„Die Presse“: Der Vorarlberger FPÖ-Chef Dieter Egger hat den (aus Deutschland stammenden) Direktor des Jüdischen Museums Hohenems als „Exiljuden aus Amerika“ bezeichnet. Was sagen Sie dazu?
Susanne Trauneck: Das ist auch eine Beleidigung für alle Vertriebenen, die ihr Leben nur mit knapper Not retten konnten. Die Botschaft ist: Bleibt draußen und mischt euch hier nicht ein. Es ist mühsam, weil solche antisemitischen Sager immer wieder kommen. Die Politik reagiert mit Kritik, aber es hört nicht auf. Eigentlich müsste man noch stärker und immer wieder Stellung beziehen.
Aber da gibt es das alte Dilemma: Die FPÖ lebt doch seit Jörg Haider ausgezeichnet von den Empörungsritualen. Das macht solche Themen erst publik und die Rechten groß.
Trauneck: Stimmt schon, Jörg Haider schaffte es damit häufig auf Titelseiten. Aber solche Aussprüche kann man trotzdem nicht unwidersprochen lassen. Das ist doch traurig – besonders für jemanden wie mich, der engagiert gegen Antisemitismus und für bessere Aufklärung arbeitet. Leider gibt es auch keine Konsequenzen: Der Herr Egger ist weiterhin da. Die Politik ist gegen solche Themen offensichtlich nicht genügend immunisiert. Sonst könnte es auch nicht passieren, dass Martin Graf zum Dritten Nationalratspräsidenten gewählt wird.
Politische Ächtung?
Trauneck: Das wäre die einzige richtige Reaktion.
Wobei Franz Vranitzkys Haider-Ausgrenzung die FPÖ erst so richtig groß gemacht hat.
Trauneck: Ja, aber Wolfgang Schüssel hat den umgekehrten Weg versucht, was sie noch stärker gemacht hat, wenn man FPÖ und BZÖ zusammenrechnet.
Das BZÖ versucht sich anders zu positionieren.
Trauneck: Aber ich sehe dahinter auch keine sehr andere Ideologie.
Auf freiheitlichen Plakaten kam im Rahmen des letzten EU-Wahlkampfes im Frühling aus heiterem Himmel ein „FPÖ-Veto“ gegen einen EU-Beitritt von Israel und der Türkei.
Trauneck: Der Anti-Islamismus verdeckt ja oft den Antisemitismus, der unterschwellig immer da ist.
Ist es völlig irreal, dass Israel irgendwann der EU beitritt?
Trauneck: Ich weiß nur, dass es zahlreiche Kooperationen gibt, etwa in Wissenschaft und Kultur. Aber alles andere steht wirklich nicht zur Debatte.
Türken sagen, dass Islamophobie den Antisemitismus abgelöst hat.
Trauneck: Es gibt ja leider nicht mehr sehr viele in Österreich lebende Juden, daher hat das eine das andere Thema abgelöst. Aber das sind zwei verschiedene Dinge.
Muslime sind eher selten judenfreundlich. Werden da nicht auch in Österreich ethnische Konflikte hineingetragen? Man denke nur an die antiisraelischen Attacken des iranischen Staatspräsidenten Mahmoud Ahmadinejad.
Trauneck: Da gibt es natürlich eine allgemeine Besorgnis, was Israel betrifft.
Und in Österreich funktioniert der interreligiöse Dialog?
Trauneck: Das müssen Sie Ariel Muzicant (Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Anm.) fragen.
Das tun wir auch. Er ist allerdings oft auch selbst wegen scharfer Äußerungen umstritten.
Trauneck: Er hat sehr viel erreicht. Mit lieb und nett sein wäre das nicht gegangen.
Ist Antisemitismus denn nicht längst öffentlich diskreditiert?
Trauneck: Es gibt internationale Studien, die Österreich da kein gutes Zeugnis ausgestellt haben.
Ist es schlimmer als anderswo?
Trauneck: Es ist, glaube ich, allgemein in Europa ein Problem.
Ist Ihre Organisation dann quasi gescheitert?
Trauneck: Na ja, manchmal ist man schon etwas niedergeschlagen. Durch solche Sager wird unsere Arbeit beeinträchtigt. Dann werden wir wieder von unseren Besuchern gefragt, was in Österreich los ist. Das war auch nach den Vorfällen in Ebensee so. Das verstärkt die negative Meinung über Österreich bei Vertriebenen und deren Angehörigen.
