Graz: Schwarz-Grün mit Notfallskoffer

04.03.2008 | 15:04 |  KLAUS HÖFLER (Die Presse)

Die Koalition ist beschlossen und präsentiert ihre Schwerpunkte. Auch ein eigener Ausschuss für's Streitschlichten ist geplant.

GRAZ. Die schwarz-grüne Ehe in Graz ist vollzogen. Nachdem die Gremien beider Parteien Sonntagabend die für Graz neue Regierungspartnerschaft abgesegnet hatten, wurde Montagvormittag die Koalition von den Fraktionsvorsitzenden besiegelt – begleitet von erdrückender Symbolsprache.

Auf ihre Umhängetasche hatte die Chefin der Grazer Grünen, Lisa Rücker, den Aufdruck „Bürgermeisterin“ bereits eigenhändig um die Vorsilbe „Vize“ ergänzt. Als Fragment grünen Revoluzzergeists blitzte unter Rückers Sakko in blutroten Lettern „Rathausbesetzerin“ vom Leiberl. ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl konterte Outfit-mäßig mit farblich perfekt auf Rückers laubgrünen Ring abgestimmter Krawatte.

Nach knapp vierwöchigen Verhandlungen war man sich aber auch inhaltlich näher gekommen. Resultat ist ein Koalitionsvertrag, den die beiden Parteien als Handlungsleitlinie „über den Denkhorizont der fünfjährigen Legislaturperiode hinaus“ (Nagl) verstanden wissen wollen. Schwerpunktmäßig hat man sich auf elf Leitprojekte geeinigt, die auf Basis der beiden Wahlprogramme als logischer gemeinsamer Nenner zu erwarten waren. So will man möglichst schnell ein kostenloses, aber verpflichtendes Kindergartenjahr einführen, so wird eine flächendeckende Nachmittagsbetreuung in Schulen angepeilt, so sollen Bürgerbeteiligung und Integrationsmaßnahmen in Siedlungen forciert und das Image als Menschenrechts- und Fahrradstadt mit konkreten Projekten aufpoliert werden. „Das ist ein verbindlicher Pakt, man wird uns daran messen können“, versprechen Nagl und Rücker. Auch in stadteigenen Gesellschaften will man den politischen Einfluss wieder stärken: Aufsichtsräte und deren Vorsitzende sollen wieder von Politikern abgelöst werden.

Neu ist auch ein eigener Koalitionsausschuss als „Erste Hilfe“-Streitschlichtgremium, sollte es in Sachfragen koalitionsintern doch einmal zu keiner Einigung kommen. Knackpunkte sollen von schwarzen und grünen Stadtregierern samt Klubobleuten weiterverhandelt werden. Erst wenn es dort zu keinem Konsens kommt, wird das Thema in den koalitionsfreien Raum gestellt.

In Sachen Finanzierung der Vorhaben sei der Pakt „verdächtig ungenau“, kommentiert der Grazer SP-Chef Wolfgang Riedler das Ergebnis. Zwar verspricht er „konstruktive projektbezogene Mitarbeit“, bei der ersten Sitzung des neuen Gemeinderats wird die SPÖ aber einen eigenen Antrag auf den Posten des Vizebürgermeisters stellen. „Wir sind noch immer zweitstärkste Fraktion im Rathaus“, sagt Riedler, der sich heute mit Nagl und Rücker trifft. „Wir wollen niemanden demütigen“, verspricht Nagl. Auch mit der KPÖ soll gesprochen werden. Keine direkte Kooperation wird es dagegen mit der FPÖ geben.

NEUE REGIERUNG IN GRAZ

Die ÖVP von Bürgermeister Siegfried Nagl (li.) bekommt die Ressorts Finanzen, Sport, Wirtschaft, Jugend, Schule. Die Grüne Lisa Rücker (re.) übernimmt Verkehr und Umweltagenden. Für die SPÖ bleiben Kultur, Gesundheit, Soziales. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2008)


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10 Kommentare
 
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Von Gast: Happy End am 06.03.2008 um 17:23

Erzherzog Johann Dodler

Glücklich vereint sind grüne Kiffer
und Drexis schwarze Weihrauch-Sniffer.
Der Voves tobt, der Nagl lacht,
Dank Rezi bleibt er an der Macht!

Von sakul am 04.03.2008 um 18:33

Politischer Dank

Die ÖVP "bedankt" sich schon für die Grün-Unterstützung
in Graz, indem sie keinesfalls Pilz als Ausschussvorsitzenden zulässt.
Doch Frau Vizebürgermeister wird dies nicht stören, denn sie hat ja das Ihre schon im Trockenen...

