26.05.2012 10:44 | Meine Presse Merkliste 0

Österreichische Archive: „Da gibt es fast schon sowjetische Zustände“

13.12.2009 | 18:18 |  BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Historiker beklagen, dass vor allem nachrichtendienstliche Akten systematisch vernichtet werden. So stößt ein Historiker, der in Archiven nach geheimdienstlichen Informationen sucht, höchstens auf Puzzleteile.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

WIEN. Wäre es für einen historischen Forscher heute möglich, ein seriöses und tiefschürfendes Werk über die Arbeit österreichischer Nachrichtendienste zu verfassen? Gerhard Jagschitz, langjähriger Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien, ist mehr als skeptisch: „In österreichischen Archiven finden sich nur sehr fragmentarisch Akten über geheimdienstliche Vorgänge. Vor allem die Unterlagen über operative Aktivitäten der Nachrichtendienste sind systematisch vernichtet worden. Aber auch Akten über organisatorische Interna findet man keine“, klagt der emeritierte Universitätsprofessor.

So stößt ein Historiker, der in Archiven nach geheimdienstlichen Informationen sucht, höchstens auf Puzzleteile, aus denen er versuchen kann, ein einigermaßen akkurates Bild zusammenzustellen. Oder er versucht, ein zutreffendes Bild durch Interviews mit auskunftswilligen Zeitzeugen zu bekommen. Aber auch da, warnt Jagschitz, gebe es gerade unter den Zeitzeugen zu geheimdienstlichen Themen nur allzu viele „Märchenerzähler und Spurenverwischer“. Und er fügt hinzu: „Wir wissen doch, dass nirgends so gelogen wird wie in der Liebe, über die Jagd und bei den Geheimdiensten.“

 

Unmut im Bundeskanzleramt

Jagschitz war einer der Referenten auf der Arbeitstagung „Geheimdienste im Kalten Krieg“, die die österreichische Arbeitsgemeinschaft für Geheimdienstforschung, Propaganda und Sicherheitsstudien (ACIPPS) im Bruno-Kreisky-Forum in Wien abhielt. Bei einer Podiumsdiskussion, in der das Forschen in internationalen Geheimdienstarchiven von Washington bis Moskau verglichen wurde, kam Österreich gar nicht gut weg: „In Österreich gibt es fast schon sowjetische Zustände“, lautete das krasse Urteil von Professor Jagschitz.

Auch Universitätsprofessor Oliver Rathkolb beklagte die systematische Vernichtung von Akten österreichischer Nachrichtendienste und stellte sinngemäß die Frage, ob damit vielleicht verhindert werden solle, dass die Forschung die Frage der Sinn- und Zweckmäßigkeit der Arbeit dieser Dienste stellen und beantworten könne. Rathkolb sieht ebenfalls eine Tendenz, die innere Organisationsgeschichte der Dienste so gut wie möglichst zu verschleiern.

Professor Siegfried Beer von der Uni Graz, der sich durch seine Kritik am Zustand des österreichischen Bundesarchivwesens bereits den Unmut des dafür zuständigen Bundeskanzleramtes zugezogen hat, sieht das Problem nicht auf nachrichtendienstliche Akten beschränkt.

Es gehe um ein mangelndes Serviceverständnis in den Archiven, das Recht auf Information in einer Demokratie, liberalere Öffnungszeiten, kostenloser und ungehinderter Zugang zu Archivmaterialen, digitale Fotografiermöglichkeit und anderes mehr: „Es geht einfach darum, dass unser Archivwesen mehr Aufmerksamkeit verdienen würde, damit es endlich mit internationalen Standards für Forscher aufwarten kann. Und es geht darum, dass junge Historiker wichtige Teile der Geschichte unseres eigenen Landes nicht überwiegend in ausländischen Archiven erforschen müssen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

12 Kommentare
Gast: ökono-mist
21.12.2009 03:42
0 0

Zua'draht is...


Paßt eigentlich wunderbar in dieses Bild, der abgewürgte Spitzel-U-Ausschuß...

"Kollektive Verdunkelungsgefahr" könnte man sowas nennen!

derpradler
20.12.2009 15:53
0 0

Österreich

ist auch die Mutter der Bespitzler und Geheimdienste!

Gast: markus trullus
19.12.2009 17:41
0 0

hinter mir die Sindflut

Bei dem vielen Sch..., den unsere Behörden tagtäglich verzapfen, verstehe ich den "Drang", alles zu vernichten. Wer will denn schon soooo einen schlechten Nachruf haben, zudem hierzulande die "gute alte Zeit" ja immer viel besser war als die Gegenwart.

Gast: hberg
16.12.2009 09:48
0 0

Der alte Historikersport

Historiker - zumeist die immer selben "Verdächtigen"- dreschen die Archive gerne. Den Tatbestand des Staatsschutzes, der in den Archivgesetzen Österreichs (wie auch anderer Staaten) verankert ist, haben allerdings nicht die ArchivarInnen sondern die Verwaltungsjuristen erfunden. Man sollte also nicht den Sack sondern den Esel hauen.

