Die Presse: In einem Lied singen Sie: „Das größte Theater, das ist die Politik.“ Und: Des is ned normal, seit 24 Stunden gibt's kan neich'n Skandal.“ Erleben die Österreicher Politik genauso? Theater und Skandal?
Jazz Gitti: In erster Linie ist das ein Liedtext. Aber es gibt immer zwei Seiten. Wenn ich es bei einem Auftritt sing, und der Bürgermeister ist da, dann deute ich schon auf ihn hin. Ein wenig Zynismus ist ja erlaubt. Denn es gibt schon Sachen, die sich der Wähler eigentlich anders vorstellt.
Zum Beispiel?
Jazz Gitti: Eine andere Form des Umgangs miteinander wäre wichtig. Aber ich denke, zurzeit ist es nicht so schlecht. Ich meine, was machen die Medien? Kaum ist mal Ruhe, sagen sie, es wird zu viel gekuschelt. Der Presse kannst du es eh nicht recht machen. Wer Österreich gutgetan hätte, das war der Gusenbauer. Der wollte mich zwar nicht, weil ich ihm zu rüde war. Darum hat er mich auch nie zum Kanzlerfest eingeladen. Aber er ist ein intelligenter Mensch. Er ist ein Denker, ein Professor, keine Rampensau. Österreich hätte das nicht geschadet, einen gescheiten Menschen vorne zu haben.
Den hat Österreich jetzt nicht?
Jazz Gitti: Das weiß man nicht so genau, weil der Faymann ist ja ein Populist. Und das will das Volk. Weil Politik ist ja auch nur Showbusiness. Der, der sich am besten verkauft, der schafft an. Und wenn er nicht so intelligent ist, muss er Leute haben, die ihn beraten.
Also geht es in der Politik um Personen, nicht um Inhalte.
Jazz Gitti: Natürlich geht's um Personen. Wer macht denn die Politik? Ich habe Sozialismus immer gelebt, habe immer geteilt. Da liegt das Problem. Heute gibt's Sozialisten, die sind ärgere Kapitalisten als die, die sich Kapitalisten nennen.
Ist das der Grund, warum Sie – als bekennende Rote – im EU-Wahlkampf die ÖVP unterstützt haben?
Jazz Gitti: Ich habe niemanden unterstützt, ich hab bei einer Veranstaltung für meine Fans gespielt. Aber: Das Wichtigste für einen Politiker ist, dass er gesunden Menschenverstand hat. Den hat der Josef Pröll, weil der is' ein Bauernbub. Genauso wie der Erwin (NÖ-Landeshauptmann Pröll, Anm.). Und außerdem war ich immer für die EU. Wenn Europa zusammenwächst, sehe ich mehr Möglichkeiten für die Jugend.
Auch in Niederösterreich unterstützen Sie die ÖVP, haben mit Erwin Pröll ein Lied aufgenommen...
Jazz Gitti: Ich liebe ihn. Ich hab ihn als Menschen gern. Und ich finde, dass er seine Arbeit super macht.
Man kritisiert, er sei zu mächtig. An ihm kommt man nicht vorbei.
Jazz Gitti: Und das ist gut so, weil er gute Arbeit leistet. Er ist weltoffen, interessiert, er hilft. Schau, welche Kulturlandschaft wir in Niederösterreich haben. Auch zu Dingen, die ihn nicht interessieren, sagt er: Schauen wir uns das an. Er wirtschaftet gut, und wenn er was sagt, hat das Handschlagqualität.
Der richtige Kandidat für das Präsidentenamt?
Jazz Gitti: Ich würde es nicht goutieren, wenn er Präsident würde. Die Leute wollen, dass er bleibt. Außerdem ist der Fischer ein guter Präsident. Warum vergeuden wir zwei gute Leute, nur weil die Medien im Sommer was zum Schreiben brauchen? Aber natürlich: Ich würde Erwin bei allem unterstützen, was er macht. Ich hab ihm gleich am Anfang gesagt: Ich mag dich leiden, aber ich bin eine Rote. Dann hat er gesagt: „Macht nichts, das freut mich noch mehr.“
Ihre Texte sind unpolitisch, Sie wirken aber politisch sozialisiert.
Jazz Gitti: Meine Mutter war eine Kommunistin, weil ihr die Russen nach dem Krieg – sie war ja Jüdin – eine Chance gegeben haben. Sie hatte dann ein Lebensmittelgeschäft. Dort hat sie auch die Nazis bedient. Warum? „Weil Schluss sein muss mit dem Hass“, hat sie immer gesagt. Ich halt's mit dem alten Farkas. Der hat gesagt: „Ob Demokratie oder Diktatur, machen tun sie eh, was sie wollen. Aber in der Demokratie kann ich mich aufregen.“ Und deswegen geh ich heiß, wenn junge Leute nicht wählen gehen.
Dafür scheinen immer mehr Österreicher Gefallen an rechten Positionen und Parteien zu finden. Macht Sie das, da ein Teil ihrer Familie im KZ gestorben ist, betroffen?
Jazz Gitti: Natürlich betrifft es mich, aber solche Leute waren ja schon immer da. Zeitweise kriechen die Ratten halt aus den Löchern, dann verschwinden sie wieder. Aber solange es Demokratie gibt – und auch diese Leute werden nicht wollen, dass es eine Diktatur gibt –, lässt sich immer was machen.
Aber warum gehen die Leute denn nicht wählen?
Jazz Gitti: Weil sie deprimiert sind. Und weil die Politik halt zeitweise einfach ein Wurschteltheater ist.
