Der Herbst hat Hohenems fest im Griff. Hartnäckig hält sich bis in den Nachmittag dichter Nebel über der Kleinstadt im Vorarlberger Rheintal. Die Sonne, die irgendwo über dieser feuchtkalten Suppe strahlt, taucht den Ort in diffuses gelbgraues Licht. Ab und zu reißt die Nebeldecke ein Stück weit auf und gewährt einen kurzen Blick auf den majestätischen Schlossberg. Zu seinen schroffen Füßen, im verwaisten Stadtzentrum, liegt die Marktstraße, die ganz und gar nichts Majestätisches aufweist.
Alle Revitalisierungsversuche der geschichtsträchtigen ehemaligen Christengasse sind bislang vergebens geblieben. Die Straße ist menschenleer, die meisten Geschäfte sind bereits am frühen Nachmittag geschlossen. Nur dicke Nebelschwaden ziehen die verschlissenen Fassaden entlang. Und doch vermag der herbstliche Schleier die Tristesse nicht zu übertünchen. Ein Stück weiter unten, vorbei an kitschigen Kunsthandwerksgeschäften, ein dumpfes Lebenszeichen: Das monotone Rattern eines Dieselmotors. Zwei Arbeiter sind damit beschäftigt, die Beleuchtung zu montieren. Das Brummen ihrer Hebebühne ist bis hinauf zum ehemaligen Gasthaus Engelburg zu hören. Hier liegt die Kreuzung, die einst den gemeinsamen Ausgangspunkt der Christen- und der Judengasse bildete. Einst hat sie die Trennlinie zwischen jüdischem und christlichem Hohenems markiert.
Zeugnis längst vergangener Zeiten: An der altehrwürdigen Engelburg prangt heute der Schriftzug „Pub Scandinavia“ im unpassend poppigen Design. Die einstige Judengasse, Eingang zum berühmten jüdischen Viertel, hat ebenfalls ihren Namen gewechselt und wurde zur neutralen Schweizer Straße. Noch heute prallen hier zwei Welten aufeinander: dort die heruntergekommene Marktstraße, da die prunkvollen Villen des historischen Viertels.
Frisch herausgeputzt erstrahlen sie in ihrer vollen Pracht. Und doch sind die Gebäude bloß leere Hüllen, Zeitzeugen. Denn Juden gibt es in Hohenems längst keine mehr. Die Abwanderung setzte bereits in den 1860er-Jahren ein, als Juden die gleichen Niederlassungsrechte wie Nichtjuden zugestanden wurden.
Die letzten Nachkommen der einst 600Mitglieder umfassenden jüdischen Gemeinde, die zwischen 1617 und 1938 eine der bedeutendsten im süddeutschen Sprachraum war, wurden von den Nazis vertrieben oder deportiert. Der Antisemitismus ist bis heute, einem Gespenst gleich, nicht aus der 15.000-Einwohner-Stadt verschwunden.
Es war im August dieses Jahres. Beim Auftakt zum Landtagswahlkampf der Vorarlberger FPÖ in seiner Heimatstadt Hohenems, lässt Spitzenkandidat Dieter Egger mit einer Verbalattacke gegen den Direktor des hiesigen Jüdischen Museums, Hanno Loewy, aufhorchen. Der „Exiljude aus Amerika in seinem hoch subventionierten Museum“ habe sich nicht in die Vorarlberger Innenpolitik einzumischen. Loewy hatte zuvor in einem offenen Brief die Wahlplakate der FPÖ (Slogan: „Elterngeld für heimische Familien“) kritisiert. Die Aufregung war groß. Auch in Hohenems. „So etwas wie der Egger gesagt hat, sollte man nicht sagen. Nein, das darf man nicht sagen“, zeigt sich ein junger Handwerker noch heute entsetzt. Nicht nur er, ganz Österreich, war ob Eggers Tirade in Aufruhr. Plötzlich war der bis dato unscheinbare FPÖ-Chef weit über die Grenzen seines kleinen Bundeslandes hinaus bekannt. Als Antisemit zwar, aber immerhin.
