So viele Terminverpflichtungen wie in der abgelaufenen Woche hat sie in ihrer Amtszeit als Ministerin seit Dezember 2008 noch selten wahrgenommen: Verwaltungsmesse in Berlin, Auftritt vor Bundespersonalleitern in Wien, Rede beim Beamtengewerkschaftstag, Start des Reformdialogs für den öffentlichen Dienst. An diesem Samstagnachmittag sitzt die ehemalige Lehrerin für Schwerhörige und Gehörlose aus Guntramsdorf südlich von Wien einem ehemaligen Hauptschullehrer bei den Gehaltsverhandlungen für den öffentlichen Dienst gegenüber: Fritz Neugebauer. Zumindest im Sympathievergleich wäre ihr der Erfolg sicher.
Zwei wie Tag und Nacht: Da die ruhige Ex-SPÖ-Gemeinderätin, die mit der Aufgabe des Ministeramtes nach mehreren Jahren als Nationalratsabgeordnete und einer kurzen Episode als Landesrätin in Niederösterreich gewachsen ist. Dort der altgediente Chef der Beamtengewerkschaft, der mit 230.000 Mitgliedern im Rücken oft die Muskeln spielen lässt.
Kunstsinn. Eine kulturelle Ader haben freilich beide. Heinisch-Hosek entspannt sich, indem sie selbst malt. Mit kräftigen Farben, wie bei ihrer Kleidung. Neugebauer spielt Klavier und ist ein Operettenfan.
Die für den öffentlichen Dienst zuständige Frauenministerin räumt ein, dass sie eher harmoniebedürftig ist. Die Exlehrerin ist lernfähig. In knapp drei Ministerjahren hat sie gelernt, dass sie machtbewussten Männern unverblümt Grenzen aufzeigen muss: Als „überzogen“ schmetterte sie die erste Forderung nach einer Gehaltserhöhung um 4,65 Prozent noch ab.
„Sie ist eine Kämpferin“, wird Heinisch-Hosek attestiert. Zähigkeit und Hartnäckigkeit braucht sie auch, um in einem „Unternehmen“ wie dem Bundesdienst mit knapp 133.000 Mitarbeitern irgendetwas zu bewegen. Bis 2014 sollen in Etappen knapp 4000 Dienstposten abgebaut werden. Es dauerte lange, bis sie mit Ex-Innenministerin Maria Fekter über das Prozedere für den Wechsel ehemaliger Post- und Telekom-Mitarbeiter zur Polizei einig war. Strengere Korruptionsbestimmungen, die eine oder andere Nachjustierung im Dienstrecht. Der große Wurf war nicht dabei. Sie wolle nicht „wie eine Jeanne d'Arc um die Minoritenkirche reiten“ und ständig rufen, was sie wolle, „um dann mit wehenden Fahnen unterzugehen“, sagt Heinisch-Hosek, deren Amtsitz im Palais Dietrichstein direkt neben der genannten Kirche in der Wiener City liegt.
„Glühende Kämpferin für Frauenrechte“: Das war Heinisch, die heuer im Dezember 50 wird und seit zwei Jahrzehnten mit ihrem Mann Walter verheiratet ist, nicht von Jugend an. Schon gar nicht war es ihr in die Wiege gelegt. Feminismus oder Emanzipation waren für sie lang Fremdworte. Die Mutter, eine Näherin, sorgte auf Geheiß des Vaters, eines Schlossers, daheim für die Kinder. Gabriele war ein braves, fleißiges Mädchen, das erst mit 24 von daheim ausgezogen ist.
Als Kämpferin für die Gleichstellung der Frauen war sie eine Spätberufene. Heute ist SPÖ-Frauenikone Johanna Dohnal neben Bruno Kreisky ihr Vorbild. Heute bringen sie traditionelle Rollenklischees und der Umstand, dass viele junge Mädchen vorrangig in Lehrberufe wie Friseurin statt in – besser bezahlte – technische Berufe drängen, mehr auf die Palme als dumpfe Männerkritik an ihrem „Genderwahnsinn“, weil sie sich für Frauenquoten in der SPÖ und in beruflichen Spitzenfunktionen starkmacht.
Widerstand in der SPÖ. Die männlichen Genossen machen es Heinisch-Hosek, die im Juni 2009 Nationalratspräsidentin Barbara Prammer als SPÖ-Frauenvorsitzende gefolgt ist, nicht leicht. So wurden die SPÖ-Frauen heuer vor der Gemeinderatswahl in St. Pölten bei der Listenerstellung mit dem Argument ausgetrickst, die von der Bundespartei beschlossene Quotenregelung werde erst im Herbst von der Landes-SPÖ abgesegnet.
Heinisch-Hosek hat lieber einen Fuß in der Tür, statt mit dem Kopf durch die Wand zu rennen und sich nur eine blutige Nase zu holen. Der Preis sind Abstriche. Seit heuer müssen Betriebe je nach Mitarbeiterzahl Einkommen von Frauen und Männer auflisten. Manche Gewerkschafterin bedauerte, dass es keine Sanktionen für Firmen gibt, die sich weigern. Heinisch-Hosek sah das Ergebnis als einen Schritt zur Verringerung der Einkommensschere. Beim einkommensabhängigen Kindergeld hatte Ex-Familienstaatssekretärin Christine Marek (ÖVP) die Nase vorn.
Bei der nach langem Hin und Her von SPÖ und ÖVP vereinbarten Eintragung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften statt einer Ehe stimmte die Frauenministerin zu, auch wenn sie von einem „unvollendeten“ Stück sprach. Beim Ausbau der Kinderbetreuung muss sie mit der ÖVP wegen Millionen raufen. Mühsam ist das Leben einer Frauenministerin, die nur über ein Zehn-Millionen-Minibudget verfügt. Wer sie als Männerfresserin abstempelt, dem hält sie entgegen, dass Frauenpolitik „auch Männersache“ sei: Vor allem jüngere Männer will sie begeistern – etwa mit dem Papamonat, den sie im Bundesdienst eingeführt hat.
Sie ist eine eingefleischte Rote, aber in der SPÖ ein Sonderfall. Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer war ihr Fürsprecher. Ministerin wurde sie allerdings unter dessen Nachfolger Werner Faymann, zu dessen engstem Kreis sie zählt. Um von der Politik abzuschalten, malt Heinisch-Hosek nicht nur. Mit der klassischen Hausfrauenrolle hat sie garantiert nichts am Hut, aber sie entspannt sich auch beim Kochen. An diesem Wochenende bleibt ihr dafür wenig Zeit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2011)
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