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Prammer zu Wahlrecht: „Darf ich frech sein?“

14.05.2012 | 18:17 |  Von Ulrike Weiser und Thomas Prior (Die Presse)

SP-Nationalratspräsidentin Prammer spricht sich für eine Volksabstimmung über eine Aufwertung des Volksbegehrens bei der Nationalratswahl im nächsten Jahr aus.

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Die Presse: Bisher waren Sie in der SPÖ die Einzige, die sich für ein neues Modell zur Volksabstimmung ausgesprochen hat. Nun will der Bundeskanzler ab 700.000 Unterschriften für ein Volksbegehren auch abstimmen lassen. Fühlen Sie sich von dem Vorschlag überrumpelt oder bestätigt?

Barbara Prammer: Weder noch. Die 700.000 gehen in die Richtung, die auch ich mir vorstelle. Nämlich dass man die Zahl an den Gesetzgebungsprozess anlehnt. Wenn ich umrechne, wie viele Mandate ich für ein Gesetz brauche und wie viele Stimmen die wert sind, bin ich etwa bei 700.000.

Sie selbst schlagen einen Dreistufenweg zur Volksabstimmung vor. Ist das auch Faymanns Modell?

Nein. Ich glaube aber nach wie vor, dass der dreistufige Volksentscheid, den es in deutschen Bundesländern gibt, die beste Idee ist. Es gibt zwischen den einzelnen Phasen – Initiative, Volksbegehren, Abstimmung – immer Gespräche der Politik mit den Initiatoren, Begutachtungen und Verfassungsprüfungen. Oft kommt es schon in der ersten Phase zu Ergebnissen. Es ist auch wichtig, jetzt die Zivilgesellschaft an Bord zu holen. Dort sitzt nämlich das Know-how, nicht bei den Parteien.

Können Sie Ihr Modell noch durchsetzen? Oder ist der Zug abgefahren?

Überhaupt nicht. Da gibt es noch sehr viel Gesprächsbedarf.

Eigentlich macht Faymann, was Sie bisher den anderen Parteien vorgeworfen haben. Er nennt eine Zahl, also ein Quorum, aber kein Modell.

Das wird auch so nicht funktionieren. Auch nicht beim Herrn Bundeskanzler. Aber das hat er ja nicht behauptet, sondern er hat auf die Frage nach einem Quorum geantwortet.

Sehen wir uns Ihr Modell im Detail an: Sollte man online abstimmen können?

Bei Volksbegehren ja, aber bei Volksabstimmungen traue ich mir kein abschließendes Urteil zu. Ich denke, es muss mir wert sein, dass ich zu einer solchen Abstimmung hingehe. Es sollte – wie bei Wahlen – auch hundertprozentig gesichert sein, dass ich abstimme und nicht meine Tochter. Aber das ist sicher keine Fahnenfrage.

Würde auch über Verfassungsgesetze abgestimmt?

Ja, aber da bräuchte man schärfere Regeln. Ich bin schon froh, wenn man es mit einfachen Gesetzen macht. Klar ist, dass man eine Volksabstimmung für so ein Modell bräuchte.

 

Weil es eine Gesamtänderung der Bundesverfassung ist.

Ja.

Worüber kann inhaltlich abgestimmt werden?

Über Menschen- und Grundrechte sicher nicht. Auch nicht über EU-Recht – außer es kommt was Neues dazu. Eine wichtige Frage betrifft aber nicht den Inhalt, sondern: Wie kommuniziert man ein Volksbegehren, eine Abstimmung nach außen? Brauche ich als Bürgerinitiative ein großes Medium hinter mir? Oder eine Partei? Wer zahlt das alles?

 

Soll die öffentliche Hand zahlen?

Ja, es könnte einen Topf geben, oder man regelt, wie das veröffentlicht wird. Sonst wird es eine Augenauswischerei.

Sie haben EU-Recht erwähnt: Könnte man denn über den Fiskalpakt abstimmen?

Natürlich.