Die zweifelhafte neue Berühmtheit gereichte Egger in seiner alemannischen Heimat zum Kantersieg beim Urnengang im September. Zweitstärkste Partei mit mehr als einem Viertel der Stimmen. Ihr bestes Ergebnis erzielten die Freiheitlichen in Eggers und Loewys Heimatstadt Hohenems. Ausgerechnet in Vorarlbergs ehemals jüdischem Zentrum hielt Antisemitismus 37,98Prozent der Wähler nicht davon ab, Egger ihre Stimme zu geben. Zugleich fuhr die ÖVP mit 39,78 Prozent in ihrer einstigen Hochburg das schlechteste Landesergebnis ein. „Das war schon ein Schock für uns“, sagt der junge Handwerker, der sich, bevor er weiter Auskunft gibt, vergewissert, dass sein Name auch bestimmt nirgends genannt wird. Das sei halt ein sensibles Thema, sagt er entschuldigend. Das Wahlergebnis führt er ganz klar auf die Attacke gegen Loewy zurück: „Viele finden das gut. Die Leute denken wohl zu wenig nach, bevor sie ihr Kreuzerl machen. Ich würde niemals die FPÖ wählen.“
Doch der Triumph bei den Landtagswahlen wurde für Dieter Egger zum Pyrrhussieg. Denn VP-Landeshauptmann Herbert Sausgruber kündigte seinem langjährigen Koalitionspartner FPÖ wegen Eggers Aussage und seiner Weigerung, sich dafür zu entschuldigen, die Zusammenarbeit auf. Der ehemalige FP-Landesrat fristet mit seiner Fraktion seither das wenig erquickende Dasein auf der Oppositionsbank. Statt im schicken Landesratbüro samt Bodenseeblick im dritten Stock des Bregenzer Landhauses, muss Egger nun mit dem freiheitlichen Fraktionsbüro im Erdgeschoß vorliebnehmen. Die Aussicht hier unten ist trist: Vor den Fenstern nichts als Buschwerk und Baugerüste. Dennoch lächelt der FP-Chef tapfer und wird nicht müde zu wiederholen: „Nein, ich fühle mich ganz und gar nicht als Wahlverlierer.“ Die Attacke gegen Loewy bereue er kein bisschen. Und doch scheint ihm der Job als Oppositionsführer bereits langweilig geworden zu sein. Denn es mehren sich Gerüchte, dass Egger im März bei den Gemeinderatswahlen als FPÖ-Spitzenkandidat in seiner Heimatstadt Hohenems antreten wird. Darauf angesprochen, dementiert er nur halbherzig: „Ach, die Gretchenfrage. Die musste ja kommen. Da bleibt mir ja zum Glück noch etwas Zeit, um mich zu entscheiden.“
Chancen hätte Egger allemal. Denn der Exiljuden-Sager hat ihm in seiner Heimatstadt kein bisschen geschadet. Ganz im Gegenteil, wie ein rundlicher, älterer Herr, der auf dem Schlossplatz die Bauarbeiten am Emsbach beobachtet, erklärt: „Der Egger wäre schon gut für Hohenems. Auf jeden Fall besser als der jetzige Bürgermeister. Und ich bin ein alter ÖVPler.“ Nickend pflichtet ihm sein Kompagnon, der ebenfalls zum Baustellenschauen am Schlossplatz steht, bei. Hohenems habe schon bessere Zeiten erlebt. Darin sind sich die beiden Herren Ende fünfzig einig. Mit ihrem jetzigen Stadtoberhaupt, Richard Amann (ÖVP), sind die beiden unzufrieden. Die Kleinstadt ist fast pleite, 36Millionen Euro Schulden lasten auf der Gemeindekasse. Statt etwas für die Allgemeinheit zu tun, so der Vorwurf, verwirkliche sich der Bürgermeister lieber mit sinnlosen Großprojekten selbst. Bitterbösen Blickes deuten sie hinüber zum alten Gasthaus Löwen, das von Bauzäunen umgeben ist. Sie halten die Sanierung, die zwar längst überfällig gewesen sei, für verschwenderische Vorwahlkampfshow. „Das Geld wäre anderswo dringender nötig gewesen.“ Der schnauzbärtige der beiden Herren outet sich als treuer FPÖ-Wähler und will „den Dieter“ im März als neuen Bürgermeister sehen: „Der schafft das.“
Auf die Frage, ob die Attacke gegen Hanno Loewy dabei nicht zum Stolperstein für Egger werden könnte, antworten beide Herren wie aus der Pistole geschossen: „Wieso? Jude ist doch kein Schimpfwort. Das wurde alles nur von den Medien aufgebauscht.“ Und überhaupt würden achtzig Prozent der Emser die Meinung des FP-Chefs teilen: „Nur traut es sich niemand zu sagen.“ Sie selbst wollen auch ungenannt bleiben. „Dieter“ sei schließlich „einer der Unsrigen“. Für Mitbürger Loewy haben sie weniger Sympathien übrig: „Der ist im Ort unbeliebt, nicht von hier, ein Exiljude eben.“ Das sei im Übrigen kein Schimpfwort: „Das ist so, wie wenn ich Scheißsteirer sage. Da würde niemand so beleidigt tun.“ Ein dritter Herr, der zur Runde dazustößt, pflichtet dem bei: „Die sind ohnehin viel zu empfindlich. Wo es denen doch eh so gut geht.“ Mit seinen behandschuhten Händen deutet er in Richtung des alten jüdischen Viertels, wo die prachtvollen Bürgervillen stehen, in denen die lebten – einst.
