WIEN.An sich ist es ja ehrenhaft, wenn einer aus den eigenen Reihen als EU-Kommissar umworben wird. Die Wiener ÖVP hat freilich wenig davon. Lobt die Regierung Wissenschaftsminister Johannes Hahn nach Brüssel weg, fehlt ihr für die Wien-Wahl im kommenden Jahr der Spitzenkandidat und Parteichef. Was insofern ärgerlich ist, als sich die Wiener Schwarzen mangels parteiinterner Machtposition jahrelang vergeblich bemüht hatten, ihren Parteichef auf einem honorigen Ministersessel zu positionieren. Kaum hat man das geschafft, um im Kampf gegen die übermächtige Wiener SPÖ ein klein wenig besser dazustehen, wäre der erhoffte Nutzen schon wieder weg.
So wie es derzeit aussieht, standen sich die diversen Kräfte innerhalb der ÖVP aber so lange im Weg, bis alle anderen Kommissarskandidaten – von Ursula Plassnik bis Wilhelm Molterer – keine Option mehr sind. Auch das Dossier, das Österreich zugeteilt werden könnte – Wissenschaft, Innovation, Technologie – spricht für Hahn in vorderster Position. Womit das Rätseln über seine Nachfolge in Wien begonnen hat.
Kein Kronprinz in Sicht
Die Auswahl ist bescheiden. Auf Landesebene gibt es niemanden, der eine Art Kronprinzenrolle einnimmt. Und auch die in Wien nicht immer harmonisch agierenden ÖVP-Bünde liefern keinen logischen Hahn-Nachfolger. Frauenchefin Maria Rauch-Kallat hat von der ersten Reihe in der Politik genug, der ÖAAB mit Matthias Tschirf zwar einen braven Arbeiter, aber keinen Frontmann und selbst die Wiener Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank wäre nicht mehrheitsfähig. In den Bezirken sieht es nicht anders aus. Für Glamour sorgt dort einzig Ursula Stenzel, deren Glanz über die Innenstadtgrenzen hinweg wohl kaum zu bestehen vermag.
Wer bleibt also? In Wahrheit nur Familienstaatssekretärin Christine Marek. Denn dass der Karas-Effekt aus dem EU-Wahlkampf in Wien zu wiederholen wäre, glaubt kaum jemand ernsthaft. Im Gespräch ist der EU-Parlamentarier dennoch. Was selbst seine Freunde mit Schrecken und Schmunzeln so kommentieren: „Dann bräuchten wir aber wieder einen unbeliebten parteiinternen Gegner für den Othmar.“ Dieser ist nicht in Sicht. Weshalb Marek das Experiment wagen und sich im nicht unwahrscheinlichen Fall einer rot-schwarzen Koalition in Wien sogar aus der Bundespolitik verabschieden müsste. Ihre Vorteile: Ihre Themen sind derzeit in aller Munde – vom einkommensabhängigen Kindergeld bis zur Absetzbarkeit von Kinderbetreuung. Und im Hardcorematch zwischen Michael Häupl und Heinz-Christian Strache könnte eine seriöse Frau durchaus punkten.
Neuer Minister: Profi oder Risiko?
Einfacher dürfte sich die Nachfolge von Hahn als Wissenschaftsminister gestalten. Überlässt ÖVP-Chef Josef Pröll das Nominierungsrecht der Wiener Partei, fiele die Wahl mit ziemlicher Sicherheit auf deren Nationalratsabgeordnete Katharina Cortolezis-Schlager. Pröll könnte aber auch auf einen Quereinsteiger setzen. Im Wissenschaftsbereich bieten die Universitäten einen reichen Fundus an potenziellen Kandidaten. Dass das nicht immer gut gehen muss, zeigt allerdings die Vergangenheit. Der Biochemiker Hans Tuppy setzte sich Ende der Achtzigerjahre in seinen nur zwei Jahren als Wissenschaftsminister in so manche Nesseln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2009)

Michael Häupl: Der Wiener Bürgermeister und ''Grantler'' ist 60
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