Ein wirklich starker Auftritt in der Pressestunde Herr Bundeskanzler!, freut sich User „Jeremias Aeternus“ auf Facebook. Ich entnehme neue rhetorische Entwicklungen bei ihnen. Harte und klare Position, abwechslungsreiche und volksnahe Sprachmelodie! Hat mir sehr gefallen!, schreibt er über die ORF-„Pressestunde“ vom 19. Dezember 2010.Wia kann ma leih so gegen die studiengebühren sein? in alle anderen ländern gibt es sie, erregt sich hingegen ein anderer jugendlicher User.
Dies sind zwei – orthografisch nicht sehr begabte – Fans von insgesamt 1500, die „Werner Faymann“ im sozialen Netzwerk schon gesammelt hat. Allerdings: Die „Faymann“-Facebook-Seite ist ein Fake.
Doch bald schon soll der Kanzler eine echte Facebook-Seite bekommen. Seine bisherige Pressesprecherin Angelika Feigl wird den Bereich Neue Medien im Kanzleramt aufbauen. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, sagt sie. Der Kanzler sei ganz Feuer und Flamme für die Idee. Künftig soll er via Facebook, Twitter und Videoblog mit dem Volk kommunizieren. Gerade auch im Hinblick auf die Nationalratswahlen 2013. Auch an Reise-Blogs oder die Übertragung von Live-Auftritten ist gedacht. Im Mai soll der Kanzler online gehen. Als Benchmark dient der erfolgreiche Facebook-Auftritt von SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas.
Ebenfalls (noch) nicht auf Facebook ist Faymanns Regierungpartner Josef Pröll. Den Internet-Auftritt des ÖVP-Vizekanzlers erledigt dessen Pressesprecher Daniel Kapp auf seinem Facebook-Account mit.
„In Österreich haben Politiker bisher relativ wenig über Facebook und Co. kommuniziert – doch mittlerweile haben sie langsam die Bedeutung erkannt. Wobei Oppositionspolitiker weit besser vertreten sind als Regierungspolitiker“, sagt Josef Barth. Der Neue-Medien-Experte war im vergangenen Bundespräsidentschaftswahlkampf von Heinz Fischer für dessen Social-Media-Kampagne engagiert worden. Man betrat damit politisches Neuland in Österreich – nicht nur für einen 72-Jährigen eine neue Erfahrung. Doch der Bundespräsident schlug sich wacker. Bereits seine Wiederkandidatur-Ankündigung wurde via Internet-Auftritt lanciert. Fortan trat er mit den Wählern mittels Facebook, Twitter, YouTube und Flickr in Kontakt. „Wir haben mit Fischer viel über Videos gemacht“, erzählt Barth. Das sei seiner Persönlichkeit sehr entgegengekommen.
Umgehende Kritik verträgt nicht jeder
Politiker müssten sich auf die Neuen Medien einlassen, findet Barth. Und das sei nicht immer ganz einfach. „Da ist die Angst vor dem Kontrollverlust. Jeder kommentiert sofort zurück. Das muss man erst einmal vertragen.“ Zudem dürften Realität und Inszenierung nicht zu weit auseinanderklaffen, denn die User, Poster und Facebook-Freunde würden das sofort erkennen und seien da gnadenlos. Und noch einen Tipp hat Barth parat: „Die Wirkung von Social Media braucht Zeit. Wer erst im Wahlkampfjahr 2013 damit beginnt, ist eindeutig zu spät dran.“ Das dürfte sich auch Werner Faymann gedacht haben.
Heinz-Christian Strache ist schon einen Schritt weiter. „Wir sind den anderen Politikern um Lichtjahre voraus“, sagt er selbst, „das können sie auch online nicht aufholen.“ 5000 persönliche Freunde hat er auf seiner privaten Seite – mehr sind dort nicht erlaubt. Und er ist jener österreichische Politiker, dessen Fanseite auf Facebook die meisten Unterstützer hat: Knapp 78.000 tummeln sich dort. „Im deutschen Sprachraum bin ich jener Politiker, der am meisten Fans hat“, sagt der FPÖ-Chef. Selbst Polit-Popstar Karl-Theodor zu Guttenberg kommt bisher auf „nur“ 56.000 Fans. Apropos Popstar: Strache liebt Falco, Coldplay und Paul Kalkbrenner – wie er auf seiner Facebook-Seite verrät. Weitere Favoriten: Stefan Aust (Kategorie Buch), „Braveheart“ und „Keinohrhasen“ (Film).
Ob ein Facebook-Auftritt mehr Wähler bringe? „Heutzutage ist es üblich, dass man einen Eindruck hinterlässt im Internet“, so Strache. Den Großteil der Einträge „erledigt“ freilich der IT-Leiter der FPÖ, Joachim Stampfer: „Wir wollen Inhalte transportieren, und Facebook ist eine wertvolle zusätzliche Marketingschiene – und kostenlos.“
Zu den Vorreitern im Internet gehören auch die Grünen – sie haben auf diese Weise jüngst ihre Wiener Vorwahlen organisiert. Auf Twitter seien immer wieder gleich mehrere Grün-Politiker unter den österreichischen Top-100-Autoren, freut sich Grünen-Sprecher Reinhard Pickl-Herk.
Und auf Facebook seien – neben einer Fanseite über Parteichefin Eva Glawischnig und über die Grünen als Partei – ebenfalls zahlreiche Abgeordnete, Landes- und Regionalpolitiker präsent. Über die Marathon-Rede von Werner Kogler im Parlament hat Karl Öllinger live auf Facebook im Ticker berichtet. „Allein das hat ihm 500 neue Fans eingebracht“, sagt Pickl-Herk. Die Abgeordneten betreuen ihre Facebook-Accounts selbst, für Glawischnig und für die Parteiseite ist aber ein Mitarbeiter abgestellt. Aktueller Eintrag auf der Glawischnig-Fan-Seite: Eva Glawischnig & Tanja Windbüchler stellen fest: Kinderrechte steht auf der Verpackung, tatsächlich fehlen alle wichtigen Bestandteile der UNO. Wieder einmal ein klassischer Fall von Fassadenverschönerung.
Philosophischer geht es ÖAAB-Generalsekretär Lukas Mandl an: Die Zustände sind stärker als die Ereignisse, die Zeugung ist schneller als der Tod, die Menschen schaffen mehr, als sie zerstören“ (Manès Sperber). Heinz-Christian Strache gibt sich gewohnt salopp. Sein Eintrag vom Freitag: IN BED WITH SPACE – Star DJ & Grammy Gewinner David Morales live in Wien (Pyramide Vösendorf – Sa, 22.01 ab 21 Uhr). Ich bin auch dabei. Wir sehen uns beim Clubbing ;-).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2011)
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