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Der Patient geht online: Mega-Datenbanken im Aufbau

23.09.2010 | 18:19 |  CLAUDIA DANNHAUSER (Die Presse)

Mit der E-Medikation wird die medizinische Behandlung auch abseits der Administration digital. Was nicht unumstritten ist. Mit Anfang Dezember startet vorerst nur eine Probephase.

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WIEN. Mit moderner Kommunikation hat die medizinische Versorgung bisher wenig zu tun und wenn, dann großteils nur auf freiwilliger Basis und für administrative Zwecke. Theoretisch kann ein Patient zu mehreren Fachärzten gehen, ohne dass die jeweiligen Behandler davon wissen oder Nutzen daraus ziehen. So kommt es zu teuren Doppeluntersuchungen, mitunter auch zur Vergeudung wertvoller Zeit bei der Behandlung. Das zu ändern ist einer der Beweggründe für das Megaprojekt E-Health. Doch nicht alle sind restlos davon begeistert. Die Angst vor einem Missbrauch der Daten ist ebenso vorhanden wie vor teuren Monopolsystemen oder sinnloser Bürokratie.

Dabei geht man die Digitalisierung der Patienten hierzulande ohnehin langsam an. Die 8,58 Millionen E-Cards dienen prinzipiell nur der Kontrolle, dass ein Patient versichert ist. Am bisher stärksten Tag in der Geschichte der E-Card wurde sie für diesen Zweck immerhin 629.150 Mal in den Kartenleser gesteckt. Online tätigt der Kassenarzt – mehr als 11.000 sind dazu in der Lage – auch die Abrechnung, die Krankmeldung oder das Einholen von Chefarzt-Bewilligungen. Zusätzlich sind derzeit 71 Apotheken und 125 Krankenanstalten am E-Card-Netz. Und seit Jahren wird auch am elektronischen Gesundheitsakt (Elga) gebastelt, der, vereinfacht gesagt, die gesamte Lebenskrankengeschichte eines Menschen abrufbar machen soll.

 

Ab Dezember Probebetrieb

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Mit Anfang Dezember startet vorerst nur die Probephase für die E-Medikation. Drei Regionen wurden ausgewählt: der 22.Bezirk rund ums Wiener SMZ-Ost, der Tiroler Westen zwischen Reutte und Zams sowie in Oberösterreich das Gebiet um Wels und Grieskirchen. Teilnehmen sollen jeweils 100 Ärzte, 30 Apotheken und ein Krankenhaus. Sinn ist, die Medikamenteneinnahme nebenwirkungsfrei zu gestalten. Schließlich kann schon ein einfaches Aspirin in Kombination mit anderen Medikamenten schädlich sein. Die Krankenkassen erhoffen sich von der strikten Kontrolle aber auch Einsparungen. Zusatzkosten können durch die Behandlung von Folgeschäden aufgrund von Fehlmedikation entstehen. Außerdem soll die Zahl der verschriebenen, also bezahlten, aber nicht geschluckten Medikamente enorm sein. Exakte Daten dazu fehlen allerdings.

Geht alles gut, ist schon Ende 2011 ein österreichweiter Rollout geplant, wobei die Hauptzielgruppe chronisch Kranke und Ältere mit dauerhaftem Medikamentenbezug sind. In die Datenbank sollen 8000 rezeptpflichtige und 350 frei verkäufliche, aber wechselwirkungsrelevante Medikamente.

 

Machen alle Ärzte mit?

Der große Unsicherheitsfaktor für die E-Medikation ist die Beteiligung der Ärzte. Für Volker Schörghofer, den im Hauptverband der Sozialversicherungsträger für die IT-Entwicklung zuständigen Geschäftsführer, ist klar, dass es nur ein Recht für die Patienten und eine Pflicht für die Ärzte sein kann: „Sonst ist das Recht für die Patienten ja gar nicht umsetzbar.“ Gesetzliche Handhabe hat man dafür allerdings (noch) keine. So kann Schörghofer nur hoffen, dass die Ärzte hinter dem Projekt stehen. Artur Wechselberger, Vizepräsident der Ärztekammer und Projektkoordinator für die E-Medikation, steht dem Ganzen positiv gegenüber. Euphorie kommt dennoch keine auf. Wechselberger geht die Sache nämlich zu schnell voran. Er hätte gerne mehr Vorbereitungszeit. „Es gibt schließlich keine einheitliche Software für Arztpraxen.“ Jeder Anbieter müsste eigene Module implementieren. Und das dauert eben.

