Schwarze Familienaufstellung – die Pröll-Partei

01.04.2011 | 18:29 |  OLIVER PINK UND THOMAS PRIOR (Die Presse)

ÖVP.Trotz aktueller Kritik ist Josef Pröll als Chef unumstritten wie kaum einer seiner Vorgänger. Ein Einblick in das Beziehungsgeflecht der Volkspartei.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Wien. Auch wenn nun dort und da ein Grummeln zu vernehmen ist, mitunter sogar Kritik – so unumstritten wie Josef Pröll war in der ÖVP schon lange kein Parteichef mehr. Selbst Wolfgang Schüssel nicht, der auch in seinen Glanzzeiten Teile des Arbeitnehmerflügels gegen sich hatte.

Der umgängliche Josef Pröll hatte seine Partei bisher gut im Griff. Seine engsten Mitstreiter waren schon in der Perspektivengruppe an seiner Seite: Klubchef Karlheinz Kopf, ein Wirtschaftsbündler, und Fritz Kaltenegger, wie Pröll ein Bauernbündler. Logisch, dass die beiden Pröll nun auch während seiner Rehab vertreten. Gemeinsam mit Innenministerin Maria Fekter, die auf den ersten Blick wenig mit Pröll gemein hat, für ihn jedoch eine wichtige Figur im innerparteilichen Machtgefüge ist. Pröll schätzt die resche Juristin, nicht umsonst ist Fekter auch Regierungskoordinatorin auf ÖVP-Seite.

Zu diesem engsten Kreis gesellen sich als wichtige Berater noch sein Kabinettschef Martin Hauer und sein „Spindoktor“ Daniel Kapp, Prölls langjähriger Sprecher.

Auch seine Ministerkollegen hat sich Josef Pröll 2008 mehr oder weniger selbst ausgesucht. Wobei er gegenüber Justizministerin Claudia Bandion-Ortner, die immer wieder als Ablösekandidatin genannt wird, überaus loyal ist. Eben erst wurde ihr der bisherige Kommunikationschef der Bundes-ÖVP, Gerald Fleischmann, als medialer Troubleshooter zur Seite gestellt. Mittlerweile skeptisch beäugt werden vom Pröll-Zirkel die gerne als „Lippizaner“ titulierten Minister Michael Spindelegger (Äußeres) und Reinhold Mitterlehner (Wirtschaft). Beide gelten als umtriebig und ehrgeizig – beiden werden Ambitionen für den Chefsessel nachgesagt.

Dabei sind auch sie nicht frei von Kritik: Spindelegger steht im Verdacht, das Außenamt nicht immer als prioritär zu betrachten. Denn nebenher – oder hauptamtlich? – ist er auch noch Obmann des ÖVP-Arbeitnehmerbundes ÖAAB, der mit Konzepten zu allerlei Themen regelmäßig ins Rampenlicht drängt.

Mitterlehner wiederum steht seit einiger Zeit in Konflikt mit Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl, dem er viele Jahre als Generalsekretär gedient hatte. Dem Vernehmen nach soll es „Auffassungsunterschiede“ zwischen den beiden gegeben haben. Leitl, selbst immer wieder als Kandidat für die Parteispitze genannt, hatte Mitterlehner einst in die Regierung reklamiert.

 

Abgekühltes Verhältnis zum Onkel

Und dann wäre da natürlich noch der Onkel. Auch wenn das Verhältnis des niederösterreichischen Landeshauptmanns Erwin Pröll zu seinem Neffen zuletzt deutlich abgekühlt ist – nicht zuletzt wegen der verhinderten Bundespräsidentschaftskandidatur –, wird sich Josef Pröll, wenn es hart auf hart gehen sollte, auf seinen Anverwandten verlassen können. Auch jetzt, da der Neffe auf Rehabilitation ist, hat sich Erwin Pröll jede Stellungnahme zum Zustand der ÖVP verbeten.

Für ein wenig Unruhe in den Reihen der Volkspartei sorgt hingegen der immer wieder einmal hochkochende Konflikt zwischen Erwin Pröll und dem Seniorenbund-Obmann Andreas Khol. Die beiden richten einander gerne Nettigkeiten über die Medien aus.

Mit den übrigen Landesparteivorsitzenden kann Josef Pröll gut. Der Tiroler Günther Platter und der Steirer Hermann Schützenhöfer schickten dieser Tage Solidaritätsadressen aus. Nur der Oberösterreicher Josef Pühringer ließ Kritik anklingen. Er wolle ein ernstes Wort mit der Parteiführung reden, wenn Josef Pröll wieder da sei, denn die ehrenamtlichen Funktionäre seien wegen der Affäre Strasser „wütend und zornig“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

9 Kommentare

Auch irgendwie ein Antwortvideo ...