Gast: Nudelauge
14.12.2009 19:18
0 0

Die österreichischen Archivare haben von den Nazis und Sowjets gelernt.

Nur nicht zuviel aufheben, des kunat einmal a Malheur geben....LOL

Wenn die Einsatzgruppen im Osten nicht Berichte in 12-facher Ausfertigung über ihre "Leistungen" Tag für Tag erstellt hätten, würden heute manche sagen können - "alles erstunken und erlogen".

Was der NKWD über die Liquidierung des polnischen Offizierskorps berichtete, weiss ich nicht.


Gast: ramses II
14.12.2009 11:25
0 0

bis sie begreifen...

...das es nicht eine frage der demokratie ist ob dargestellt wird wie einige eben wollen, das verstanden wird. die vernichtung oder verfälschung von auch historischen darstellungen ist mir nichts neues.

nur haben viele von ihnen die wunschmeinung dass all dies, was sonst so im laufe der geschichte schon geschehen ist in einer demokratie nicht vorkommen dürfe. ich halte sie für arme demokraten.

übrigens: am 24.12. kommt für alle dies glauben wollen das christkind und der liebe nikolo war auch schon da. das wissen allerdings nur die erwachsenen.

registry
14.12.2009 11:06
0 0

Gehemindienste

Also irgendwie finde ich es nicht wirklich überraschen, dass Geheimdienste versuchen ihre Spuren zu verwischen. Gehört doch irgendwie zum Job-Profil!

Gast: Lausbub
14.12.2009 02:25
0 0

Kinder, wie schnell die Zeit vergeht ....

Es ist doch noch gar nicht lange her, daß Franz Olah in einer FS-Sendung von Helmut Zilk über den "Skandal der Gauakten" und von Bespitzelungen in der Nachkriegszeit berichtete und umgehend deren Vernichtung veranlaßte (nachdem er diese noch rasch fotokopiert hatte)! Das sollten doch gerade die der SPÖ nahestehenden Historiker wissen!! Hat man im Nachlaß von Olah nichts mehr gefunden? Vielleicht waren Olah durch die US-Besatzungsmacht und Zilk durch den tschechischen Geheimdienst zu stark kompromittiert?

Antworten Gast: anonymos
14.12.2009 10:27
0 0

Re: Kinder, wie schnell die Zeit vergeht ....

In gleicher Weise verschwinden Akten zum Fall Strasser oder Rauch-Kallats Waffenhändlerehegatten.
Aber es genügt ja, wenn Kenntnisse unter der Hand kolportiert werden.

Wie sang Qualtinger in den 60erJahren ... "der Papa wird's scho richten" und "die Akten sind dann unauffindbar ... "
http://www.youtube.com/watch?v=hTS6-lt9UBo

Antworten Antworten Gast: Niederösterreicher
14.12.2009 15:18
1 0

Re: Re: Kinder, wie schnell die Zeit vergeht ....

Ganz komm ich bei Ihrer Argumentation nicht mit! Dürfen Ihrer Meinung nach nur Rote die Spitzenpositionen im Innenministerium besetzen, obwohl die Roten nur den (kleineren) Teil der Akademiker bestellen?

Übrigens sind Sie Verfechter der Sippenhaftung? Haben Sie einen konkreten Tatverdacht gegen Ex-Ministerin Kallat? Dann bitte nur heraus mit der Sprache. Auch von einer Verurteilung ihres "Grafen" ist mit bis jetzt noch nichts bekannt, obwohl darüber heftig in den Medien spekuliert wurde.

Und wenn man schon von Waffenschiebungen reden: da ist mir vom Ende der Kreisky-Zeit noch ein prominenter SP-Politiker und Ex-Innenminister im Gedächnis, der einerseits das "NeutralitätsGesetz" (Verbot des waffenexportes an kriegsführende Länder) auf den Weg brachte, gleichzeitig aber "unter der Tuchent" Waffengeschäfte mit eben diesen Ländern tätigte und deshalb nach seinem eigenen Neutralitätsgesetz rechtskräftig verurteilt wurde.

Etwas Gleichwertiges ist mir von Frau Kallat nicht bekannt ...

cuibono
13.12.2009 21:42
0 0

Angst vor Verantwortung

Die peinliche Mauschelei rund um die Akte Zilk bestätigt die Einschätzung von Jagschitz & Co.

Nachrichtendienste sind nicht Selbstzweck, sondern dienen dem Staat und seinen Bürgern und sollten diesen gegenüber auch rechenschaftspflichtig für ihr Tun sein. Die Einhaltung von Sperrfristen für die öffentliche Akteneinsichtnahme mag in brisanten Fällen zulässig sein, die systematische Vernichtung von Akten und damit der Entzug parlamentarischer Kontrolle sollte es nicht sein.

Antworten Gast: markus trullus
19.12.2009 17:43
0 0

Re: Angst vor Verantwortung

Nu ja, die des britischen Geheindienstes aus dem WK1 (!!) sind immer noch gesperrt. Warum wohl? ;-)

Mein Parlament