Nora gibt Renate Angerer einen aufmunternden Stups. So, also wolle die Dackel-Dame, die von Angerer vor einem grausamen Schicksal in Osteuropa bewahrt wurde, die SPÖ-Politikerin trösten. Und Trost ist etwas, das die 61-Jährige derzeit notwendig hat. Was ist passiert am 7. Juni? „Ich weiß es nicht!“, meint Angerer sichtlich mitgenommen: „Ich weiß es nicht!“
Ein Minus von fast 20 (!) Prozent in der roten Hochburg Simmering, während die FPÖ mit einem Anti-Ausländer-Wahlkampf um fast 19 Prozent zugelegt hat. Ein vernichtendes Ergebnis, das die rote Bezirksvorsteherin erst einmal verkraften muss.
Was ist also passiert, an diesem Sonntag in Simmering? „Es ist vor allem die Jugend, die Strache wählt“, meint Angerer: „Sehr viele junge Migranten wählen auch die FPÖ, weil sie Angst haben, durch neue Zuwanderer etwas zu verlieren.“ Und: „Alte Leute im Bezirk haben Angst vor Verlust ihrer Kultur, auch wenn diese Angst unbegründet ist.“ Angerer redet offen über Simmering und die Simmeringer sind, nennt die Dinge beim Namen, versteckt sich nicht hinter diplomatischen Floskeln. Was ist los in Simmering? Der Arbeiterbezirk hat mit 17,3 Prozent einen Ausländeranteil, der unter dem Wien-Durchschnitt liegt. Rudolfsheim-Fünfhaus (15. Bezirk) hat 32,4 Prozent. Trotzdem ist die FPÖ-Botschaft (Kampf gegen einen Türkei-Beitritt) in Arbeiterbezirken wie Simmering auf fruchtbareren Boden gefallen als in Bezirken, die von Migranten dominiert werden. Angerer: „Das Thema in Simmering sind nicht Polen oder Ex-Jugoslawen. Ausländer ist, wer Türke ist.“
Wie Ressentiments geschürt werden. Nicht wenige Bewohner des Arbeiterbezirks haben eine polnische Putzfrau oder einen serbischen Automechaniker. Aber Türken? „Wenn man über die Hauptstraße geht, sieht man nur noch türkische Geschäfte oder Frauen mit Kopftuch. Sie wollen sich nicht integrieren. Die können ja nicht einmal Deutsch.“ Das hört Angerer öfters. Vor allem ältere Menschen äußern ihre Ängste unvermittelt: Durch eine größere Präsenz dieser Migranten seien eigene Kultur und Werte bedroht.
Die FPÖ schürt die Ressentiments. „Mit Erfolg“, wie Angerer meint. Die Stimmung in Simmering habe sich geändert: Wenn sich jetzt ein Bewohner über „die Ausländerkriminalität“ beklagt und die Bezirkschefin fragt: „Wäre es dir lieber, von einem Österreicher überfallen zu werden?“, kommt jetzt die Antwort: „Ja, das ist wenigstens einer von uns.“ Manche Aussagen von Migranten klingen nicht besser: „In zehn Jahren habt ihr hier eh nichts mehr zu reden.“ Dieser Satz soll auch schon gefallen sein. Zumindest hat sich ein Wiener darüber bei Angerer beschwert. „Das tut in der Seele weh.“
Absolute Mehrheit verloren. 2010 stehen Wien-Wahlen an – rote Hochburgen bröckeln, die FPÖ forciert ihre Anti-Ausländer-Linie; die absolute Mehrheit hat die SPÖ laut Umfragen bereits verloren. „Dabei hat es die größte Zuwanderung gegeben, als die FPÖ mit der ÖVP in der Bundesregierung war. Das kann man nicht oft genug sagen“, meint Angerer trotzig: „Die FPÖ hat diese Ausländer damals hereingeholt und die SPÖ bekommt die Prügel dafür.“
Es sind Kleinigkeiten, die im Zusammenleben in dem 80.000-Einwohner-Bezirk Simmering für Ärger sorgen: Schuhe, die vor der Gemeindebautür stehen und Nachbarn ärgern; Lärm, wenn in der Nebenwohnung Besuch eintrifft, die Kinder durch die Wohnung laufen, bis in der Nacht spielen und schreien; Müll, der auf der Straße liegt, direkt neben den Abfalleimer. Angerer: „Sobald das Migranten sind, wird daraus ein Ausländerproblem gemacht.“ Und die Freiheitlichen setzten genau hier den Hebel an. Das führe soweit, dass sich Bürger bei Problemen mit Migranten nicht mehr an die Bezirksvorstehung oder die Hausbetreuung von „Wiener Wohnen“ wenden, sondern direkt an die Freiheitlichen.
Was unternehmen Sie dagegen, Frau Angerer? „Wir brauchen für das Zusammenleben klare Regeln. Die müssen eingehalten werden.“ Nachsatz: „Man darf gegenüber Fehlern nicht blind sein.“ Deshalb hat die Bezirksvorsteherin ihre Arbeit bei und mit Migranten-Communities verstärkt: „Ich glaube, sie haben noch nicht erkannt, wie sehr der Hut brennt.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2009)

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