeschlechtlicher Partnerschaften auch aus Ihrer Partei kommen?

Nagl: Dass man homosexuelle Partnerschaften notariell beglaubigen kann, damit man rechtliche Benachteiligungen wegbekommt, begrüße auch ich.

Wo sind die Grenzen? Für den steirischen VP-Klubobmann Christopher Drexler ist es selbstverständlich, dass das nicht der Endpunkt sein kann. Er fordert eine Regelung vor dem Standesamt.

Nagl: Das ist für mich keine Selbstverständlichkeit. Das Recht, Kinder zu adoptieren, kommt für mich jedenfalls nicht in Frage.

Sie haben sich in einer ersten Reaktion nach der Nationalratswahl im Herbst deutlich gegen eine große Koalition ausgesprochen. Jetzt ist sie hundert Tage alt. Haben Sie mit Ihrer Skepsis Recht behalten?

Nagl: Na ja, ich bleibe jedenfalls dabei, dass eine große Koalition unglaubliche Herausforderungen an den Ersten stellt. Wolfgang Schüssel hat einen guten Weg für Österreich vorgezeichnet und eine kleine Erbschaft hinterlassen. Diese Erbschaft ist zum einen Sprengstoff für eine Koalition, zum anderen tut sie dem Land aber gut.

Wer sollen am 21. April die Stellvertreter von Parteichef Willi Molterer werden?

Nagl: Mir würde einer reichen, auch da kann man schon seine Wunder erleben – ein Chef, ein Stellvertreter. Wer das sein wird, wird die Partei demokratisch entscheiden. Dafür brauche ich keine Quoten oder sonst was.

Ist Minister Josef Pröll ein Kandidat?

Nagl: Ich bin ein großer Fan von Mister Pröll junior. Er ist eine sehr charismatische und freundliche Erscheinung.

ZUR PERSON: Bürgermeister Siegfried Nagl

Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (44) gehört zum christlich-sozialen Lager der Partei. Er wurde von Josef Pröll mit der Leitung der ÖVP-Pespektivengruppe „Integration und Sicherheit“ betraut. Nagl hat zwei Arbeitskreise daraus gemacht.

Aufsehen erregten seine markigen Aussagen gegen den EU-Beitritt der Türkei („Graz war immer das letzte Bollwerk eines westlichen Europas“) und zu Homosexuellen („Ich weigere mich, Homosexualität zur Normalität in unserer Gesellschaft zu erklären“).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2007)

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10 Kommentare

Jesus

Jesus war jedenfalls ein "Gegen-den-Strom-Schwimmer", wovon es heute mehr brauchen würde.

Antworten Gast: wechselwähler
18.04.2007 13:30
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Re: "Gegen-den-Strom-Schwimmer"


Richtig! Vor allem in der heutigen ÖVP wären die dringend von Nöten um wieder zu einer „Volkspartei“ zu werden.

Ob jemand wie Herr Nagel („Ich weigere mich, Homosexualität zur Normalität in unserer Gesellschaft zu erklären“) zu realitätsnahe Perspektiven beiträgt, bezweifle ich…

Christlich soziale Werte

An Ihren Taten sollt ihr sie erkennen.
Lippenbekenntnisse sind zu wenig.

Eine Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU wird dann sowieso das Verschwinden der christlich sozialen Werte zur Folge haben.

Alwin Häle, Muntlix

christlich-sozial ???

Jesus Christus war eine Liberaler (Gib dem Kaiser ... und Gott ...) und garantiert kein Sozialist. Das mögen sich alle ÖVP-Tagträumer hinter ihre Ohren schreiben.
ernst.heim@vol.at

Antworten Gast: Markus Evangelista
20.04.2007 13:23
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Re: christlich-sozial war Rabbi Jeschu

Da hat jemand die Bibelstelle Mk, 12,13-17 über Jesus und die Frage, ob dem Kaiser (Tiberius) Steuer, und zwar der "census", eine Kopfsteuer für jeden erwachsenen Mann direkt in die kaiserliche Kasse als persönlicher Tribut, gezahlt werden müsse, nicht genau genug gelesen. Diese Frage war als Falle für Jesus gedacht, um ihn, hätte er sich gegen die Steuer gewandt, festnehmen zu können. Jesus läßt sich eine Steuermünze zeigen, sie trug als Bild - blasphemisch für Juden - den Kopf des Kaisers und die gotteslästerliche Aufschrift "Tiberius Cäsar, des göttlichen Augustus Sohn, Augustus". Jesus sagte: "ta Kaisaros apodote Kaisari - kai ta tou theou to theo." (Reddite igitur quae sunt Caesaris, Caesari: et quae sunt Dei, Deo.) "Also (igitur) gebts dem Kaiser zurück, was ihm gehört! oder Überlasst dem Kaiser, was des Kaisers! - Aber überlasst/gebt Gott, was Gottes ist!" Das Münz-Bild des Kaisers gehört Kaiser Tiberius; aber der Mensch, von Gott nach seinem Bild geschaffen, gehört Gott. Amen

Jesus ist also ein Liberaler

Diese Erklärung ist doch wunderbar ! Jesus kümmert sich darum, wem etwas gehört, dh er ist ein Liberaler.

Sozialisten sind mE potentielle Diebe, denn sie begehren des Nächsten Gut.

Antworten Antworten Antworten Gast: M. E.
20.04.2007 14:49
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Re: Jesus ist also kein Liberaler

Das 10. Gebot nach Moses wird von (Neo)Liberalen deutlich häufiger gebrochen.

Und zu Jesus: Er sagte sinngemäß "Gebt's dem Tiberius seinen gotteslästerlichen Dreck zurück!" Jesus kümmerte sich nicht sonderlich um Steuer-Münzen des Tiberius. Jesus ging nur nicht in die Falle, denn nach der Tora stand Tiberius diese Kopfsteuer nicht zu; Jesus und seine Jünger standen dem "census" negativ gegenüber.

Im übrigen gehört eigentlich alles unserem himmlischen Vater, der verschiedene Gaben wie Sonne und Regen allen (unabhängig, ob guten oder schlechten Leuten) zuteil werden läßt.

Gast: ASVG-Sklave
17.04.2007 19:26
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WIE bitte?

Christlich ? Sozial? Eine Lobby für privilegierte Bürgerklassen.

Re: WIE bitte?

Ganz Ihrer Meinung! Christlich-sozial? Weit und breit nicht wahrzunehmen, eher katholisch-egoistisch-materialistisch-turbokapitalistisch.
Gilt z.T. übrigens auch für andere Ideologien. Jesus hat diese Leute wenigstens noch aus dem Tempel geprügelt, heute würde er sich nur mehr resignierend abwenden, sein Gesicht verhüllen und bitterlich weinen.

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Re: Ringkämpfe Sklave gegen Cicero

Mir fehlt hier noch eine Gegen-Meldung von Cicero. Die Beiden duellieren sich ja laufend bis zum Erbrechen!
Also, Cicero, ran an den Feind!

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