 

Ist das Zustandekommen des Fiskalpakts bis jetzt demokratisch?

Die Debatte wird zu führen sein. Klar ist: Allein ist der Pakt sicher zu mager. Es ist kein Wunder, dass in den europäischen Räten derzeit Wachstums- und Beschäftigungsinitiativen verhandelt werden. Über all das muss tabulos diskutiert werden. Ich glaube aber auch, es gibt keine Alternative zur Solidargemeinschaft des ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus). Zu sagen, wir schauen nur auf uns und die anderen sind uns egal: Das wird nicht gehen.

Wenn Sie das Volk dazu fragen, sagt es eventuell etwas anderes.

Nur wenn man mit dem „Volk“ nicht diskutiert. Das ist übrigens ein populistischer Begriff.

 

Sie haben sich für ein stärkeres Persönlichkeitswahlrecht ausgesprochen. Was wäre das genau?

Am einfachsten wäre, die Prozentsätze bei den Vorzugsstimmen zu senken. Ich würde mir wünschen, dass es auch auf Bundeslisten ein Vorzugsstimmensystem gibt.

 

Was halten Sie von der ÖVP-Idee, 100 Abgeordnete direkt wählen zu lassen?

Ich glaube, dass sich das rechnerisch gar nicht ausgeht. Es gibt bereits Regionalwahlkreise, wo gar kein eigenes Mandat mehr liegt. Ich kenne das Modell ja nicht im Detail, aber ich sehe die Gefahr, dass der starke Personenbezug einer Auflösung des Parteiensystems gleichkommt. Das wäre demokratiepolitisch katastrophal.

 

Und was ist mit dem ÖVP-Vorschlag, den Bürger bestimmen zu lassen, wofür ein Zehntel seines Steuergeldes verwendet wird?

Das lehne ich ab.

 

Warum?

Man muss das Ganze im Auge haben. Wenn ich mir eine Initiative vorstelle, die sich dafür einsetzt, dass zehn Prozent aus dem Sozialbereich abgezogen und in die Wirtschaftsförderung verschoben werden, gefällt mir das nicht. Die Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft ist eine gewisse Unfreiheit. Diese gilt für das Individuum, um die Freiheit im Kollektiv zu ermöglichen.

 

Das ist eine typisch linke Position.

Ja.

 

Sie wollen Leute über Gesetze abstimmen lassen, aber trauen ihnen keine Entscheidung über Steuergeld zu. Ist das kein Widerspruch?

Ich glaube, dass das Steuerrecht ganz bewusst beim Parlament zu bleiben hat.

 

Wie geht es denn jetzt mit der Demokratiereform weiter?

Ich habe von der Präsidialkonferenz einen klaren Auftrag für eine Arbeitsgruppe. Wir haben einen Fahrplan bis Sommer festgelegt. Wissen Sie, wie lange die Debatte für die Wahlrechtsreform im Jahr 1992 gedauert hat?

 

Nein.

Vier Jahre. Weil es nicht so einfach ist. Wer etwas anderes behauptet, handelt grob fahrlässig.

 

ÖVP-Innenministerin Johanna Mikl-Leitner will noch heuer ein Ergebnis.

Darf ich frech sein?

 

Bitte.

Dann wird es ein Pfusch. Wir greifen in unsere Verfassung ein. Die kann ich nicht drehen und wenden, wie ich es brauche.

 

Wie lange wird es dauern, bis die Reform fertig ist?

Wir müssen froh sein, wenn wir sie vor der Nationalratswahl 2013 zusammenbringen. Dann könnten wir die dafür nötige Volksabstimmung mit der Wahl durchführen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2012)

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16 Kommentare
Gast: Hans im Glück
16.05.2012 21:23
2 0

"Die Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft ist eine gewisse Unfreiheit. Diese gilt für das Individuum, um die Freiheit im Kollektiv zu ermöglichen."

Frau Prammer!

Freiheit ist für mich selbst die Verantwortung für meine Taten zu übernehmen!

