WIEN. Mit moderner Kommunikation hat die medizinische Versorgung bisher wenig zu tun und wenn, dann großteils nur auf freiwilliger Basis und für administrative Zwecke. Theoretisch kann ein Patient zu mehreren Fachärzten gehen, ohne dass die jeweiligen Behandler davon wissen oder Nutzen daraus ziehen. So kommt es zu teuren Doppeluntersuchungen, mitunter auch zur Vergeudung wertvoller Zeit bei der Behandlung. Das zu ändern ist einer der Beweggründe für das Megaprojekt E-Health. Doch nicht alle sind restlos davon begeistert. Die Angst vor einem Missbrauch der Daten ist ebenso vorhanden wie vor teuren Monopolsystemen oder sinnloser Bürokratie.
Dabei geht man die Digitalisierung der Patienten hierzulande ohnehin langsam an. Die 8,58 Millionen E-Cards dienen prinzipiell nur der Kontrolle, dass ein Patient versichert ist. Am bisher stärksten Tag in der Geschichte der E-Card wurde sie für diesen Zweck immerhin 629.150 Mal in den Kartenleser gesteckt. Online tätigt der Kassenarzt – mehr als 11.000 sind dazu in der Lage – auch die Abrechnung, die Krankmeldung oder das Einholen von Chefarzt-Bewilligungen. Zusätzlich sind derzeit 71 Apotheken und 125 Krankenanstalten am E-Card-Netz. Und seit Jahren wird auch am elektronischen Gesundheitsakt (Elga) gebastelt, der, vereinfacht gesagt, die gesamte Lebenskrankengeschichte eines Menschen abrufbar machen soll.
Ab Dezember Probebetrieb
Doch das ist noch Zukunftsmusik. Mit Anfang Dezember startet vorerst nur die Probephase für die E-Medikation. Drei Regionen wurden ausgewählt: der 22.Bezirk rund ums Wiener SMZ-Ost, der Tiroler Westen zwischen Reutte und Zams sowie in Oberösterreich das Gebiet um Wels und Grieskirchen. Teilnehmen sollen jeweils 100 Ärzte, 30 Apotheken und ein Krankenhaus. Sinn ist, die Medikamenteneinnahme nebenwirkungsfrei zu gestalten. Schließlich kann schon ein einfaches Aspirin in Kombination mit anderen Medikamenten schädlich sein. Die Krankenkassen erhoffen sich von der strikten Kontrolle aber auch Einsparungen. Zusatzkosten können durch die Behandlung von Folgeschäden aufgrund von Fehlmedikation entstehen. Außerdem soll die Zahl der verschriebenen, also bezahlten, aber nicht geschluckten Medikamente enorm sein. Exakte Daten dazu fehlen allerdings.
Geht alles gut, ist schon Ende 2011 ein österreichweiter Rollout geplant, wobei die Hauptzielgruppe chronisch Kranke und Ältere mit dauerhaftem Medikamentenbezug sind. In die Datenbank sollen 8000 rezeptpflichtige und 350 frei verkäufliche, aber wechselwirkungsrelevante Medikamente.
Machen alle Ärzte mit?
Der große Unsicherheitsfaktor für die E-Medikation ist die Beteiligung der Ärzte. Für Volker Schörghofer, den im Hauptverband der Sozialversicherungsträger für die IT-Entwicklung zuständigen Geschäftsführer, ist klar, dass es nur ein Recht für die Patienten und eine Pflicht für die Ärzte sein kann: „Sonst ist das Recht für die Patienten ja gar nicht umsetzbar.“ Gesetzliche Handhabe hat man dafür allerdings (noch) keine. So kann Schörghofer nur hoffen, dass die Ärzte hinter dem Projekt stehen. Artur Wechselberger, Vizepräsident der Ärztekammer und Projektkoordinator für die E-Medikation, steht dem Ganzen positiv gegenüber. Euphorie kommt dennoch keine auf. Wechselberger geht die Sache nämlich zu schnell voran. Er hätte gerne mehr Vorbereitungszeit. „Es gibt schließlich keine einheitliche Software für Arztpraxen.“ Jeder Anbieter müsste eigene Module implementieren. Und das dauert eben.
In der Pilotphase übernimmt der Hauptverband die Kosten dafür (etwa 3,2 Millionen Euro). Beim österreichweiten Rollout ist das nicht vorgesehen. Was die Vorfreude beträchtlich mindert. Die Frage nach Kosten und Nutzen schürt neben der Datenschutzfrage auch die Skepsis am großen E-Health-Projekt. „Mir fehlt die Begründung, wozu das Ganze gut sein soll“, sagt Wechselberger. Er kenne zwar einige Patienten, die akribisch alle ihre Befunde aufbewahren, aber: „Für die Behandlung hat das per se keine Relevanz.“ 90 Prozent von dem, was man da sammeln wolle, sei irrelevante Historie. Und um für den Arzt sinnvolle Vergleichswerte zu dokumentieren, müsste man erst genaue Kriterien festlegen.
Was Schörghofer naturgemäß anders sieht. Er arbeitet seit Jahren am Aufbau der gigantischen Datenbänke. Der Hauptverband ist derzeit dabei, einen Patientenindex zu erstellen, durch den eine eindeutige Identifizierung möglich ist. Die Kassen haben in etwa elf Millionen Personen gespeichert, für die ärztliche Leistungen in Österreich erbracht wurden – darunter Grenzgänger und Urlauber. Anspruchsberechtigt sind nur 8,4 Millionen Versicherte.
Eingeschränkter Zugriff
Der Bund erstellt zeitgleich einen Ärzteindex, der die jeweilige Qualifikation und die daraus resultierende Zugriffsebene enthalten soll. Einem Notfallarzt stünden beispielsweise mehr Daten offen als einem Facharzt. Ist beides fertig, kann E-Health an den Start gehen. Ein Arzt greift dann per elektronischem Ausweis auf den Patientenindex zu und kann, wenn ihm der Patient es erlaubt, z. B. Röntgenbilder oder Laborbefunde abrufen.
■Digitale Kommunikation soll in den nächsten Jahren den Patienten bessere Behandlungen und den Kassen weniger Kosten bringen. Gestartet wird im Dezember mit einem Pilotprojekt zur E-Medikation, das schädliche Wechselwirkungen vermeiden soll. Darüber sind sich Ärzte und Hauptverband auch weitgehend einig. Über Sinn und Dimension des weiteren Ausbaus von E-Health wird hingegen noch diskutiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2010)
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