Der Österreicher steht anno 2008, vierzig Jahre nach der Kulturrevolution von 1968, politisch leicht rechts der Mitte. Männer sind linker als Frauen. Ältere rechter als Jüngere. Wer Matura hat oder ein Studium abgeschlossen, der empfindet sich selbst weiter rechts stehend als jemand, der nur Grundschulbildung hat. Am weitesten rechts befinden sich die Selbstständigen, am weitesten links sind einfache Arbeiter.
Zu diesen Ergebnissen kommt eine groß angelegte Studie des Meinungsforschungsinstituts Imas („Vierzig Jahre nach '68“). Seit 1994 schätzen sich die Bürger bei jeder Imas-Umfrage als eher rechts ein. Allerdings ist seit 1996 eine leichte Tendenz nach links zu beobachten. Auf einer Skala von 0 (ganz links) bis 100 (ganz rechts) stehen die Österreicher heute mit einem Wert von 50,8 aber noch immer leicht rechts von der Mitte.
Erstaunliches bietet die Auswertung der Standorte der Parteien im Links-Rechts-Schema. Als am weitesten links stehende Partei werden von den tausend Befragten die Grünen empfunden (32,3 auf der 0-bis-100-Skala). Es folgt die SPÖ mit 39,4. Dies ist der linkste Wert seit Beginn der Imas-Aufzeichnungen im Jahre 1979 für die – heutzutage an sich doch eher pragmatische – Sozialdemokratie.
Gleiches gilt auf der anderen Seite für die FPÖ: Sie ist mit einem Wert von 67,5 die rechteste Fraktion im österreichischen Parteienspektrum. 1979 wurde sie noch bei 55,1 verortet. Selbst in den Haider-Jahren war die FPÖ stets „linker“ als heute. Jörg Haiders neue Partei, das BZÖ, steht 2008 links von der FPÖ – allerdings nur knapp. Mit einem Wert von 66,7 wird das Bündnis Zukunft Österreich noch immer deutlich rechts eingestuft.
FPÖ: Wie die ÖVP vor 25 Jahren
Die ÖVP kommt am nächsten an den Mittelwert von 50 heran: Die Volkspartei wird von den Bürgern bei einem Wert von 58,3 gesehen. Ende der Siebziger- und in den Achtziger-Jahren stand sie deutlich weiter rechts als heute. 1982 wurde gar ein Wert von 69,5 für die ÖVP ausgewiesen. Damit war sie damals sogar rechter, als es die FPÖ heute ist.
Das Imas-Institut kommt aufgrund der vorliegenden Ergebnisse seiner Umfrage außerdem zu folgenden Schlüssen:
•SPÖ-Anhänger empfinden sich selbst als weiter links stehend als die eigene Partei.
•ÖVP-Anhänger stufen sich selbst links von der eigenen Partei ein.
•Freiheitliche Wähler betrachten sich selbst als rechter, als es die Parteien FPÖ und BZÖ sind.
•Grünen-Sympathisanten empfinden die eigene Partei erheblich weiter links als sich selbst.
68er: 26 Prozent links, 3 rechts
Die Revolte von 1968 wird heute übrigens von 26 Prozent der Österreicher als linke Bewegung gesehen, drei Prozent sehen sie als rechts an, sieben Prozent sind unentschlossen. 64 Prozent fangen mit dem Begriff „Achtundsechziger“ überhaupt nichts mehr an.
Lesen Sie am Samstag: Wie die Österreicher über die heutige Gesellschaft denken.
Das Meinungsforschungsinstitut Imas hat im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung in Kooperation mit der „Presse“ tausend repräsentativ ausgewählte Bürger über ihre Einstellungen zur 68er-Protestbewegung, deren Folgen und zum Status quo der heutigen Gesellschaft befragt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2008)

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