Ein Wiener Journalist hat die Welt verändert. Und er arbeitete als Leiter des Feuilletons in der „Neuen Freien Presse“. Am 29. August 1898 sprach der Wiener Jude zu den Delegierten des 1. Zionistenkongresses, den er nach Basel zusammengetrommelt hatte.
Theodor Herzls Ansprache, die eine scharfe Abkehr von der bisher verfolgten Assimilationswilligkeit des Wiener großbürgerlichen Judentums markiert, ist zu Recht in das neueste Buch Gerhard Jelineks aufgenommen worden: „Reden, die die Welt veränderten“.
Der renommierte ORF-Journalist hat eine bemerkenswerte Zahl großer Reden in das Werk aufgenommen, er vermittelt uns einen Crashkurs in Weltgeschichte: Marcus Antonius – na klar! Aber auch Jesus: „Ich aber sage euch, liebt eure Feinde!“ Wer kennt nicht die Ansprache des Mönchs Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521?
Aber Steve Jobs – wie bitte? Der Gründer von „Apple“ sprach 2005 vor Studenten der Stanford University. Er schilderte seine blanke Angst, als er seine Krebsdiagnose erhielt, und appellierte an die jungen Absolventen: „Eure Zeit ist begrenzt. Vergeudet die Zeit nicht, indem ihr das Leben anderer lebt. Tappt nicht in die Falle von Dogmen, das wäre ein Leben nach dem Denken anderer Leute... Bleibt hungrig, bleibt unangepasst!“
In einer derartigen Dokumentation darf selbstverständlich Leopold Figl mit seiner rührenden Weihnachtsansprache 1945 nicht fehlen, ebenso John F. Kennedy („Ick bin ain Bärliner!“). Oft ist es nur ein Satz (wie jener Bruno Kreiskys über die Arbeitslosigkeit), der eine ganze Epoche treffend beschreibt, manchmal aber sind es funkelnde, brillante Kunstwerke. Winston Churchill war dafür ebenso berühmt wie für seinen literarischen Ausdruck. Barack Obama wieder lebt vom gesprochenen Wort. Er hat die Welt ebenso bewegt wie Helmut Kohl. Er stand bekanntlich knapp vor der Abwahl, als die Berliner Mauer wie durch ein Wunder fiel. Daher kommt hier natürlich auch der SED-Unglücksrabe Günter Schabowski zu Ehren. Mahatma Gandhi ist vertreten und Adolf Hitler, Neville Chamberlain und Joseph Goebbels. Seine schauerliche Rede („Wollt ihr den totalen Krieg?“) hatte der Narziss selbst immer als sein größtes Meisterwerk betrachtet.
Jelineks Buch ist eine beeindruckende Dokumentation. Die Erklärungen runden den Zeithorizont ab und treffen den Punkt. Eine spannende Lektüre. hws
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2009)

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