11.02.2012 18:47 | Meine Presse Merkliste0

Alois Stöger: Einer, der auch schweigen kann

27.06.2009 | 17:49 |  von CLAUDIA DANNHAUSER (Die Presse)

Gesundheitsminister Alois Stöger erzählt, warum gefeierte Erfolge meist die nächsten verhindern und was er von der NS-Aufarbeitung in Gallneukirchen für die Gesundheitsdebatte gelernt hat.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Alois Stöger schlendert durchs Museumsquartier. Ein Luxus, den er sich das letzte Mal am Tag vor der Ernennung zum Gesundheitsminister erlaubt hat. Für den Spaziergang mit der „Presse am Sonntag“ nimmt er sich wieder einmal Zeit und besucht das Architekturzentrum. Eine Wahl, die nicht von ungefähr kommt. Stöger hat eine gewachsene Nähe zur Architektur. Weil er gemeinsam mit sieben anderen Familien ein Haus gebaut hat. Und weil er Kulturstadtrat war – in Gallneukirchen von 2003 bis 2007. Der 48-Jährige entdeckt beim Rundgang durch die „a-schau“ aber noch viele andere ungeahnte Anknüpfungspunkte, die viel mit seiner Arbeit und noch viel mehr mit seinem Arbeitsstil zu tun haben.

So erinnert Stöger ein Foto der Tabakfabrik in Linz an Unangenehmes. Das Werk von Peter Behrens ist für ihn sozialpolitisch interessanter als architekturhistorisch. Denn noch im vergangenen Jahr verhandelte Stöger, der selbst gelernter Maschinenschlosser ist und im zweiten Bildungsweg ein Fernstudium in Straßburg absolvierte, einen Sozialplan für die Arbeiter der Fabrik. Jahrelang sei sie ein gutes Geschäft gewesen, dann habe Schwarz-Blau privatisiert. Und jetzt wird zugesperrt. Das tut dem Gewerkschafter Stöger weh. Für den Minister Stöger könnte es dennoch ein Happy End geben. Vielleicht zieht „in den sehr schönen Raum“ bald eine Gesundheitseinrichtung ein.

Raumgefühl ist Stöger spätestens seit den 90er-Jahren nicht fremd. Gefunden hat er es über ein eigenwilliges Projekt. „Wer will mit mir ein kinderfreundliches Haus bauen?“, fragte er – per Inserat. Es meldeten sich sieben Familien, mit denen er auch nach langen Planungsdiskussionen heute noch befreundet ist. Die Gemeinschaftsräume, die zu den sieben Einzelhäusern gehören, nutzt Stöger aber kaum mehr. Als Minister wohnt er meistens in Wien. Und seine zweite Frau, die er im Mai geheiratet hat, lebt in einem anderen Ort in Oberösterreich.


Reden über Tabus. Die Verbindung zu Gallneukirchen bleibt aber bestehen. Daran ist nicht allein Stögers Wohnprojekt schuld. Auch die Arbeit als Kulturstadtrat hat ihn geprägt – aus bau- und ganz allgemein aus historischer Sicht. Im Architekturzentrum erinnern Stöger die Fotos der Linzer NS-Architektur an eines der ihm wichtigsten Projekte in Gallneukirchen. Seit Jahrzehnten ist die Kleinstadt von der Behindertenarbeit der Diakonie geprägt. Was kein Problem ist und war – außer in der NS-Zeit. 1941 wurden 64 Behinderte nach Schloss Hartheim überstellt und ermordet. „Wir sind der Frage, wer war Täter, wer war Opfer, sehr intensiv nachgegangen“, erzählt Stöger. Plötzlich hätten die Kinder mit ihren Eltern und Großeltern über eine Zeit und über Dinge geredet, die Jahrzehnte tabu waren. „Es ging uns dabei aber nicht darum zu werten, sondern überhaupt zu reden. Das war die größte Erwachsenenbildung, die wir in unserer Stadt je hatten.“ Am Ende stand ein von allen akzeptiertes Mahnmal für den Frieden.

Das klingt vom Stil her ja fast so, wie sich Stöger den Prozess zur längst überfälligen Gesundheitsreform vorstellt. „So ist es auch“, meint der Minister voll Überzeugung. Und er stellt eine Gegenfrage: „Warum war Österreich in der Zwischenkriegszeit so gut?“ Seine Antwort darauf: „Weil die eindimensionalen Sichtweisen in den Kaffeehäusern aufgebrochen wurden.“ Deshalb will er auch nicht nur über Einsparungen im Gesundheitswesen reden. Das wäre ihm zu simpel, sagt er. „Als Gesundheitsminister muss ich darauf schauen, dass es für die Menschen zu echten Verbesserungen kommt.“

Kleine Schritte zum Erfolg. Und da sage noch einer, der neue Gesundheitsminister sei nicht kommunikativ. Wie kommt er trotzdem zu dem weithin verbreiteten Image, dass er das genaue Gegenteil seiner redseligen Vorgängerin Andrea Kdolsky ist? „Wenn ein Gesundheitsminister ständig in den Medien vorkommt, reiben sich schnell alle Partner des Systems an ihm.“ Manchmal sei es daher besser, die anderen reden zu lassen. Und manchmal gereiche der gefeierte Erfolg dem nächsten zum Nachteil.

Das hat Stöger bei seinen Verhandlungen als Gewerkschafter gelernt: „Wenn ich als Vertreter der Arbeitnehmer juble, dann sieht das der Chef als Verlust.“ Außerdem ist nicht immer alles so schwarz-weiß, sagt Stöger. Um Dinge lebbar zu machen, müsse man oft auch kleine Schritte gehen. Das wiederum, das hat der Minister beim Hausbau gelernt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

6 Kommentare
derpradler
29.06.2009 17:21
0 0

weil er nichts zu sagen hat!

So einfach ist das! Oder soll er vom Rezeptgebührenschwindel seines Vorgängers erzählen oder von dem Unsinn den er neulich kund tat, daß die K.- Kassenreform ein Sieg für die Patienten wäre? Er weiß schon, warum er schweigt. Im Volksmund gibt es ein Sprichwort
" Es veredet sich nix leichter als das Maul"!

harbard
29.06.2009 09:04
0 0

Einer, der auch schweigen kann

...und das beherrscht er perfekt!
...man hört sowieso nichts von ihm!

Saskatoon
28.06.2009 22:02
0 0

wen interessiert es ob dieser mann

ein haus baut oder nicht.
seine aufgabe ist es das gesundheitssystem zu heilen - dabei scheitert er kläglich.
dafür bräuchte es einen starken mann, der sich durchsetzt, bei all den empfindlichkeiten von industrie, freunderl, vereinen ärzten usw.

wenig sinnvoll ist es, dem patienten vorzugaugeln rezeptfreie medikamente um 20-30 euro sind wirksamer als rezeptpflichtige...

ungeheuerlich dieser placebo-minister

0 0

Ein linker Apparatschik mit 68er-Allüren


Genau das was unser Gesundheitssystem braucht - um endgülttig den Bach runterzugehen.

ichmeine
28.06.2009 07:46
0 0

Vom Gesundheitsminister erwarte ich mir Antworten

auf das Fiasko des Gesundheitssystems. Ob da auch eine NS-Aufarbeitung hilft, bleibt abzuwarten

0 0

hat jemand schon was von diesem minister gehört?

reformen? verbesserungen?

hauptsache, er kann sich über die ns-zeit auslassen und schon ist er in den schlagzeilen.

ich verachte sie, sie aufzehrer meiner steuern.

mc