WIEN. Ohne Nobelpreisträger bleiben die Universitäten qualitatives Mittelmaß. Die in Stockholm Ausgezeichneten sind Aushängeschilder ihrer Universitäten, sie können Sponsoren für ihre Fächer begeistern, sie ziehen erstklassige Wissenschaftler und Studierende an. „Wir müssen Nobelpreisträger kriegen“, sagt auch TU Wien-Rektor Peter Skalicky. Dann, so Skalicky im Gespräch mit der „Presse“, würden unsere Universitäten in den weltweiten Rankings näher an das Spitzenfeld heranrücken.
In dem am Montag veröffentlichten jährlichen Uni-Ranking der Shanghai Jiao Tong University landen Österreichs Universitäten abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. In diesen Rankings wird großer Wert auf die Anzahl der aus den einzelnen Unis hervorgegangenen Nobelpreisträger gelegt. „In der Endreihung wirkt sich das dann als Multiplikationsfaktor aus“, sagt Skalicky.
Keine Nobelpreisträger
Die Uni Wien hat dies vor zwei Jahren schmerzhaft zur Kenntnis nehmen müssen: Lag sie 2005 im weltweiten Shanghai-Ranking noch auf Platz 85, so rutschte sie 2006 in die Gruppe „152 bis 200“ (ab 100 gibt es keine detaillierte Reihung mehr) ab. Der Grund: Die Medizin-Fakultät wurde ausgegliedert, und damit verlor die Wiener Haupt-Uni die Anerkennung der Wiener Medizin-Nobelpreisträger vergangener Jahrzehnte. Diese werden seit 2006 der Med-Uni Wien zugerechnet.
Die ersten Plätze werden Jahr für Jahr von den renommierten US-amerikanischen Universitäten eingenommen, gerade die britischen Unis Cambridge (Platz 4) und Oxford (10) schaffen es unter die Top 10. Neben der Zahl der Nobelpreisträger wird im Shanghai-Ranking auch die Zahl der Publikationen, die in den wissenschaftlichen Magazinen „Science“ und „Nature“ veröffentlicht werden, gewertet. In diesen Zeitschriften wird von Fachleuten penibel geprüft, ob ein Beitrag dem dort üblichen hohen wissenschaftlichen Anspruch entspricht. Die Veröffentlichung wird dann jener Uni, aus der der Autor kommt, „gutgeschrieben“.
Mehr Forschung nötig
Trotz Kritik an dieser Art des Rankings sieht Wolfgang Schütz, Rektor der Medizin-Uni Wien, hier den größten Nachholbedarf in Österreich. „Den Politikern und der Bevölkerung fehlt das Forschungsverständnis“, sagt er zur „Presse“, „sie sehen die Universitäten überwiegend als Ausbildungsstätten.“ Das habe sich auch bei den Leistungsvereinbarungen gezeigt, die jede Uni mit dem Ministerium abschließen musste. Hier geht es um die Erhöhung der Frauenquote oder den Abbau der Wartelisten, nicht aber um forschungsgerecht ausgestattete Labors und Institute.
Die Shanghai-Wertung sieht Schütz als bloßes „Prestige-Ranking“. Auch TU-Mann Skalicky orientiert sich lieber am Ranking der englischen „Times“. Hier liegt die Uni Wien weltweit auf Rang 85 (November 2007), die TU Wien auf Platz 166 (sie war schon auf 138). Dieses Ranking hat die Wertung von Wissenschaftlern und Job-Vermittlern aus aller Welt zur Grundlage, die über Bekanntheitsgrad und Qualität der Forschung sowie die Kompetenz der Uni-Abgänger Bescheid wissen.
Ein eigenes Kapitel ist auch das in Österreich miserable Betreuungsverhältnis (auf wie viel Studierende kommt ein Uni-Lehrer). Dieses wird als Teil des Problems der finanziellen Ausstattung gesehen. So liegt beispielsweise die TU München im Shanghai-Ranking auf dem beachtlichen 57. Platz. Bei einer ähnlich hohen Studierendenzahl wie an der Wiener Technik verfügt sie aber über das vierfache Jahresbudget. Zudem hat sie mit dem neuen Campus in München-Garching eine der modernsten Ausbildungsstätten Europas erhalten. Der Wiener Technik wurde zwar auch ein Areal in Wien-Aspern angeboten, aber nur für die Chemiefakultät und Teile der Maschinenbaufakultät. Das hätte ein Zerreißen der bestehenden TU bedeutet, ein Gesamtkonzept gab es nicht.
Problematischer Entwurf
Auch die Novelle zum Uni-Gesetz, die für dieses Jahr geplant war, kann nach dem derzeit vorliegenden Gesetzesentwurf nicht zu einer Verbesserung in den internationalen Rankings beitragen. „Die Forschung ist weiterhin nicht im Blickpunkt“, sagt Wolfgang Schütz, und Peter Skalicky meint sarkastisch: „Die neuen Studierendenanwälte an jeder einzelnen Uni und die verpflichtende 40-prozentige Frauenquote in allen Uni-Gremien bringen im Shanghai-Ranking keine Verbesserung, nicht einmal um einen Punkt.“ Im Gegenteil: Es werden, wie erst kürzlich der Rechtsanwaltskammertag kritisierte, neue Gremien geschaffen, die zu einer weiteren Verbürokratisierung der Hochschulen führen.
Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat im Vorjahr als Ziel ausgegeben, dass Österreich innerhalb von zehn Jahren über einen neuen Nobelpreisträger verfügt. Wie das erreicht werden soll, darüber blieb der Minister die Antwort schuldig. Skalicky zuckt da nur mit den Schultern: „Ich befürchte, dass wir auch in einem Jahrzehnt zu keinem kommen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2008)

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