In der Anonymität des Kollektivs bleibt die Verantwortung auf der Strecke.

Aus diesem Grund haben alle sozialistischen bzw. kommunistischen Experimente fehlgeschlagen.


Gast: Lukas
16.05.2012 09:52
4 0

wo blieb die Volksabstimmung als die Legislaturperiode verlängert wurde?

die machtbesessenen Typen von SPÖVP denken nicht daran den Bürger mitbestimmen zu lassen. Sie haben sich selbst eine "repräsentative Demokratie" gezimmert, die den Bürger möglichst von Wahlurnen fernhält. Das erleichtert auch die Korruption wesentlich. In Brüssel kann man sich auch gegenseitig freundschaftlich auf die Schulter klopfen. Die Meinung der Bürger ist da nur hinderlich. Die Bürger sollen arbeiten und brav Steuern und Gebühren zahlen!

We are Borg

Resistance is futile.

Offenbarungseid

nennt man sowas und wendet sich mit Grausen ab....

Gast: Andreas Tögel
15.05.2012 13:45
8 0


Verhinderer

Alles ist erlaubt, solange es für die Parteien nicht verbindlich ist. Das ist so die Zusammenfassung der letzten 30 Jahre bezüglich der direkten Demokratie.

Solange wir von Rot/Schwarz gegängelt werden, solange wird sich daran auch nicht viel ändern.

Das nennt man Parteiendiktatur!!!


"... aber ich sehe die Gefahr, dass der starke Personenbezug einer Auflösung des Parteiensystems gleichkommt. Das wäre demokratiepolitisch katastrophal."

Was um Himmels Willen Frau Möchtegerndiktatorin, hat die Schwächung des Parteiensystems mit einer demokratiepolitischen Katastrophe zu tun?

Demokratie geht vom Volk aus, nicht von Parteifunktionären!

2 0

Re: Demokratie geht vom Volk aus, nicht von Parteifunktionären!


"In Europa halten sich die Parteien gewissermaßen für den gesetzgebenden und vollziehenden Vormund der Nation, die ihre Stimme nicht selbst erheben kann; von dieser Vorstellung aus handeln und befehlen sie."
Alexis de Tocqueville, 1805-1895

Und damit ja niemand auf die Idee kommt, es ginge ohne Parteiendemokratur, haben wir inzwischen sogar ein verbrieftes Recht auf Bevormundung:
"Artikel 12 (2) Politische Parteien auf der Ebene der Union tragen dazu bei, den politischen Willen der Unionsbürgerinnen und Unionsbürger zum Ausdruck zu bringen."
(Charta der Grundrechte der EU, 2010)

Weil also der heutige Bürger nicht mehr weiß, was er an politischem Willen ausdrücken kann und darf, bedarf es solch heller Leuchten wie unserer NR-Vorsitzenden, die das Wesen der Freiheit auf ihre ganz persönliche Art erklärt.

Das einzig Verblüffende an der ganzen Chose ist die Präzision, mit der Tocqueville, Nietsche, Orwell und unzählige andere die Folgen der Parteien-Demokratie vorhergesagt hatten.

Milchmädchenrechnung?

Um ein Gesetz in den Nationalrat einzubringen brauche ich 5 Unterschriften und ein Mandat war bei der letzten NR-Wahl für ungefähr 50.000 Stimmen zu haben. Durch ein Bürgerbegehren wird im Prinzip auch nur ein Gesetzesvorschlag eingebracht, womit in etwa die gleiche Unterschriftenanzahl als Masstab heranzuziehen wäre. Ein Bürgerbeteiligungsmodell, welches durch § 15 Vereinbarung mit den Ländern auch auf Landes- bzw. Gemeindeebene heruntergebrochen werden kann, habe ich allen Parteien übersendet. Dieses ist unter Facebook unter meinem Namen bzw. als Kurzfassung als Frage an Barbara Prammer unter meinparlament.at nachlesbar.

http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/455425_Der-groesste-Betrug-bzw.-Selbstbetrug-in-der-Geschichte-der-2.-Republik.html

Re: Milchmädchenrechnung?