In der Pilotphase übernimmt der Hauptverband die Kosten dafür (etwa 3,2 Millionen Euro). Beim österreichweiten Rollout ist das nicht vorgesehen. Was die Vorfreude beträchtlich mindert. Die Frage nach Kosten und Nutzen schürt neben der Datenschutzfrage auch die Skepsis am großen E-Health-Projekt. „Mir fehlt die Begründung, wozu das Ganze gut sein soll“, sagt Wechselberger. Er kenne zwar einige Patienten, die akribisch alle ihre Befunde aufbewahren, aber: „Für die Behandlung hat das per se keine Relevanz.“ 90 Prozent von dem, was man da sammeln wolle, sei irrelevante Historie. Und um für den Arzt sinnvolle Vergleichswerte zu dokumentieren, müsste man erst genaue Kriterien festlegen.

Was Schörghofer naturgemäß anders sieht. Er arbeitet seit Jahren am Aufbau der gigantischen Datenbänke. Der Hauptverband ist derzeit dabei, einen Patientenindex zu erstellen, durch den eine eindeutige Identifizierung möglich ist. Die Kassen haben in etwa elf Millionen Personen gespeichert, für die ärztliche Leistungen in Österreich erbracht wurden – darunter Grenzgänger und Urlauber. Anspruchsberechtigt sind nur 8,4 Millionen Versicherte.

 

Eingeschränkter Zugriff

Der Bund erstellt zeitgleich einen Ärzteindex, der die jeweilige Qualifikation und die daraus resultierende Zugriffsebene enthalten soll. Einem Notfallarzt stünden beispielsweise mehr Daten offen als einem Facharzt. Ist beides fertig, kann E-Health an den Start gehen. Ein Arzt greift dann per elektronischem Ausweis auf den Patientenindex zu und kann, wenn ihm der Patient es erlaubt, z. B. Röntgenbilder oder Laborbefunde abrufen.

AUF EINEN BLICK

Digitale Kommunikation soll in den nächsten Jahren den Patienten bessere Behandlungen und den Kassen weniger Kosten bringen. Gestartet wird im Dezember mit einem Pilotprojekt zur E-Medikation, das schädliche Wechselwirkungen vermeiden soll. Darüber sind sich Ärzte und Hauptverband auch weitgehend einig. Über Sinn und Dimension des weiteren Ausbaus von E-Health wird hingegen noch diskutiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2010)

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10 Kommentare
0 0

Verfolge e-medikation und ELGA seit langer Zeit!

Hoffen, dass es rasch kommt!
www.krebspatient.at

Morgen Mittwoch große Nachmittags-Info-Veranstaltung darüber: s. www.krebsforum.at unter Veranstaltungen!


Gast: Totalverweigerer
24.09.2010 11:40
0 0

Paranoid

genug kann man gar nicht sein. ich persoenlich werde an diesem wahnsinn sicher nicht teilnehmen. dies ist durch privatversicherung moeglich, die alle medikamente, etc., bezahlt, ohne dass GKK, etc., involviert sind. daher bin ich nicht auf's untertraeglich schlechte und arrogante oeffentliche system (das sowieso abgeschafft gehoert - versicherungspflicht statt pflichtversicherung!!!) angewiesen. diese regierung tritt die rechte der buerger mit fuessen und sollte dafuer endlich abgestraft werden.

