Es wird sein letzter Auftritt für lange Zeit sein. Wenn Alexander Spritzendorfer am 29. August im Jazzclub Porgy & Bess auflegt, wird er den Auftritt genießen. Denn der 47-Jährige wird künftig deutlich weniger Zeit finden, auf der Bühne zu stehen – der Wahlkampf fordert seine Opfer.
Wenn Spritzendorfers Plan aufgeht, wird er nicht mehr abends am Plattenteller stehen, scratchen und Partystimmung (Stilrichtung: Clubmusic) verbreiten, sondern Regierungspolitik machen, Verkehrsprobleme lösen und betagten Pensionisten zum 100. Geburtstag gratulieren. Was nach den skurrilen Visionen eines durchgeknallten Künstlers klingt, hat einen realpolitischen Hintergrund: Seit dem Putsch gegen den Josefstädter Bezirkschef Heribert Rahdjian, einem der erfolgreichsten grünen Kommunalpolitiker Österreichs, ist der DJ und Ex-Musikproduzent als Kompromisskandidat zum Spitzenkandidat der Grünen in der bürgerlichen Josefstadt, dem achten Wiener Gemeindebezirk, aufgestiegen.
Und dort muss der Künstler, der bei seinem Plattenlabel Spray Records internationale Stars wie Kruder& Dorfmeister unter Vertrag hatte, mit Count Basic, Papermoon, Alkbottle und Unique2 ebenso zusammengearbeitet hat und auch die erste CD von Stermann und Grissemann (Salon Helga – 1994) produzierte, die Mehrheit der Grünen in der Josefstadt verteidigen – um der Bezirkspartei nach den internen Grabenkämpfen den prestigeträchtigen Job des Bezirkschefs zu retten. Gelingt Spritzendorfer die Verteidigung der grünen Mehrheit in der Hochburg des bürgerlichen Wiens, wäre die Josefstadt der erste Bezirk Europas, der von einem DJ regiert wird.
Ein grünes Urgestein. Spritzendorfer ist aber mehr als ein DJ und Ex-Musikproduzent, dessen Label 1999 aufgelöst wurde. Der Wiener ist Klubsekretär im Grünen Landtagsklub Niederösterreich, war Landesgeschäftsführer der Grünen Kärnten, wo er auch die Kärntner Wahlkampfleitung der Nationalratswahl 2006 leitete – und von seiner Wohnung in der Josefstadt jahrelang nach Klagenfurt pendelte.
Im Parlament knüpfte er 2003 Kontakte zu einer jungen Kultursprecherin, die seinen Einfluss heute über die Bezirks- und Stadtgrenzen von Wien hinaus ausgeweitet haben. Aus der Kultursprecherin Eva Glawischnig wurde die Bundessprecherin der österreichischen Grünen. Und auch mit Glawischnigs Vorgänger, Alexander Van der Bellen, verband Spritzendorfer ein ausgezeichnetes Verhältnis. Mit dem bekannten Produzenten Markus Spiegel organisierte der Musiker 2008 das Personenkomitee „Plattform für Alexander Van der Bellen“. Eine Freundschaft, die hält. Van der Bellen, dem Wiens Klubchefin Maria Vassilakou eine spezielle Rolle im Wiener Wahlkampf zugeschrieben hat (voraussichtlich wird der prominente Grüne in einem Wahlkreis antreten; er könnte bei einer Regierungsbeteiligung der Grünen ein Stadtratsamt übernehmen), hat bereits zugesagt, Spritzendorfer beim Wahlkampf auf Josefstädter Boden zu unterstützen. Die prominente Hilfe kann der Wiener, der bisher organisatorisch im Hintergrund agiert hatte und nun erstmals an der Spitze steht, dringend brauchen. Der breiten Öffentlichkeit ist Spritzendorfer unbekannt – SP und VP wittern ihre Chance, nachdem Funktionäre mit ausgeprägten Befindlichkeitsstörungen die Grünen in ihrem Hoffnungsbezirk in ein Chaos gestürzt haben. In Zahlen: Bei der Wien-Wahl 2005 lagen die Grünen mit 32,26 Prozent nur knapp vor der ÖVP (29 Prozent) und der SPÖ (28,58 Prozent). Es wird eng für den grünen Hoffnungsträger, der als Realo gilt.
