Wien.Eine reine „Orientierungsphase“ für die Studierenden sollen die Studieneingangsphasen sein, die ab 2011 in allen Studienrichtungen eingeführt werden – so war bis vor Kurzem noch die Sprachregelung der Regierung. Nun aber haben ÖVP und SPÖ einen überraschenden Kurswechsel vollzogen: „Wir haben uns mit der SPÖ darauf geeinigt, die Studieneingangsphase zu adaptieren und für qualitative Aufnahmeverfahren zu öffnen“, sagt Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) im „Presse“-Interview. Der Grund: „Wir haben gesehen, dass wir in den Massenfächern große Probleme haben, die es gilt, in den Griff zu bekommen. Da müssen wir eine Lösung bieten, um die Qualität sicherzustellen.“
Und da, so Karl, hätten sich nur zwei Lösungen geboten: die Neukonzipierung der Studieneingangsphasen einerseits oder die Änderung des Notfallparagrafen (§124b) im Uni-Gesetz andererseits. Dieser ermöglicht den Unis derzeit, die Platzzahl in Studienrichtungen bei „unzumutbaren Bedingungen“ wegen zu großen Andrangs aus dem Ausland zu beschränken. „Wir dürften hier nicht nur auf ausländische Studierende abstellen“, sagt Karl. „Nicht alle Probleme in Massenstudien können wir den Deutschen in die Schuhe schieben.“
Klarheit für Studenten, Planbarkeit für Unis
Geeinigt hat man sich mit Unterrichtsministerin Claudia Schmied – die die Verhandlungen auf SPÖ-Seite führte – aber schließlich darauf, die Studieneingangsphasen als „Instrument zur Regelung des Uni-Zugangs“ auszubauen, so Karl. Das neue Konzept im Detail: Die Eingangsphasen dauern bis ein bis zwei Semester; am Ende steht ein „qualitatives Aufnahmeverfahren“, das jeder Student bestehen muss. „Nach einem Jahr hat also jeder Studierende Klarheit darüber, ob er weiterstudieren kann oder die Phase wiederholen muss.“ Den Unis biete das Konzept Planungssicherheit bei der Anzahl der Studienplätze.
Wie das Auswahlverfahren genau aussehen soll, will Karl noch nicht sagen: „Das ist noch Inhalt der Verhandlungen mit der SPÖ.“ Möglich seien dabei sowohl Tests als auch mehrgliedrige Prüfverfahren, die etwa persönliche Bewerbungsgespräche beinhalten. „Ich will nicht alle Studienrichtungen über einen Kamm scheren. Wir müssen uns die Bedürfnisse in den Studienrichtungen genau ansehen.“ Und auch über zusätzliche quantitative Beschränkungen – also die Festlegung einer bestimmten Platzzahl wie derzeit in der Medizin – soll diskutiert werden. „In bestimmten Studienrichtungen kann das sinnvoll sein“, sagt Karl. „In Massenfächern oder in Studien wie der Biologie, in denen es um Laborplätze geht.“
Den Vorwurf, die Unis würden die Studieneingangsphasen zum „Knock-out“ – also zum Hinausprüfen der Studierenden – verwenden, will Karl nicht gelten lassen: „Die Notengebung kann ich natürlich nicht beeinflussen“, sagt die Ministerin. „Wir werden aber mit Experten beraten, welche Eckpunkte und Rahmenbedingungen wir gesetzlich vorgeben sollen und welche Spielräume die Unis bekommen.“ Generell würden die Studieneingangsphasen bisherigen Knock-out-Prüfungen eher entgegenwirken. „Knock-out-Prüfungen sind intransparent und ziehen sich oft quer durch das Studium. Studierende wissen nicht, wann das Knock-out erfolgt und nach welchen Kriterien. Bei fairen Auswahlverfahren ist dem nicht so“, sagt Karl.
Das Problem bei der neuen Regelung: Die Studenten verlieren – falls sie das Auswahlverfahren nicht bestehen – im schlimmsten Fall ein ganzes Studienjahr. Dass sofortige Eingangstests fairer und ökonomischer wären, will Karl aber nicht bestätigen: „Beide Konzepte haben Vorteile. Die Eingangsphase bietet die Möglichkeit, sich besser auf das Aufnahmeverfahren vorzubereiten.“
Erste Konzepte bereits im Oktober
Geeinigt haben sich SPÖ und ÖVP zeitgleich auf Zugangsbeschränkungen nach dem Notfallparagrafen im überlaufenen Publizistik-Studium (die „Presse“ berichtete). Die Anträge der WU Wien sowie für das Architekturstudium scheiterten am Widerstand der SPÖ. „Die SPÖ hat damit rasche Lösungen verhindert“, kritisiert Karl. Bei der Studieneingangsphase will sie dafür nun Druck machen: „Im Oktober soll ein Konzept vorliegen, weil die Unis entsprechend Zeit für die Umstellung brauchen.“
Dass die ÖVP im Abtausch zur Studieneingangsphase der von der SPÖ forcierten Ausweitung der Neuen Mittelschule zustimmt, weist Karl zurück. „Ich bin aber weiterhin bereit, mit Schmied über eine umfassende Bildungsreform zu diskutieren.“ Leitartikel S.27
■Uni-Zugang neu. Die Regierung hat sich auf neue Studieneingangsphasen geeinigt. Ab 2011 müssen Studienanfänger nach ein bis zwei Semestern ein Aufnahmeverfahren bestehen, um an der Uni bleiben zu dürfen. Detaillierte Konzepte will Ministerin Beatrix Karl (ÖVP) im Oktober vorlegen. Zustimmen wird die Bundesregierung auch dem Antrag auf Zugangsbeschränkung der überlaufenen Publizistikstudien an den Universitäten in Wien, Salzburg und Klagenfurt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2010)
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