Viel Zeit habe er heute nicht, sagt Karlheinz Töchterle. Erst vor wenigen Stunden ist er mit der Morgenmaschine aus Brüssel zurückgekehrt, den vereinbarten Fototermin am Michaelerplatz in der Wiener Innenstadt packen seine Mitarbeiter kurzerhand zwischen zwei andere Termine. Die dortigen archäologischen Ausgrabungen sind es, vor denen sich der neue Wissenschaftsminister eigentlich fotografieren lassen sollte. Eigentlich. Denn ganz zufrieden zeigt sich Töchterle mit der Wahl des Schauplatzes dann doch nicht.
Das alles sehe zu sehr nach Mittelalter und zu wenig nach Antike aus, sagt er mit einem kurzen Blick auf die freigelegten Mauerreste, die tatsächlich nicht nur von einer römischen Lagervorstadt stammen, sondern auch vom mittelalterlichen Witmarkt, dem heutigen Kohlmarkt. Keine geeignete Szenerie für einen Altphilologen also. Töchterles Wunschziel: der Theseustempel im Volksgarten – eine Nachbildung des berühmten Theseions in Athen. Für den kurzen Fußmarsch nimmt er sich dann doch die Zeit. Nicht nur hier, sondern fast überall in Wien treffe man auf die Antike, sagt Töchterle und zeigt wie zum Beweis auf die Wandfresken an einem Haus. „Die Antike ist das unhintergehbare Fundament unserer Kultur.“
Einblick in eine fremde Welt. Die Debatte um dieses Fundament ist es auch, in der Töchterle jetzt erstmals mit einem Angriff auf den Koalitionspartner SPÖ auf sich aufmerksam macht: Als Wiens Bürgermeister Michael Häupl in der Vorwoche in einer Boulevardzeitung laut darüber nachdachte, ob Latein denn überhaupt noch zum „Repertoire ausgebildeter junger Menschen“ gehöre, und sich damit implizit für die Abschaffung des Schulfachs Latein aussprach, musste Töchterle reagieren. Vor seinem Einstieg in die Politik vor wenigen Wochen und seinem Rektorsamt an der Uni Innsbruck war der parteifreie Tiroler der Leiter des Bereichs Latinistik sowie Studienleiter der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät seiner Universität. Erst seit dem Wechsel von Beatrix Karl ins Justizressort sitzt er auf einem Ticket der ÖVP in der Regierung. Seinem Fach ist der 61-Jährige bis heute eng verbunden.
„Mich wundert, dass ausgerechnet SPÖ-Politiker immer wieder einen Seitenhieb auf Latein austeilen“, sagt er und wirkt dabei ehrlich betroffen. Vor allem, weil gerade Latein ein echtes „Bildungs- und Kulturfach“ sei, das sich „nicht schnell Zweckbestimmungen und Ökonomisierungsvorwürfen“ aussetzen müsse. Im Gegenteil: „Latein ist, wenn es richtig unterrichtet wird, ein stark emanzipatorisches Fach“, sagt Töchterle. „Latein erschließt uns eine andere Welt – eine Welt, die uns zwar fern ist, aber nicht fremd.“ Und: „Wenn ein Junger in diese Welten gehen darf“, werde auch ein Arbeiterkind „zum Bildungsbürger. Ich verstehe nicht, warum Michael Häupl das nicht sieht.“
Über Umwege ans Gymnasium. Töchterle spricht damit auch seine eigene Biografie an. Denn sein Weg an die Uni war nicht vorgezeichnet. Aufgewachsen ist Töchterle im Stubaital – bis heute spielt er in seiner Heimatgemeinde Telfes in der Musikkapelle Flügelhorn – als Sohn eines Schmieds. Dass er ins Gymnasium geht, sei nicht geplant gewesen. Wie es dann doch dazu kam, sei „wohl ein Unikum“, sagt Töchterle – und setzt zu einer seiner vielen Anekdoten an: Sein Weg in die höhere Schule sei dem Sohn des Dorfarztes zu verdanken, der im streng katholischen Internat in Hall „so viel Heimweh hatte, dass seine Eltern auf die Idee kamen, ihm einen Landsmann zur Seite zu stellen“ und die Töchterles zu bitten, „den Karlheinz doch auch dorthin zu schicken“. Mit dem Dorfpfarrer lernte der damals Elfjährige die verpassten Lateinlektionen nach, ein Jahr später unterrichtete er bereits selbst seinen Bruder. „Ich war plötzlich so ein guter Lateiner, mir war nichts mehr ein Problem.“ Den Mehrwert, den eine klassische Bildung biete, könne man bis heute nicht groß genug schätzen: Gerade Latein leiste Dinge, die kein anderes Fach leisten könne oder wolle – vom Einblick in das Funktionieren von Sprache und Grammatik über die metasprachliche Kompetenz bis hin zu Rhetorik und dem bewussten Akt des Übersetzens, also jenem „Verweilen an einem Wort, in dem extrem hoher Bildungswert stecke“, sagt er – und ist wieder ganz Professor.