Odin
24.09.2010 11:07
1 0

Guter Ansatz

Gewisse Daten auf der e-Card zu speichern fände ich ganz gut.
z.B. Allergien, Medikamentunverträglichkeiten, chronische Krankheiten (z.B.: Diabetes, Facialis Lähmungen, ...), Impfstatus, OPs und andere für Diagnosen/Therapien wesentliche Eckdaten

Ein behandelnder Arzt (oder sogar Notarzt) könnte so effizienter und risikominimiert eine geeignete Medikation auswählen. Ebenso kann der Patien auf fällige Impfungen z.B. Tetanus hingewiesen werden (wer schaut schon regelmäßig in seine Impfkarte, bzw lässt sie regelmäßig kontrollieren?)
Im Falle eines Notfalls könnt es doch leicht sein, dass man aufgrund der Situation den Arzt gar nicht auf Allergien/Unverträglichkeiten hinweisen KANN. Die Folgen könnten fatal sein!

Wie weit das missbräulich verwendet werden kann, wage ich nicht zu beurteilen. Ebensowenig will ich ein Aussage darüber treffen, ob dies den "Arzt-Tourismus" bzw die "e-Card für die ganze Verwandtschaft" verhindern könnte.

Was das Unternehmern bei der Personalauswahl helfen soll (siehe Posting von Gast:Gast 24.09.2010 00:22), ist mir allerdings unverständlich. Wer an ehrlicher Arbeit interessiert ist, wird sich wohl kaum für eine Position bewerben, für die er/sie aus gesundheitlichen Gründen nicht geeignet ist. Lediglich Sozialschmarotzer setzen sich auf deratige Posten um dann fröhlich permanent krank zu feiern und dem Unternehmen die Schuld dafür zu geben!

Gast: alos
24.09.2010 09:50
1 0

beobachtung

anhand der kommentare diagnostiziere ich jetzt einmal bei jedem 2ten mittelschwere paranoia - bitte auf der e-card vermerken !!

Gast: CCimre
24.09.2010 09:19
1 0

Was ist denn das für eine Pluralform?

"Datenbänke?"

Antworten Gast: Dudi
24.09.2010 09:51
0 0

Re: Was ist denn das für eine Pluralform?

Klar doch!
Das sind die "Bänke" auf denen im Park die Daten sitzen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, wenn sie, des Speicherns müde geworden, aus den "Daten"-Banken gekommen sind...

Gast: anderer Gast
24.09.2010 07:35
0 0

opt-out

Die eMedikation genauso wie ELGA erlauben das opt-out durch den Benutzer. So kann der Patient Teile oder auch den gesamten Krankenakt/die Medikationsliste für alle Benutzer des Systems ausblenden lassen.
Zusätzlich hat jeder Bürger die Möglichkeit über ein Portal in die Protokolldaten Einsicht zu nehmen (wer hat meine Daten wann betrachtet). Ein Arzt darf zB nur dann Einsicht nehmen, wenn er im direkten Betreuungsverhältnis steht.

Antworten diogenes
27.09.2010 17:10
0 0

Re: opt-out und sicher gibt es einen Administrator, der diese Sperre wieder aufhebt

Das opt-out ist nur durch einen Karten-Schredder gesichert, wenn es auf der Karte gespeichert ist. Wenn es aber im System gespeichert ist hilft nur eine 500 kg Bombe!

Gast: Gast
24.09.2010 00:22
2 0

tolle Sache, die Totalüberwachung

Das wird fein: wenn man weiss, wie leicht die Daten abrufbar sind und man weiss, dass irgendwer immer bestechlich ist, weiss man auch, wie Arbeitgeber in der Zukunft zu Entscheidungshilfen kommen werden.

just4fun
23.09.2010 20:40
3 1

endlich

einerseits kann man damit sicherlich kosten für doppeluntersuchungen einsparen, aber der wichtigste punkt ist sicherlich der überblick über medikamente.
gerade bei alten leuten ist das ja oft schon eine gewaltige menge, was ja oft genug zu schweren nebenwirkungen führt und manchmal ja auch schon mal zum tod. so kann man zumindest hoffen dass sich die ärzte kurz zeitnehmen bevor sie etwas neues verschreiben und nachschauen was der patient bereits bekommt.

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