Die Presse: Sie haben in Ihrem Leben die unterschiedlichsten Tätigkeiten ausgeübt und kennen Österreich daher aus den verschiedensten Perspektiven. Aus welchem Blickwinkel hat Ihnen das Land denn am besten gefallen?
Kurt Palm: Als Wanderer. Österreich ist ja ein sehr schönes Land, aber dafür kann niemand etwas, das ist ein objektives Faktum. Am besten ist, man geht zu Fuß und ist weder auf die ÖBB noch auf eine andere Institution in diesem Land angewiesen.
Aus welcher Sicht gefällt Ihnen Österreich am wenigsten?
Palm: Das ist eine sehr allgemeine Frage. Ich habe als junger Mensch immer gehofft, dass Österreich ein solidarisches weltoffenes Land sein würde, wenn ich 50 bin. Ich bin jetzt 54. Aber diese Vision hat sich nicht erfüllt. Egal, wohin man schaut: Mir fiele spontan kein Bereich ein, in dem sich in den letzten zehn Jahren etwas Substanzielles zum Positiven geändert hat.
Woran krankt es in Österreich am meisten?
Palm: An der Sozialdemokratie. Das größte Problem in Österreich ist, dass sich die Sozialdemokratie vor allem seit dem Beitritt zur EU derart rasch nach rechts entwickelt hat. Die SPÖ, die diesen Namen schon längst nicht mehr zu Recht trägt, hat sich zu einer ganz klassischen neoliberalen Partei entwickelt und bildet mit der ÖVP einen riesigen bürgerlichen Block. Die ÖVP ist nur in Nuancen ein bisschen rechter als die SPÖ.
Worin zeigt sich zum Beispiel, dass die SPÖ in die falsche Richtung geht?
Palm: Zum Beispiel bei der Mindestsicherung. Was sich da abspielt, ist doch ein absoluter Skandal. Ein Sozialminister, der früher ÖGB-Chef war, stimmt einem Paket zu, das eigentlich ein Hohn ist. Beim Bankenpaket stellt man schnell Milliarden auf. Aber wenn es um soziale oder auch kulturelle Belange geht, dann ist plötzlich kein Geld da. Faymann ist ja für mich die Personifikation des Niedergangs der SPÖ. Ich dachte, nach dem Gusenbauer kann es nicht mehr noch weiter abwärtsgehen mit dieser Partei. Aber plötzlich ziehen die aus irgendeiner Schublade den Faymann hervor. Es wird immer noch schlimmer. Josef Pröll und Werner Faymann wurden als das neue Dream-Team präsentiert. Aber die beiden sind ein Albtraum-Team.
Welcher Politiker gefällt Ihnen denn in Österreich noch am besten?
Palm: Es gibt leider keinen. Ich kenne diese Leute ja auch: Fekter ist mit mir in die Schule gegangen, Strasser hat mit mir studiert. Das Tragische an der Situation ist ja, dass sie so sind, wie sie rüberkommen. Die verstellen sich gar nicht.
Braucht Österreich eine neue Linkspartei?
Palm: Absolut. Die Rechten sind toporganisiert, das muss man neidlos anerkennen. Sie lügen natürlich, dass sich die Balken biegen, aber sie schaffen es sogar, auf die Jugendkultur Einfluss zu nehmen. Mir blutet das Herz, dass es der Linken nicht gelingt, eine plausible Alternative anzubieten.
Wie groß wäre Ihrer Ansicht nach das Wählerpotenzial einer neuen Linkspartei?
Palm: Linke Positionen haben es zwar in Österreich immer schwer gehabt. Aber ein Potenzial von fünf bis zehn Prozent bei Wahlen müsste es für eine Linkspartei geben. Die KPÖ hat in Österreich Fehler gemacht, etwa durch die jahrzehntelange Abhängigkeit von der Sowjetunion. Nach der Einverleibung der sozialistischen Länder durch den Kapitalismus hat die KPÖ es verabsäumt, eine glaubwürdige linke Politik zu machen und eine Alternative anzubieten.
Was könnte eine Linkspartei denn von den Rechten lernen?
Palm: Dass man Themen so kommuniziert, dass die Menschen sie verstehen. Unlängst hat ein Politikwissenschaftler die Slogans der Parteien von der EU-Wahl analysiert und gesagt: Um das zu verstehen, was die FPÖ will, genügt ein Hauptschulabschluss. Um das zu verstehen, was die KPÖ will, muss man einen Hochschulabschluss haben. Viele wählen Strache nicht, weil sie rechts sind. Sie wählen ihn aus einer totalen Frustration heraus über die Politik von SPÖ, ÖVP und EU. Würde es eine linke Alternative wie in Deutschland geben, dann würde es bei Wahlen anders aussehen.
