Wien. „Ja, so einen Menschen wie den Schelling täten die Griechen brauchen.“ Ginge es nach Heinz Becker, dem Generalsekretär des ÖVP-Seniorenbundes, käme auf den Vorstandschef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Hans Jörg Schelling, schon bald der nächste Kriseneinsatz mit der Sanierung der griechischen Staatsfinanzen zu.
Der schnauzbärtige gebürtige Vorarlberger hat seit seiner Bestellung im Jänner 2009 für österreichische Verhältnisse ein kleines Kunststück geschafft: Der damals beängstigend hohe Schuldenberg der Krankenkassen ist, seit Schelling an der Spitze der Dachorganisation des 52-Milliarden-Imperiums der Sozialversicherungen steht, um rund eine Milliarde Euro auf 281 Millionen Euro (Stand Mai 2012) abgetragen worden.
Vom Portier zum Vorstandschef
Ein paar kräftige Finanzspritzen des Bundes haben dabei geholfen, dass die früher chronisch defizitären Krankenversicherungen zuletzt durchwegs schwarze Zahlen vorweisen konnten. Der Vorstandschef der von den Sozialpartnern an sich selbst verwalteten Sozialversicherungen hat mit dem Durchziehen der Sparauflagen der Regierung und von „Kostendämpfungen“ sowie seinem „Masterplan“ wesentlichen Anteil daran. Dabei hatte er mit dem Gesundheitswesen lange gar nichts am Hut, sieht man davon ab, dass er in seiner Jugend einmal Portier im Krankenhaus Hohenems war.
Nicht einmal 4000 Euro brutto im Monat erhält der 58-Jährige, der an der Uni Linz Betriebswirtschaft studiert hat, als Funktionsentschädigung im Hauptverband. Mit der in der Vorwoche erfolgten Weichenstellung für eine Gesundheitsreform, die freilich Detailhürden erst nehmen muss, hat er dem Hauptverband deutlich mehr Einfluss gesichert. Vor Schellings Zeit endeten Verhandlungen zwischen Bund und Ländern oft damit, dass letztlich die Krankenkassen zahlen mussten.
Das gemessen an den Summen und an der Verantwortung geringe Salär im Hauptverband ist mit Sicherheit nicht die Triebfeder Schellings. „Er ist einer, der etwas umsetzen will“, urteilen Mitstreiter. Das war schon als Manager beim Möbelhaus Lutz und seinem früheren Arbeitgeber Kika-Leiner, von dem er im Streit geschieden ist, so. Nach ersten Schritten auf dem harten, roten St. Pöltner Gemeindepolitik-Pflaster wurde er 2004 Vizepräsident der Wirtschaftskammer. 2007 folgte ein 15-Monate-Intermezzo als ÖVP-Nationalratsabgeordneter. 2008 übernahm er die Obmannfunktion in der Unfallversicherungsanstalt.
Klar, es schmeichelt Schellings Ego, dass in Sachen Gesundheit auch Kanzler und Vizekanzler auf ihn hören. Der Vater zweier erwachsener Töchter kniet sich aber nicht nur im Job rein. Seit er Anfang 2009 das Stiftsweingut Herzogenburg gepachtet hat, ist der nunmehrige St. Pöltner als Hobby-Weinbauer auch dort um Qualität bemüht. So mancher Freitag ist für diese Freizeittätigkeit reserviert.
Niederösterreichs ÖVP-Landeshauptmann Erwin Pröll hat ihn zwar nach der Jahrtausendwende zur Politik gebracht, inzwischen zählen Pröll und seine starke Landes-ÖVP nicht zuletzt wegen Differenzen um das Krankenhaus- und Gesundheitswesen aber zu den „inneren Feinden“.
Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl hat ihn als Sanierer forciert. Schelling kommt aus der Sozialpartnerschaft, er weiß auch, wie er Gewerkschafter anpacken muss. „Wir haben ein sozialpartnerschaftlich gutes Verhältnis“, sagt der leitende ÖGB-Sekretär Bernard Achitz. Kolportiert wird eine Episode: Demnach hat der frühere Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, der Gewerkschafter Franz Bittner, Schelling als Mann für die Sozialversicherung gelobt, „schade“ sei nur, dass er nicht von der SPÖ sei.
Auf einer Wellenlänge mit Fekter
In der Regierung ist er mit Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP), die selbst aus dem Wirtschaftsbund kommt, auf einer Wellenlänge. So gesehen war es daher kein Wunder, dass Schelling seit dem heurigen Frühjahr zwar nicht Griechenland, aber als von Fekter favorisierter Aufsichtsratspräsident die marode Österreichische Volksbanken AG am Hals hat. [picturedesk.com]
Hans Jörg Schelling, der am 27. Dezember 1953 in Hohenems geboren wurde, ist seit Jänner 2009 Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungen. Zuvor war er ab Mai 2008 Obmann der Allgemeinen Unfallversicherung. Der studierte Betriebswirt ist außerdem seit 2004 Vizepräsident der Wirtschaftskammer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2012)
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