Mit der grünen Bundessprecherin Eva Glawischnig ist auch Österreich ein Stück weit schwanger. Doch der gesellschaftliche Grat zwischen Karrierefrau und Rabenmutter ist ein schmaler. Warum Kinder trotzdem populärer machen – und bisweilen sogar Wahlen beeinflussen können. Auf den Spuren eines internationalen Phänomens.
Die Frage ist ja, ob man einer Spitzenpolitikerin, die gerade ihr zweites Kind erwartet, solche Fragen überhaupt stellen darf. Noch dazu, wenn sie aus einer Frauenpartei kommt: Wie sie ihren Tag mit einem dreijährigen Kind gestaltet? Wie sich Job und Familie vereinbaren lassen? Was sie jenen entgegenhält, die sagen, dass eines von beiden fast zwangsläufig zu kurz käme? Ist das kleingeistig? Reaktionär? Vielleicht sogar latent frauenfeindlich? Oder nicht einmal mehr latent?
Eva Glawischnig, seit Jänner Bundessprecherin der Grünen, beantwortet derlei mit einer Gegenfrage, wobei ihre Stimme dann, sagen wir, eher nicht erfreut klingt: „Würden Sie das auch einen Mann fragen?“ Und das ist, in der Tat, keine unberechtigte Replik.
Denn es geht um das Frauenbild in Österreich; um den schmalen, gesellschaftlichen Grat zwischen Karrierefrau und Rabenmutter; und es geht auch um die mediale Dimension einer öffentlichen Schwangerschaft.
Seit Ende März wissen wir: Eva Glawischnig wird im Juli zum zweiten Mal Mutter werden; sie wird den EU-Wahlkampf mit Babybauch bestreiten und im August wieder aus der Karenz zurückkehren. Der Boulevard wird in den nächsten Monaten, ultraschallähnlich, alle Facetten der Niederkunft zu durchleuchten versuchen; vielleicht oder gerade weil er schon ein Foto ihres ersten Kindes nicht drucken darf.
Und Glawischnig wird bis zum Geburtstermin wohl mehr als Mutter denn als Parteichefin wahrgenommen werden. „Ein Babybauch schlägt einfach den Feinstaub. Und das bei Weitem. Da fühlt man sich manchmal schon missbraucht“, sagte sie vor Kurzem in einem „Standard“-Interview.
Fünf Tage in Karenz. Es ist ein globales, es ist eine Art voyeuristisches Phänomen, dass Babybäuche speziell dann faszinieren, wenn sie zu einer prominenten Mutter gehören. Man kennt das von Künstlerinnen und Sportlerinnen; von Kaiserinnen und, neuzeitlich, auch von Spitzenpolitikerinnen.
1986 verlautete aus Dänemark, dass Sozialministerin Elsebeth Kock-Petersen ihre Schwangerschaft mit Blick auf den Parlamentskalender und also die Sommerferien geplant hatte. Drei Jahre später sah die Welt sogar eine Regierungschefin in anderen Umständen: die pakistanische Premierministerin Benazir Bhutto nämlich.
Italien hatte 2001 mit Stefania Prestigiacomo eine schwangere Chancengleichheitsministerin. Und Frankreich zählte im heurigen Jänner die Stunden, bis die ebenso attraktive wie unkonventionelle Justizministerin Rachida Dati nach der Geburt ihrer Tochter Zohra wieder in ihr Amt zurückkehrte. Es waren 120 – oder auch: fünf Tage, was zu heftigen Diskussionen führte.
Davor schon war monatelang darüber spekuliert worden, wer wohl der Kindesvater sein könnte. Dati hielt dem Druck stand und gab ihn nicht preis. Doch die Starministerin war nach harten Reformen auch politisch umstritten. Präsident Sarkozy warf die Jungmutter schließlich aus der Regierung und verdonnerte sie zur Kandidatur für die EU-Wahlen im Juni.
In Finnland war Außenhandelsministerin Paula Lehtomäki im Jahr 2005 schon die zweite Politikerin von Regierungsformat, die nach nur zwei Karenzmonaten wieder in den Job zurückkehrte. Die erste hieß Eeva Kuuskoski, gehörte als Sozialministerin der Regierung Aho (1991 bis 1995) an und nahm ihr Kind bisweilen auch ins Regierungsgebäude mit.
In Österreich sorgte ein ähnlicher Fall im November 1990 für bundesweite Empörung. Während der Angelobung des Nationalrates stillte die grüne Abgeordnete Christine Heindl ihren fünf Wochen alten Sohn Michael sozusagen coram publico. Der Nationalratspräsident tobte und das nicht-grüne Österreich fragte sich, ob die offene Bluse nicht nur der parlamentarischen Hausordnung, sondern auch der mütterlichen Sorgepflicht zuwiderlaufe. Heindl selbst blieb relativ unbeeindruckt: Sie habe nur darauf hinweisen wollen, „dass eine politische Tätigkeit für Frauen genauso möglich sein müsse wie für Männer“.