Ihrem Gastkommentar kann ich nur zustimmen.

Gast: JetNick
15.05.2012 07:16
12 0

Wir wissen scho wos für Euch Gfrasta gut is...

...so kommt mir der mit inrbünstigem Sendungsbewusstein vorgetragene Satz Prammers vor: "Zur Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft gehört eine gewisse Unfreiheit des Individuums...!"

Soll übersetzt heissen: Wir Sozialisten wissen immer noch was für Euch latente Fascho-Gfrasta gut is, die Richtung jener "Freiheit des Kollektivs" bestimmt bitte immer noch die SPÖ (und die Fellner/Wrabetz-Combo).

Das war ein reiner und ungehinderter Blick ins Herzen einer "Bewegung". In diesem ideologischen Sendungsbewusstein treffen sich die Roten auf Augenhöhe mit den Grünen.

Zum Speiben...


die roten sind immo sicher die beste alternative... leider.


Gast: loki18
14.05.2012 22:05
17 5

darf ich frech sein?

wenn prammer etwas angreift, wirds auf jeden fall ein pfusch - egal wie lange sie sich zeit lässt

oder besser: es wird nie was - siehe parlaments-sanierung

da werden vorher 200 gutachten, 30 arbeitskreise und 50 enqueten abgehalten - nur um ja nichts entscheiden und damit verantwortung übernehmen zu müssen

die bisherigen leistungen prammers für die republik: null.

bitte einfach nur: ruhig sein. danke.

e-voting

Wichtiger als die Frage wie viele Stimmen für eine verpflichtende Volksabimmung notwendig sind ist die Frage ob man diese Volksbegehren per Bürgerkarte unterschreiben kann. Im Unterschied zur Wahl oder Volksabstimmung ist die Unterstützung eines Volksbegehren sowieso nicht geheim. E-voting ei Volksbegehren widerspricht daher nicht dem Grundsatz des geheimen Wahlrechts!

Gast: 1. Parteiloser
14.05.2012 19:11
14 1

Ihre eigentlichen Aufgaben kann die Prammer nicht erkennen!

Als 1. Nationalratspräsidentin wäre diese Dame doch für ethsiche Sauberkeit und demokratische Vorgänge im Parlament verantwortlich.

Tatsächlich ist es aber so, dass in Österreich die Interessensvertreter (Lobbyisten) einen direkten Zugriff auf die Gesetzgebung haben und diesen schon traditionell in eigener Sache missbrauchte. Wenn es um Demokratie geht und nicht um eine Despotie der Lobbyisten, dann müsste die Prammer diesen Umstand abstellen, wenigstens aber bekämpfen.

Tatsächlich gibt es im Ö Parlament auch, der Fr. Prammer sehr wohl bekannt, den demokratieverachtenden Klubzwang. Dieser hätte schon lange unter schwerste Strafen gestellt werden müssen. Als Höchststrafe wäre ein 5 Jähriger Entzug der Parteienförderungen angebraucht.

Natürlich ist es innerhalb einer Demokratie und eins Parlamentarismus für die Bürger undenkbar, dass die Anbgeordneten die Gesetzesvorlagen gar nicht lesen, trotzdem aber deren Stimme dazu abgeben. Auch diesen Unsinn hätte die Parlamentspräsidentin schon lange abstellen müssen.

Was diese Dame, bei diesem exzessiven eigene Versagen, dann an Wortspenden zu anderen demokratischen Vorgängen in Österreich abgibt, das kann doch so niemand ernst nehmen.

Die gleiche Fehlleistung wie der Vizekanzler heute in der Hofburg.

3 0

Re: Ihre eigentlichen Aufgaben kann die Prammer nicht erkennen!

Jetzt hören sie aber auf Verantwortung ? und das bei Politikern ?
Wäre was Neues aber in der Praxis leider unmöglich außer in DE.