Alois Stöger schlendert durchs Museumsquartier. Ein Luxus, den er sich das letzte Mal am Tag vor der Ernennung zum Gesundheitsminister erlaubt hat. Für den Spaziergang mit der „Presse am Sonntag“ nimmt er sich wieder einmal Zeit und besucht das Architekturzentrum. Eine Wahl, die nicht von ungefähr kommt. Stöger hat eine gewachsene Nähe zur Architektur. Weil er gemeinsam mit sieben anderen Familien ein Haus gebaut hat. Und weil er Kulturstadtrat war – in Gallneukirchen von 2003 bis 2007. Der 48-Jährige entdeckt beim Rundgang durch die „a-schau“ aber noch viele andere ungeahnte Anknüpfungspunkte, die viel mit seiner Arbeit und noch viel mehr mit seinem Arbeitsstil zu tun haben.
So erinnert Stöger ein Foto der Tabakfabrik in Linz an Unangenehmes. Das Werk von Peter Behrens ist für ihn sozialpolitisch interessanter als architekturhistorisch. Denn noch im vergangenen Jahr verhandelte Stöger, der selbst gelernter Maschinenschlosser ist und im zweiten Bildungsweg ein Fernstudium in Straßburg absolvierte, einen Sozialplan für die Arbeiter der Fabrik. Jahrelang sei sie ein gutes Geschäft gewesen, dann habe Schwarz-Blau privatisiert. Und jetzt wird zugesperrt. Das tut dem Gewerkschafter Stöger weh. Für den Minister Stöger könnte es dennoch ein Happy End geben. Vielleicht zieht „in den sehr schönen Raum“ bald eine Gesundheitseinrichtung ein.
Raumgefühl ist Stöger spätestens seit den 90er-Jahren nicht fremd. Gefunden hat er es über ein eigenwilliges Projekt. „Wer will mit mir ein kinderfreundliches Haus bauen?“, fragte er – per Inserat. Es meldeten sich sieben Familien, mit denen er auch nach langen Planungsdiskussionen heute noch befreundet ist. Die Gemeinschaftsräume, die zu den sieben Einzelhäusern gehören, nutzt Stöger aber kaum mehr. Als Minister wohnt er meistens in Wien. Und seine zweite Frau, die er im Mai geheiratet hat, lebt in einem anderen Ort in Oberösterreich.
Reden über Tabus. Die Verbindung zu Gallneukirchen bleibt aber bestehen. Daran ist nicht allein Stögers Wohnprojekt schuld. Auch die Arbeit als Kulturstadtrat hat ihn geprägt – aus bau- und ganz allgemein aus historischer Sicht. Im Architekturzentrum erinnern Stöger die Fotos der Linzer NS-Architektur an eines der ihm wichtigsten Projekte in Gallneukirchen. Seit Jahrzehnten ist die Kleinstadt von der Behindertenarbeit der Diakonie geprägt. Was kein Problem ist und war – außer in der NS-Zeit. 1941 wurden 64 Behinderte nach Schloss Hartheim überstellt und ermordet. „Wir sind der Frage, wer war Täter, wer war Opfer, sehr intensiv nachgegangen“, erzählt Stöger. Plötzlich hätten die Kinder mit ihren Eltern und Großeltern über eine Zeit und über Dinge geredet, die Jahrzehnte tabu waren. „Es ging uns dabei aber nicht darum zu werten, sondern überhaupt zu reden. Das war die größte Erwachsenenbildung, die wir in unserer Stadt je hatten.“ Am Ende stand ein von allen akzeptiertes Mahnmal für den Frieden.
Das klingt vom Stil her ja fast so, wie sich Stöger den Prozess zur längst überfälligen Gesundheitsreform vorstellt. „So ist es auch“, meint der Minister voll Überzeugung. Und er stellt eine Gegenfrage: „Warum war Österreich in der Zwischenkriegszeit so gut?“ Seine Antwort darauf: „Weil die eindimensionalen Sichtweisen in den Kaffeehäusern aufgebrochen wurden.“ Deshalb will er auch nicht nur über Einsparungen im Gesundheitswesen reden. Das wäre ihm zu simpel, sagt er. „Als Gesundheitsminister muss ich darauf schauen, dass es für die Menschen zu echten Verbesserungen kommt.“
Kleine Schritte zum Erfolg. Und da sage noch einer, der neue Gesundheitsminister sei nicht kommunikativ. Wie kommt er trotzdem zu dem weithin verbreiteten Image, dass er das genaue Gegenteil seiner redseligen Vorgängerin Andrea Kdolsky ist? „Wenn ein Gesundheitsminister ständig in den Medien vorkommt, reiben sich schnell alle Partner des Systems an ihm.“ Manchmal sei es daher besser, die anderen reden zu lassen. Und manchmal gereiche der gefeierte Erfolg dem nächsten zum Nachteil.
Das hat Stöger bei seinen Verhandlungen als Gewerkschafter gelernt: „Wenn ich als Vertreter der Arbeitnehmer juble, dann sieht das der Chef als Verlust.“ Außerdem ist nicht immer alles so schwarz-weiß, sagt Stöger. Um Dinge lebbar zu machen, müsse man oft auch kleine Schritte gehen. Das wiederum, das hat der Minister beim Hausbau gelernt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2009)

Reaktionen Hoffen auf Verbesserungen, ''Blendwerk für Märkte''
Berühmte Politiker-Zitate Wer hat's gesagt?
Bloomberg, Gandhi & Co Superreiche in der Politik
Politik skurril Obama testet Marshmallow-Kanone