16 Jahre später, im August 2006, irritierte auch in Wien kaum jemanden mehr, dass Karin Gastinger nur zwei Wochen nach der Geburt von Sohn Max wieder ins Justizministerium zurückkehrte: Sie hatte als steirische Spitzenkandidatin des BZÖ einen Nationalratswahlkampf zu schlagen. Dass Gastinger alsbald das Handtuch warf, lag nicht an der Doppelbelastung, sondern an den Differenzen mit Parteichef Peter Westenthaler.
Eine gewisse Magda Bleckmann sicherte der Ministerin damals breitenwirksam ihre Unterstützung zu. Es war eine Art Vergangenheitsbewältigung, denn im Jahr 2000 war die schwangere Bleckmann, weiland Wohnbaulandesrätin, aus der steirischen Landesregierung gekickt worden – und zwar von ihrer Partei, der FPÖ. Dem war ein privates Drama vorausgegangen: Der Vater des Kindes wurde beim Versuch, eine Bank zu überfallen, erschossen.
Im vergangenen Jahrzehnt habe sich einiges geändert, sagt die niederösterreichische Familienlandesrätin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP), die ihr Amt schon ausübte, als ihre zweite Tochter geboren wurde (2004). Doch die Rollenbilder seien nach wie vor „ziemlich antiquiert“. Denn: „Die Bereitschaft der Männer, sich genauso in die Erziehung einzubringen wie die Frauen, ist zwar da, aber die gesellschaftliche Akzeptanz ist es nicht.“
Glawischnig stimmt zu: „In Österreich wird die Erziehung immer noch den Frauen zugeschrieben.“
Einen Paradigmenwechsel meint Mikl-Leitner herbeiführen zu können, indem einerseits das männliche Erziehungsselbstverständnis gepusht und andererseits die Rahmenbedingungen verbessert werden: Arbeitsteilzeit- und Karenzmodelle etwa. Die Grünen-Chefin ortet vor allem im Bereich Väterkarenz Verbesserungsbedarf: „Im OECD-Vergleich liegt Österreich da im hinteren Drittel. Wir investieren zwar viel in die Unterstützung von Familien, aber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist nach wie vor sehr schwierig.“
Vorbildwirkung. In welche Rolle Spitzenpolitikerinnen mit Kleinkind gesellschaftlich schlüpfen, darüber gehen die Meinungen auseinander. Was Mikl-Leitner als Vorbildwirkung bezeichnet, will Glawischnig nicht als solche verstanden wissen: „Wir führen lediglich die Normalität vor und brechen den Nimbus auf, dass Karriere und Kind gemeinsam nicht schaffbar sind.“
Dass öffentliche Schwangerschaften und generell Kinder der Popularität einer Politikerin nicht abträglich sind, zeigt das Beispiel der deutschen Familienministerin Ursula von der Leyen. Die siebenfache Mutter liegt im Beliebtheitsranking der CDU auf Platz zwei hinter Kanzlerin Angela Merkel, was die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ unlängst ins Grübeln brachte: „Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie den erwerbstätigen Frauen das Gefühl gibt, ihr Leben mit Berufstätigkeit und Kindern sei in Ordnung.“
Das „Blair Baby Project“. Inwieweit Babybäuche auch Wahlen gewinnen oder zumindest Stimmen generieren können, vermag wohl niemand seriös zu beantworten. Zu vernachlässigen ist der Pampers-Faktor dennoch nicht.
Im Jahr 2000 hielt das sogenannte „Blair Baby Project“ ganz Großbritannien in Atem. Cherie Blair, Ehefrau von Premierminister Tony, war zum vierten Mal schwanger. Die Öffentlichkeit fragte sich, ob eine Frau mit Mitte 40 überhaupt noch ein Kind bekommen soll. Als Cherie den Premierminister von einem Vaterschaftsurlaub überzeugen wollte, hatte Tony Blair jedenfalls nicht die schlechteste Ausrede parat: „Ich kann nicht einfach aufhören, Premierminister zu sein, ich muss das Land regieren.“ Und als der nach Opa Leo benannte Spross am 20. Mai das Licht der Welt erblickte, schimpften die Londoner Buchmacher, weil die meisten auf den richtigen Namen getippt hatten.
Es war Freitagabend, der 22. September 1997, als Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) alle Wahlkampfveranstaltungen absagte und zu einem „dringenden“ Termin in die Landesfrauenklinik eilte: Ehefrau Christa gebar um 20.30 Uhr Sohn Peter, das dritte Kind der Pühringers. Ganz Oberösterreich freute sich mit der Familie und speziell mit dem passiv-schwangeren Landesvater.
Tony Blairs Labour Party gewann die britischen Unterhauswahlen im Jahr eins nach Leos Geburt deutlich. Und Josef Pühringer ist bekanntlich heute noch Landeshauptmann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2009)

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