Kann das Bildungswesen dagegen etwas tun?
Trauneck: Offenbar muss da noch mehr getan werden. Ebensee hat auch mangelnde Bildung über Demokratie und Menschenrechte gezeigt. Natürlich ist die Shoa einzigartig, aber man kann den Jugendlichen auch aktuelle Fälle vor Augen führen: etwa das, was mit den Roma und Sinti in Ungarn passiert. Es gibt sehr viele engagierte Pädagogen, und wir machen auch viel mit Schulen.
Die Menschen sind von den großen Migrationsströmen verunsichert.
Trauneck: Und dann gibt es noch die Wirtschaftskrise. Von beidem profitieren die Rechten.
Haben die Großparteien die Probleme des multikulturellen Lebens zu lange tabuisiert?
Trauneck: Vielleicht hat man das eine Zeitlang nicht ganz so ernst genommen, aber jetzt versucht man schon gegenzusteuern.
Speziell Jugendliche fühlen sich von der FPÖ angesprochen.
Trauneck: Weder SPÖ noch ÖVP haben ein Programm gefunden, mit dem sie die Jugend ansprechen können. Heinz-Christian Strache ist selbst jung und wandert von Disco zu Disco. Ernsthafte Vorbilder für die Jugend, die zu rechten Umtrieben klar sagen: „Stopp“, gibt es nicht.
Verfehlte Migrationspolitik führt zu Rassismus. Was kann die Politik tun, um den sozialen Frieden zu gewährleisten?
Trauneck: Mit Migrationsverbänden zusammenarbeiten, aufklären, informieren. Vielfältige Kulturen sind ja auch bereichernd, und das ist das, was ich an Europa so schätze.
Akzeptieren die Wiener, dass sie in einer multikulturellen Stadt leben?
Trauneck: Ja, da hat sich in den letzten Jahren vieles geändert. Wien ist viel offener und internationaler geworden.
Was macht das Jewish Welcome Sercive eigentlich, wenn der letzte Vertriebene gestorben ist?
Trauneck: Es gibt noch immer genügend Interesse – mittlerweile auch von jenen, die Österreich als Babys verlassen mussten. Die sind jetzt erst 70 Jahre alt. Und dann gibt es die nächste Generation, die eingeladen ist, mitzukommen. Leider fehlt es dafür an Geld. Wir unterstützen auch Projekte, wo Vertriebene als Zeitzeugen auftreten, etwa für das Projekt Herklotzgasse 21 (Ausstellungs- und Forschungsprojekt über ein ehemaliges jüdisches Viertel).
Sollte man nicht viel mehr solcher Geschichten von Häusern dokumentieren?
Trauneck: Da passiert sehr viel, und dieses zivilgesellschaftliche Engagement von Bezirken und Schulen ist unglaublich positiv. Das ist das doppelte Antlitz Österreichs: Da solche Projekte, dort der Herr Martin Graf.
Sie sind leiser als Leon Zelman. Er konnte eine richtige Nervensäge sein, Sie sind das Gegenprogramm.
Trauneck: Ich habe eine andere Art mich einzumischen. Vielleicht kommt man damit sogar weiter, als wenn man es zu laut hinausschreit. Was Zelman und mich einte, war unsere Hartnäckigkeit.
Bisher erschienen: Gustav Peichl, 13. 7., Barbara Helige, 17. 7., Jazz Gitti, 25. 7., Reinhard Haller, 29. 7., Werner Lampert, 5. 8., Christoph Badelt, 6. 8., Fatima Ferreira, 8. 8., Kurt Palm, 10. 8., Abt Bruno Hubl, 14. 8., Nina Katschnig, 22.8.
■Susanne Trauneck (42) ist seit 2008 Generalsekretärin des Jewish Welcome Service und folgte in dieser Funktion dem 2007 verstorbenen Leon Zelman nach, dessen langjährige Mitarbeiterin sie war. Sie ist ausgebildete Historikerin.
■Das Jewish Welcome Service wurde vom Konzentrationslager-Überlebenden Zelman 1980 gegründet, Hauptfinancier ist die Stadt Wien. Die Einrichtung hat tausende vertriebene österreichische Juden nach Wien eingeladen. Außerdem werden Erinnerungsprojekte im öffentlichen Raum gefördert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2009)
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