Lösungsvorschläge?
Jazz Gitti: Ich würde in der Schule Rollenspiele machen mit einer Diktatur. Ich würde einem Idioten in der Klasse Macht verleihen, um zu schauen, wie das läuft. So wie in dem Buch „Die Welle“. Ich würde das denen am eigenen Leib zeigen. Wenn ich dir sage, ich war am Nordpol, sagst du: „Oarsch, ist das kalt.“ Aber wissen wirst du's erst, wenn du dort bist und dir die Nase einfriert. Darum braucht es anschaulicheren Unterricht. Die Jugend muss merken: „Ich habe andere Sorgen, als nur shoppen zu gehen und mich anzusaufen.“
Ist das heute schlimmer als früher?
Jazz Gitti: Nein. Es hat immer eine Schicht gegeben, die gedacht hat und von daheim was mitbekommen hat. Ich mein', im Mittelalter, wenn du da deppert warst, haben sie dir den Schädel abgehackt. Das gibt's heute Gott sei Dank nicht mehr. Deswegen wollen wir ja nicht, dass die Moslems bei uns ihr Recht haben. Weil: Stehlen hin oder her, ich kann keinem die Hand abhacken. Oder eine Frau steinigen, weil sie Lust auf einen anderen Mann hat.
Ist Zuwanderung aus islamischen Ländern eine Gefahr für Österreich?
Jazz Gitti: Jein. Österreich war immer ein Integrationsland. Aber wer sich hier nicht integrieren will, wer nicht stolz ist, hier zu leben, der soll dort hingehen, wo er stolz sein kann. Ich mag auch keinen Fanatismus. Das hat nichts mit Religion zu tun. Der Heilige Krieg führt sich selbst ad absurdum. Welche Mutter schickt ihr Kind, sich in die Luft zu sprengen und anderer Mütter Kinder zu töten? Das brauch ich überhaupt nicht. Und das hat jetzt nichts mit Rassismus oder den Reden des Herrn Strache zu tun. Weil ich will nicht, dass mich der Strache als Staatsmann vertritt. In hundert Jahren nicht.
Aber die Möglichkeit besteht, nicht zuletzt auch in Wien.
Jazz Gitti: Wenn Michi Häupl nicht aufpasst, wird er sich anschauen. Aber ich hoff, dass er so intelligent ist, dass er da drauf schaut.
Aber es gibt in Wien Probleme, für die Strache Antworten bietet.
Jazz Gitti: Absolut. Weil sich die anderen nichts gegen Ausländer sagen trauen. Weil alles gleich rassistisch ist. Aber man hätte da schon früher drauf schauen müssen. Ich habe mit einer Lehrerin gesprochen, die in Favoriten unterrichtet. Das Problem ist, dass es dort Jugendliche gibt, die kein Deutsch können. Und Türkisch können sie auch nicht richtig schreiben, sondern nur sprechen. Das heißt, das sind Analphabeten. Aber sie wollen „yeah“ und „cool“ sein. Während andere, die sich integriert haben, ausgewiesen werden. Wer bitte entscheidet das?
Strache spricht das an.
Jazz Gitti: Nicht weil es ihm ein Anliegen ist. Sondern weil er Stimmen will. Weil er machtgierig ist und glaubt, er ist der Haider. Aber Haider war wenigstens intelligent.
Die Vergangenheit, die NS-Zeit – ist das noch Thema in Österreich?
Jazz Gitti: Ich weiß es nicht. Ich will mich damit nicht auseinandersetzen. Wie ich dann das erste Mal in Israel war, am Berg Zion, da hab ich alles nicht für möglich gehalten: Seife aus reinem Judenfett. Ich hab zu meinem Onkel gesagt: Was heißt das? Als er es mir gesagt hat, habe ich geweint. Und da wurde mir bewusst, wozu Menschen fähig sind. Heute weiß ich, dass ich viele Ängste von meiner Mutter mitbekommen habe, erst die dritte Generation ist von so etwas befreit. Deswegen darf es nie mehr Krieg geben. Ich bin dankbar, dass ich in Frieden leben darf, das Gleiche wünsche ich meinen Enkeln.
Haben Sie Angst, es könnte wieder Krieg geben in Europa?
Jazz Gitti: Das weiß ich nicht. Aber ich halte es mit dem Sprichwort: Wenn du weißt, dass du morgen stirbst, pflanze heute einen Baum. Ich bin ein positiver Mensch. Oder vielleicht einfach ein bissl deppert.
Als Künstlerin sind Sie es gewohnt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Wie wär's mit dem Gang in die Politik?
Jazz Gitti: Die von der SPÖ haben mich schon gefragt. Und auch der Pröll sagt, ich soll mich einsetzen. Ich sage dann immer: Eure Scheißhack'n macht's euch selber. Ich bin österreichweit beliebt – und wenn du in der Politik bist, bist du das Arschloch. Was auch immer ich tue, mach ich im guten Gedanken. Und dass ich dann dafür zusammengeschissen werd, interessiert mich nicht.
■Jazz Gitti (63), mit bürgerlichem Namen Martha Butbul, wurde in den 1980er-Jahren als Entertainerin und Sängerin bekannt: Nach Jahren in der Gastronomie und einigen Rückschlägen wurde sie Mitglied der Anarcho-Band Drahdiwaberl, startete aber bald eine Solokarriere. Ihre größten Erfolge: Die ORF-Serie Tohuwabohu und die frühen Lieder A Wunda, Kränk di net und Hoppala. Im April 2009 erschien ihr neues Album Pures Leben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2009)
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