Töchterle weiß um seinen professoralen Charme – und er setzt ihn bewusst ein. Im persönlichen Gespräch entpuppt er sich als Charismatiker. Er ist einer jener Menschen, denen man sprichwörtlich beim Denken zusehen kann – und einer der wenigen, die dabei nicht langweilen. Denn Karlheinz Töchterle spricht nicht, er doziert. Egal, ob er nun über die von Raoul Schrott losgetretene Debatte über die Heimat Homers nachdenkt („Da wird an fundamentalen Elementen unserer Kultur gerührt.“), den bekannten Altphilologen Uvo Hölscher zitiert. („Die Antike ist uns das nächste Fremde.“) Oder von knallbunt bemalten, in den Gestank der Tieropfer gehüllten Tempel erzählt, deren strahlend weiße Nachbauten nur der „idealisierenden Grecomanie“ des Neohumanismus geschuldet seien. Der 61-Jährige, der bald zum vierten Mal Opa wird, markiert damit auch einen Typ Politiker, wie er in der aktuellen Parteienlandschaft selten geworden ist. Bei Interviews hat er – zum Schrecken aller Pressesprecher – noch keine vorgefertigten Worthülsen parat. Auch von Parteilinien hält er wenig – immerhin sei er kein Parteimitglied, wie Töchterle, der im Gemeinderat bereits für die Grünen kandidierte, gerne erwähnt.
Sich kurz zu fassen, will er nicht einmal versuchen. Laut ist er dennoch nicht – schon in seiner Zeit als Rektor war er nicht der große Redner, sondern „einer, der gerne zuhört“, wie es heißt. Vom Zuhören ist auch sein Führungsstil am Minoritenplatz geprägt. Oder, wie er selbst es formuliert: „Jemand, der den platonischen Dialog kennt und seine Hintergründigkeit schätzt, legt vielleicht noch mehr Wert auf Dialog.“ In die Kritik an der mangelnden politischen Kultur in Österreich will er nicht einstimmen: „Die Sehnsucht, dass Politik kultiviert sei, spiegelt die Sehnsucht des Menschen nach Harmonie wider – sie widerspricht aber dem Wesen demokratischer Auseinandersetzung.“
Die Mühen des Dialogs. Ob ihn die Dialogbereitschaft in der verfahrenen österreichischen Uni-Politik weiterbringt, steht auf einem anderen Blatt: Schon Vorgängerin Karl beschwor den Dialog, führte zuletzt aber eher einen Monolog. Einen erfolglosen noch dazu. Töchterle erbte eine lange Liste an unerledigten Reformen. Die Unis sind überfüllt und unterfinanziert. Auf die 100-tägige Schonfrist, die neuen Ministerin zugestanden wird, sollte er sich nicht berufen. Als Rektor hat er Erfahrung – und sich gemeinsam mit Kollegen stets mit klugen Vorschlägen an Vorgängerin Karl gewandt. Jetzt kann er sich beweisen.
Bislang ist er echte Lösungsansätze schuldig geblieben. Doch schon einmal hat Töchterle überrascht: Als 2007 ausgerechnet er – ein Altphilologe ohne nennenswerte Erfahrung – ins Rektorsamt gewählt wurde, hat das an seiner Uni auch für Erheiterung gesorgt. Seine Kritiker sind bald verstummt.
Die Aufgaben, die auf Uni-Minister Karlheinz Töchterle warten, sind zahlreich – die Liste an unerledigten Reformen ist lang: Die Unis wissen etwa nicht, wie sie ab 2013 den laufenden Betrieb finanzieren sollen. Die Rektoren forderten (bislang erfolglos) 300 Mio. Euro zusätzlich pro Jahr. Auch Töchterle hat bereits abgewunken. Ein Modell der Studienplatzfinanzierung – jede Uni würde dann einen Fixbetrag pro Student erhalten – ist zwar fertig ausgearbeitet, wird aber zurückgehalten. Somit rücken auch flächendeckende Zugangsbeschränkungen, die im Konzept enthalten wären, wieder in weite Ferne. Wie der Studentenansturm (vor allem aus Deutschland) im Herbst bewältigt werden soll, ist unklar.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2011)
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