... nach Dr. Ernst Strasser ein weiteres Videobeweisstück der britischen Undercover Reporter
http://www.youtube.com/watch?v=1KbTiRAF1u4

ohne Fekter wäre die Partei schon längst tot

Keine andere Politikerin ausserhalb der Freiheitlichen versteht es die berechtigten Ängst des Volkes überzeugend zu vertreten.
Mir fällt KEIN einziger VPler ein, dem das WOhl der Bürger näher steht !
Zieht man sich auch nur die veröffentlichten Parlamentssitzungen rein, weiss man spätestens dann für wen das Pröllherz samt Anhänger wirklich schlägt !

Gast: gastnametestus
02.04.2011 13:16
2

.

Pröll und Faymann sind die Personifizierung der Masseverwaltung anstatt Gestaltung

Gast: Novalis
02.04.2011 02:04
3

Das wichtigste Verdienst von Pröll blieb unerwähnt :

In der letzten Wahlumfrage ist es ihm endlich gelungen, die SPÖ von Platz 1 zu stürzen. (In wahrer Selbstaufopferung hat er sich geopfert und in freiem Fall mitgerissen - die ÖVP rangiert jetzt auf Platz 3.) Platz 1 (mit null Eigenleistung) : FPÖ.
(Achtung : Ironie)

---

Wie man einen Artikel über die ÖVP schreiben kann, ohne zu erwähnen, dass sie einen noch nie dagewesenen Absturz in Bezug auf Seriosität, Sachkompetenz, Glaubwürdigkeit und Wählerakzeptanz vollführt, ist mir schleierhaft.

Man möge nur schauen, wie in Foren hier und im Standard die ÖVP zunehmend als Österreichische Valotten (bzw. Verbrecher) Partei buchstabiert wird - ohne dass dies nennenswerten Widerspruch findet.

Möglicherweise ist die nächste Regierung wieder eine Große Koalition. Und die ÖVP sitzt dann als Kleinpartei in der Opposition.

Und Ferry Maier wird wieder ätzen : "Die ÖVP hat souverän den Einzug ins Parlament geschafft."

Re: Das wichtigste Verdienst von Pröll blieb unerwähnt :

Schön auf den Punkt gebracht.

Anm.: der umgangssprachliche Ausdruck für Gauner schreibt sich mit "F": Fallott

http://de.wiktionary.org/wiki/Falott

Es darf sich also tatsächlich eine andere Partei über einen - ist ja "part of the game" - daraus abgeleiteten Kosenamen freuen.

Re: Re: Das wichtigste Verdienst von Pröll blieb unerwähnt :

oh je, das Glashaus: und nur einem "l"...

Antworten Gast: Sumsi die Raiffeisen Biene
02.04.2011 10:39
0

Ferry

der alte Präpotenzler, der sich eine Partei namens ÖVP hält, sollte sein Beserl gefälligst vor seiner eigenen Tür schwingen. Noch dazu, wo gar nicht sicher ist, ob nicht Raiffeisen auf Kosten der Steuerzahler saniert worden ist.

Josef Pröll:

ist vielmehr der Untergang dieser Partei, warum liebe Schreiber diese Lobhudeleien, laufen doch der ÖVP scharenweise die Wähler davon.

Gast: Lukas
01.04.2011 21:21
6

die Realität sieht anders aus

so blauäugig wie in diesem Artikel dargestellt war die Akzeptanz von Josef Pröll in der Partei durchaus nicht. Wenn hier von Schützenhöfers Solidarität gefaselt wird, so erinnere ich mich gut an die Aussagen Schützenhöfers der keinesfalls eine Koalition mit Faymann wollte. Es war schon damals von Parteispaltung die Rede. Viele Parteiaustritte in der Steiermark waren die unmittelbare Folge. Die Pröll's sind ein Produkt der Niederösterreicher und die Selbstherrlichkeit eines Erwin Pröll ist den Steirern noch in unguter Erinnerung. Nicht zuletzt war die sture Haltung des Erwin Pröll beim Semmeringtunnel mit ein Grund, daß Waltraud Klassnik die Wahl verloren hat. Schützenhöfer hatte mit seiner Vorahnung Recht. Die ÖVP wird es bezahlen müssen einen Faymann zum Kanzler gemacht zu haben. Aber bei der armseligen Personalstruktur, die die ÖVP jetzt auszeichnet ist wohl nicht mehr zu erwarten. Fähige Leute wie Schüssel haben die ewig gestrigen, machtgeilen Hardliner in der ÖVP abgesägt und jetzt ist das Licht aus.

Umfrage

Mein Parlament

AnmeldenAnmelden