Das Brunnenviertel in Ottakring ist im Trend. Attraktive Wohnungen in ausgebauten Dachböden und Fabrikshallen sollen neo-bürgerliche Mieter ins Viertel bringen, die junge Kreativszene, die sich auch im Zuge des jährlichen Kunstfestivals „Soho“ dort angesiedelt hat, soll noch mehr gut situierte Wiener anlocken. Der Großteil der Anrainer kommt allerdings nach wie vor aus der Türkei.
Nur am Yppenplatz sitzen Wiener der Kategorien „jung und erfolgreich“ und „Sozialromantiker“ in den – mal mehr, mal weniger schicken – Lokalen und trinken Kaffee. Die Suche nach jemandem, der auch in der Gegend wohnt, bleibt lange Zeit erfolglos. „Das ist typisch für das Brunnenviertel“, sagt die 29-jährige Anrainerin Ulli Schmidt.
Bauernmarkt – „Bobo“-Markt
Die Gäste finden das Viertel zwar toll, ein bisschen wie Kurzurlaub in Antalya, danach kehren sie aber gerne in ihre Wohnungen, oft innerhalb des Gürtels, zurück. Das ist auch der Grund, warum junge Designer und Künstler hier ihre Ateliers haben, nicht aber ihre Geschäfte – es fehlt an Laufkundschaft. Die gibt es nur am Samstag, wenn am Yppenplatz der Bauernmarkt stattfindet.
Weiter zum eigentlichen Markt in der Brunnengasse. Die Stände sind bis auf wenige Ausnahmen in türkischer Hand. Das Angebot ist monoton, die Reihen von billigen Obst- und Gemüseständen werden nur von einigen Kleider-Geschäften durchbrochen. Daneben sind mehrere Wettcafés, wo sich abends und sonntags die Männer treffen. Die Kunden da wie dort: Türken.
„Man sieht förmlich eine Grenze“, so Schmidt. „Im An-Do oder dem Club International am Yppenplatz sitzen die hippen Leute, keine Türken. Die ,Bobos‘ kaufen im Gegenzug nichts am Brunnenmarkt.“
Ähnlich Denise Amann vom Restaurant „Noi“: „Es ist eher ein friedliches Nebeneinander als ein Miteinander.“ Erfreuliche Ausnahme sei die EM gewesen. Auf Schildern in Auslagen stand: „Die Wiener Türken wünschen der österreichischen Mannschaft Alles Gute“. „Bei der EM hat die sonst schwer zugängliche Community die Grenzen ein bisschen aufgemacht“, so Schmidt. „Mir sind Türken um den Hals gefallen, haben mich zum Feiern eingeladen.“
Sie findet allerdings auch den Status quo in Ordnung, denn: „Ein Miteinander, eine Vermischung der Kulturen ist eine Vision.“ Mit ihren türkischen Nachbarn komme sie gut zurecht. Und es reiche ja, wenn es keine Probleme gebe. Gibt es denn keine? „Es regen sich vor allem ältere Bewohner auf, die schon lange hier leben und sehen, wie sich alles Gewohnte verändert.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2008)
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