Nelson Mandela als Vorbild. Für einen Bezirkspolitiker denkt Spritzendorfer groß und international. Er spricht von Nachhaltigkeit, vom Ende des Zeitalters fossiler Brennstoffe und über politische Vorbilder wie Bertha von Suttner, Nelson Mandela und Karl Seitz. Etwas kleiner, zugeschnitten auf Bezirksgröße, will der umgängliche Wiener die öffentlichen Räume (z. B. Parkplatzrückbau) den Menschen zurückgeben. Ein Konzept, das in Wien fast einem politischen Selbstmord gleichkommt. Widerstand? Davor fürchtet sich der Grüne nicht, weil man den Menschen auch unangenehme Wahrheiten sagen müsse – wie das Ende des fossilen Zeitalters, welche das Ende des Autoverkehrs im bisherigen Sinn bedeute. Spritzendorfer fürchtet sich auch nicht vor der eigenen Partei, die seinen Vorgänger unelegant abgesägt hat. Der Kulturmanager hat gelernt, mit schwierigen Charakteren umzugehen. Künstler und Politiker machen für ihn keinen Unterschied. Beide stehen auf der Bühne, beide wollen Anerkennung, beide neigen gelegentlich zu Starallüren, Dünnhäutigkeit. Das ist zumindest Erfahrung, die Spritzendorfer in Laufe seiner Karriere gemacht hat.
Torte statt Worte. Musik und Politik waren bei Spritzendorfer immer vernetzt: Als der legendäre Wiener FP-Chef Hilmar „Hump Dump“ Kabas getortet an einer Wiener Straßenecke stand (ein Unbekannter hatte Kabas während eines Interviews eine Torte ins Gesicht gedrückt – eine braune Schokotorte), reagierte Spritzendorfer mit der Austroband Drahdiwaberl mit dem Polit-Song „Torte statt Worte“.
Wie gut die Vernetzung des grünen Hoffnungsträgers in der Künstler- und Politszene ist, zeigte sich 2009. Als Spritzendorfer auf der grünen Landesversammlung um ein Ticket auf der Gemeinderatsliste kämpfte, trat eine Phalanx an prominenten Unterstützern auf: Boris Bukowski wünschte „viel Erfolg“, Freda Meissner-Blau freute sich über die Kandidatur; Timna Brauer sprach von einem „idealen Vertreter“.
Den Sprung auf einen sicheren Listenplatz schaffte Spritzendorfer nicht. Dafür haben ihn innerparteiliche Querelen überraschend an die Spitze der Josefstädter Grünen gespült – als Hoffnungsträger von Maria Vassilakou, Alexander Van der Bellen und Eva Glawischnig.
Politkarriere. Spritzendorfer war Referent von Eva Glawischnig im Parlament (2003), Landesgeschäftsführer der Kärntner Grünen (2004), Klubsekretär im NÖ-Landtag, Organisator des Personenkomitees für Alexander Van der Bellen (2008).
Musikproduzent. 1986 gründete er „Spray Records“ (1999 aufgelöst). Er arbeitete mit Kruder & Dorfmeister, Count Basic, Grissemann & Stermann, Harri Stojka, Opus zusammen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2010)
Historische Präsidentenwahl ''Mubarak-Überbleibsel'' vs. Islamisten
Auch Politiker waren einmal jung Erkennen Sie die Politiker auf Ihren Kinderfotos?
Mein Parlament Alle Nationalrats-Abgeordneten im Überblick - Stellen Sie Ihnen hier direkt Ihre Fragen!
Eklats im Parlament Prügeleien, Partys, Stinkefinger
Politiker beim Sport Kicken & kämpfen für das Foto
Zitate der Woche ''Ich bin ein Antifaschist reinsten Wassers''