Sollen die Linken zum besseren Verständnis ihrer Themen also wie die FPÖ auf den Plakaten dichten?
Palm:(lacht) Wenn sie besser als die FPÖ dichten würden, wäre es sicher nicht schlecht.
Sie waren ja schon einmal Kandidat der KPÖ bei der Nationalratswahl 2006. Könnten Sie sich vorstellen, bei einer neuen Linkspartei noch einmal zu kandidieren?
Palm: An einer symbolischen Stelle würde ich das schon machen. Aber ganz ehrlich gesagt interessiert es mich momentan nicht sehr, konkrete Politik zu machen. Mir fehlt da momentan der Enthusiasmus.
Warum, waren die Erfahrungen als Kandidat bei der Wahl nicht gut?
Palm: Im Wesentlichen waren die Erfahrungen gut. Aber ich bin halt nicht vom Naschmarkt zum Brunnenmarkt gegangen und habe die Menschen anagitiert. Das ist mir peinlich. Aber das muss man als Politiker machen, und das ist nicht mein Ding.
Sie haben einmal beklagt, dass Politiker generell zu humorlos sind. Warum ist das so?
Ich glaube, dass sie zu wenig reale Lebenserfahrung haben. Sie machen nicht das, was unsereins macht: Man ist unter den Leuten, geht fort, geht schwimmen, geht einkaufen. Ich fand sehr lustig, wie Josef Cap einmal von den „Menschen da draußen“ gesprochen hat. Da kriegt man das Bild, das wohl auch stimmt: Die sitzen da in ihren Parteisekretariaten und machen sich Gedanken über die Menschen da draußen. Ich wette, dass Cap in den letzten dreißig Jahren kein einziges Mal einkaufen war. Wenn man den fragt, wie viel ein Liter Milch kostet, wird er einen sicher blöd anschauen.
Sie bezeichnen sich selbst als „Volksbildner“. Wie beurteilen Sie das österreichische Bildungssystem, über das immer wieder diskutiert wird?
Palm: Die Sozialdemokratie schafft es nicht einmal hier, substanziell etwas Neues zu machen. Es wird immer schlimmer. Man müsste etwa den Deutschunterricht für Kinder aus nicht deutschsprachigen Familien massiv fördern. Stattdessen werden Stunden gestrichen. Was natürlich auch fehlt, ist die Gesamtschule. Die Vision, die es in der Sozialdemokratie in den Zwanziger- und Dreißigerjahren gab, ist weg. Dabei wäre eine Radikalreform nötig.
Auch als Fußballspieler waren Sie einst aktiv. Was steht denn Ihrer Meinung nach besser da: die österreichische Politik oder der heimische Fußball?
Palm: Das Dilemma ist, dass der Fußball fast ein Spiegelbild der Politik ist. Bei der Europameisterschaft haben einige österreichische Kicker tatsächlich geglaubt, sie könnten Europameister werden. Und auch in der Politik ist es so, dass man von der absoluten Selbstüberschätzung lebt. Österreich steht in vielen Bereichen in Europa schlecht da, und gleichzeitig bildet man sich ein, dass man irrsinnig gut dasteht. Didi Constantini meint ja auch immer noch, dass es im Grunde ein Sieg ist, wenn man 0:1 gegen Serbien verliert. Ich glaube, dass man sich in Österreich auf andere Sportarten konzentrieren sollte.
Welche andere Sportart würde denn gut zu unserer Mentalität passen?
Palm:Kegelscheiben passt zur österreichischen Mentalität: Viele schauen zu, es ist nicht sehr anstrengend, aber man kann doch etwas umschmeißen.
Bisher erschienen: Gustav Peichl, 13.7., Barbara Helige, 17.7., Jazz Gitti, 25.7., Reinhard Haller, 29.7., Werner Lampert, 5. 8., Christoph Badelt, 6. 8., Fatima Ferreira, 8. 8.
■Kurt Palm (54) wuchs im oberösterreichischen Timelkam auf. Von 1962 bis 1975 war Palm nach eigenen Angaben als Ministrant, Mittelstürmer, Nachtwächter und Autostopper tätig. Nach Abschluss des Germanistikstudiums (Dissertationsthema: „Brecht und Österreich. Vom Boykott zur Anerkennung“) begann Palm 1982 seine Karriere als Regisseur, Autor und Volksbildner. Von 1994 bis 1996 inszenierte Palm 24 TV-Folgen der von Hermes Phettberg moderierten „Phettbergs Nette Leit Show“. Bei der Nationalratswahl 2006 trat Palm für die KPÖ an.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2009)

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