Dass seit der Naziherrschaft vor gut 70Jahren keine Juden mehr in Hohenems leben, lassen die Herren an der Baustelle unerwähnt. Tatsächlich ist Hanno Loewy nach fast sieben Jahrzehnten wieder der erste und einzige jüdische Bewohner der Stadt. „Für Antisemitismus braucht es aber gar keine Juden“, erklärt dazu der Innsbrucker Politologe Reinhold Gärtner. Diese Ressentiments haben hierzulande eine derart lange Tradition, dass sie auch ohne direktes Feindbild funktionieren. Im Falle von Hohenems genügten einige gut erhaltene Villen, die im Kontrast zum sonst tristen Ortsbild stehen, sowie ein erfolgreicher Museumsdirektor, um den alten Hass aufflammen zu lassen. Gärtner glaubt, dass Eggers Angriff auf Loewy durchaus von Kalkül geleitet war: „Weil mit Antisemitismus in Österreich immer noch Wählerstimmen zu gewinnen sind.“ Zugleich relativiert er aber: „Der Wahlerfolg der FPÖ in Vorarlberg ist sicher nicht allein dieser Aussage zuzuschreiben. Die Blauen hatten bei den Wahlen 2004 einen Tiefpunkt erreicht und zu einem gewissen Teil einfach nur ihre alte Stärke wiedererlangt.“
Eggers Bürgermeisterambitionen bereiten Hanno Loewy sichtlich Unbehagen. Egger habe der politischen Kultur im Land großen Schaden zugefügt: „Er hat unter seinen Anhängern die Grenzen dessen, was man öffentlich sagen kann, ohne sich zum völligen Idioten zu machen, deutlich erhöht.“ Der FP-Obmann dementiert: „Ich war und bin immer der Paradeliberale der Vorarlberger Freiheitlichen gewesen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich mit Antisemitismus nichts am Hut habe.“ Loewy habe ihn zuerst angegriffen und zwar in seiner Funktion als Direktor des Jüdischen Museums: „Er hat damit seine jüdische Herkunft als Verstärkung seiner Argumente eingesetzt. Ich habe mich nur verteidigt.“ Das nächste Aufeinandertreffen der beiden scheint vorprogrammiert. Egger liebäugelt ganz offen und öffentlich mit einer Bürgermeisterkandidatur. Nur FP-intern steht die offizielle Entscheidung über den Spitzenkandidaten noch aus.
Egger polarisiert und hat viele Fans unter den Emsern. Eine Ladenbesitzerin unweit des Jüdischen Museums gerät ob der Sympathien ihrer Mitbürger für Egger in Rage. „Ja spinnen die denn?! Es ist zum Schämen!“, echauffiert sich die blonde Dame wild gestikulierend. Es sei der pure Neid, schimpft sie, der die Emser auf Eggers Seite gebracht habe: „Weil der Hanno halt geschickt ist im Geldlukrieren und das Museum gut läuft.“ Ob Egger Chancen auf den Bürgermeistersessel habe? „Ja, ich befürchte schon“, sagt die Mittvierzigerin und seufzt dabei.
Am Ende des Gesprächs, nachdem der Ärger der resoluten Dame wieder abgeflaut ist, senkt sie den Kopf und blickt verlegen über ihre Brille hinweg. „Nur eine Bitte hätte ich. Erwähnen Sie meinen Namen nicht, wenn Sie darüber schreiben. Ich habe ein Geschäft hier und bin auf die Kundschaft angewiesen.“
Der Beitrag erscheint auch in der Zeitschrift neu.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2009)
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