Von Gast: MH am 04.03.2008 um 15:44

Mehr Grün statt Schwarz?

Die Schwerpunkte lesen sich wie ein grünes Parteiprogramm das viele Menschen als Drohung empfinden. Eine Menschenrechts- und Fahrradstadt Graz wird wohl keine finanzkräftigen Touristen anlocken und Bewohner und Geschäftsleute zufrieden stellen.
Aber da Schwarz-Grün von den betreffenden Politikern gewünscht wird, haben sich die Wähler anzupassen und die konträren Auffassungen werden ganz einfach angepasst. Die nächste Wahl ist ja noch in ferner Zukunft.

Von Gast: Blind am am 04.03.2008 um 15:35

linken Rand

Mit den Kommunisten soll gesprochen werden und mit der FPÖ nicht! Dafür dass die Verbrechen des Kommunismus die des Faschismus noch übertrafen ist das schon "interessant".

Antworten Von Gast: loisi am 05.03.2008 um 14:38

Re: linken Rand

Aha! Sie bezeichnen also die FPÖ als Faschismus?
Auch interessant ggg

Antworten Antworten Von Gast: Chronist am 06.03.2008 um 09:59

Re: Re: linken Rand

Also, wie man in einem anderen Presse-Artikel nachlesen kann, wird der Faschismus eher mit Dollfuß in Verbindung gebracht, oder?

Antworten Von Gast: XP am 04.03.2008 um 18:34

Re: linken Rand

Opfer des Kommunismus? Opfer des Faschismus? Was bitte spielen diese Opferzahlen für eine Rolle??
Wir reden hier von der Grazer Stadtregierung!
Hier werden keine KZ´s oder Gulags aus dem Boden schießen!
Die FPÖ wird nicht miteingebunden, weil sie ganz einfach im Vorfeld der Wahl, wie schon so oft zuvor, den Bogen überspannt hat.

Und selbst HC Strache wird mir den Zusammenhang zwischen Mohammeds Ehefrauen und der Bürgermeisterwahl in Graz nicht erklären können.

Antworten Von Gast: Gast am 04.03.2008 um 16:08

Re: linken Rand

Ich halte es für unsinnig, die Verbrechen des Kommunismus und des Faschismus gegeneinander aufzurechnen. Auf beiden Seiten wurden schlimme Verbrechen begangen, die sich nicht wiederholen sollten.

Die FPÖ tritt (wohl auch, weil sie stärker repräsentiert ist) im Moment in meinen Augen radikaler als die Kommunisten auf und trägt, neben durchaus unterstützenswerten Anliegen (Schutz der Kultur, Neutralität usw.), leider stark intolerante, die Massen aufhetzende Programme.

Gewalt und Provokation auf unterstem Niveau sind keine Lösung!!!

Antworten Antworten Von Gast: MH am 05.03.2008 um 10:23

Re: Re: linken Rand

Die FPÖ ist in Graz radikaler aufgetreten. Mit ihrem Programm hat sie dadurch keine "Massen aufgehetzt" (eher abgeschreckt) aber wie auch das BZÖ sind sie die einzigen die sich auch sagen trauen was Österreicher (auch Wähler anderer Parteien und Themen wie Sie sie ansprechen "Schutz der Kultur"...) wünschen und sich nicht hinter der verordneten Political-Correct-Maske verstecken.

Leider fehlen ihr ausreichend gewiefte Politiker wie sie andere Parteien vorzeigen können, weil es sehr viel Mut braucht sich den medialen Angriffen auszusetzen wie sie nur FPÖ/BZÖ-Politikern zuteil werden (oft unter jeder Gürtellinie wie es die jahrelange Hetzjagd u.a. EU-Sanktionen- gezeigt haben) .
Wer heute Politiker wird/ist tut dies meist nur ausschließlich dem eigenen Wohl und nicht dem Staatswohl zuliebe wie viele Skandale beweisen und da ists in allen anderen Parteien leichter sein Vermögen und Ansehen zu vermehren...

Antworten Von geheimrat am 04.03.2008 um 16:01

Re: linken Rand

Ich bitte Sie, nur keine Haarspaltereien! Die Verbrechen der Kommunisten waren Betriebsunfälle auf dem Weg zum Fortschritt schlechtestenfalls Kavaliersdelikte. Über so etwas spricht man nicht. Na ja bei 120 000 000 Opfern.......

 
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